weather-image
20°

»Wer hilft mir, wenn ich nicht mehr kann oder sterbe?«

5.0
5.0
Bildtext einblenden
Alle Referenten und Organisatoren der VdK-Informationsveranstaltung auf einen Blick. (Foto: Tessnow)

Bischofswiesen – Über Hilfs- und Pflegedienstleistungen sowie Sterbehilfe wird ständig und kontrovers diskutiert. Ein umfangreicher Vortragsabend der VdK sollte Begriffsklarheiten und Einblicke in die Pflegeleistungen, Palliativmedizin und Seniorenarbeit bringen.


Die Referenten Guido Boguslawski, Dr. Henner Krauss und Walter Parma präsentierten am Mittwochabend im Gasthaus »Schönfeldspitze« den Teilnehmern hierzu ihr umfangreiches Wissen aus der aktuellen regionalen Gesundheitspolitik. Es ist ein Thema, welches sowohl Kranke als auch Pflegeleistende interessiert. Auch nach Gesetzverabschiedungen bleibt Verwirrung allgegenwärtig. Nur wenige Betroffene steigen durch das Rechtsprechungskonvolut durch. Gründe genug, um Transparenz in die Thematiken zu bringen.

Anzeige

Wolfgang Kemmler, 1. Vorsitzender des VdK-Ortsverbandes, wies einleitend auf die Bedeutung des VdK hin. »Der VdK hat mittlerweile über 660 000 Mitglieder in Bayern und berät bei Rechtsprechungen beziehungsweise der Durchsetzung sozialer Rechte sowie bei Krankheit und Behinderungsstufen.« Des Weiteren erteile der Verein fachkompetente Beratung zur gesetzlichen Rentenversicherung, dem Schwerbehindertenrecht sowie der Kranken- und Pflegeversicherung, so Kemmler.

VdK-Kreisgeschäftsführer Guido Boguslawski referierte anschließend über Neuregelungen der gesetzlichen Pflegeversicherung ab 2017. Zu den damit vorgeschriebenen Begutachtungskriterien und Bewertungsgrundlagen der Selbstständigkeit nach den Paragrafen des Sozialgesetzbuchs SGB) nahm Boguslawski ausführlich Stellung. »Hierbei muss es sich um Personen handeln, die körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchtigungen, gesundheitlich bedingte Belastungen haben oder die Alltagsanforderungen nicht selbstständig kompensieren beziehungsweise bewältigen können«, informierte Boguslawski und vertiefte: »Die Pflegebedürftigkeit wird aktuell nach Paragraf 15 SGB XI in fünf Grade regelnd eingestuft. Grundlegend geht es also darum, was jemand kann und was nicht. Die jeweiligen Vergütungsmodi berechnet resultierend die Pflegekasse.« Abschließend erklärte Boguslawski die gesetzlichen Richtlinien der Rentenversicherung für Pflegende und die Auswirkungen der sogenannten »Flexirente«.

Was macht ein Hospizverein?

Als zweiter Programmpunkt stand die Palliativmedizin und Hospizbewegung im Fokus. Hier gewährte Dr. Henner Krauss Einblicke in die Historie samt Entwicklung und erklärte den aktuellen Stand der Einrichtungen mit ihren Anlaufstellen im Berchtesgadener Land. Der Hospizverein BGL wurde 1994 gegründet. 2004 entstand die erste Palliativstation im Krankenhaus Bad Reichenhall. Die Deutschen werden immer älter und ihr Bewusstsein ändert sich, so Krauss. Für viele Menschen sei der Begriff Tod eine schlimme Vorstellung. Der Prozess mache ihnen Angst.

Dr. Krauss fragte in die Besucherrunde: »Wo sterben Menschen? Wie sterbe ich? Muss ich mit Schmerzen leiden und wie lange?« Er schickte gleich die Antworten hinterher: »Drei Viertel möchten natürlich daheim bleiben, aber nur 20 Prozent tun oder können es wirklich. Das Leitthema und Ziel unseres Hospizvereins ist es, dem Patienten ein würdevolles Sterben zu ermöglichen. Es gilt, dem Menschen seine individuellen Wünsche nach Möglichkeit bis zum Schluss zu erfüllen«, so Dr. Krauss. »Wir möchten jedem Einzelnen den Sinn seines Lebens nochmals verdeutlichen: Ist doch toll, was du alles in dieser Zeit geschafft hast. Du warst es wert, gelebt zu haben.« Hospizarbeit bedeutet das einfühlsame und achtungsvolle Begleiten Schwerkranker und sterbender Menschen. Es bedeutet ebenfalls, Raum zu schaffen für das Abschiednehmen und für alle Beteiligten Ansprechpartner zu sein.

Dr. Krauss vertiefte das streitbar ethisch-politische Problem: »Wir Ärzte sind nicht dazu da, Patienten zum Sterben zu verhelfen.« Bei der Beratung zu den Gesetzen der Sterbehilfe habe sich bei den Politikern die Erkenntnis durchgesetzt, dass es die ärztliche Aufgabe ist, die Menschen zu unterstützen. »Die Politik begann endlich, die Krankenkassen anzuweisen, die palliative Medizin zu bezahlen, denn sie ist die wichtigste Alternative, um Angst und Qualen zu vermindern«, erklärte Dr. Krauss.

Dr. Krauss erläuterte den Teilnehmern anschließend einige Fachbegriffe aus der Palliativmedizin: »Palliative Care dient der Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und ihren Familien, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung konfrontiert sind, und sieht das Sterben als einen normalen Prozess an.« Es solle weder der Tod beschleunigt noch hinauszögert werden. »Sie unterstützt die Familie während der Erkrankung des Patienten und in der Trauerphase. Sie schließt die aktive Sterbehilfe absolut aus«, so Krauss.

Die »Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin« teilt zwei Betreuungsmethoden ein. Unter »AAPV« versteht man die allgemeine ambulante Palliativversorgung (sogenannte Brückenschwestern, seit 2006 im Berchtesgadener Land). Die nächste Stufe ist die »SAPV« (Spezialisierte ambulante Palliativversorgung). Sie beinhaltet eine 24-Stunden-Betreuung, wird vom Hausarzt verordnet und von den Krankenkassen bezahlt. Hier ist ein Palliativteam notwendig. Sinn ist es, möglichst eine Klinikeinweisung zu vermeiden (seit 2015 im Berchtesgadener Land).

»Helfen und geholfen werden«

2014 wurde die Seniorengemeinschaft Berchtesgadener Land-Süd ins Leben gerufen. Sie hat aktuell 675 Mitglieder. Der Grundgedanke des Vereins ist es, durch Selbsthilfeeinrichtungen beziehungsweise Tätigkeiten aktiver Senioren und jüngerer Mitmenschen organisiert zu helfen und »geholfen zu werden«. Ein umfangreiches Angebot an häuslichen Hilfeleistungen, wie Alltagsbegleitung, Beaufsichtigung und Versorgung außer Haus sowie Entlastung Angehöriger, sind die Leitlinien der Seniorengemeinschaft Berchtesgadener Land-Süd. Als dritter Referent gab Walter Parma einen Einblick in diesen Verein. »Der Ausgangspunkt der Überlegungen zur Gründung des Seniorenvereins war, dass für die Altersgruppe der 60- bis 74-Jährigen bis zum Jahr 2025 eine Zunahme von 17,7 Prozent prognostiziert wird«, begann Parma seinen Vortrag. 120 Mitglieder sind derzeit in der Gemeinschaft aktiv tätig. »Unser Verein agiert gemeinnützig und mildtätig.« Im Landkreis bestehe ein großer Bedarf an unterschiedlichen Hilfeleistungen. Hier kamen von 2015 bis 2018 über 10 600 Einsatzstunden an Bedürftige zusammen. »Unser großes Aktivitätenspektrum und umfangreicher Aufgabenkatalog, den wir anbieten, macht uns schon stolz«, resümierte Parma.

Zum Abschluss konnten die Teilnehmer noch ihre privaten Anliegen an die Referenten richten. Hierbei wurde deutlich, wie kompliziert und individuell die Probleme bei den Betroffenen liegen können. Wolfgang Kemmler präsentierte danach noch ein neu entworfenes Hilfsutensil. Es ist eine sogenannte »Notfalldose«, in der ein Patient sämtliche Informationen für den Notfall notiert hat. Ein Aufkleber sollte sichtbar in der Wohnung zu finden sein, um der Rettung schnellstmöglich die lebenswichtigen Daten griffbereit vermitteln zu können. Jörg Tessnow