Bildtext einblenden
Alice Eichhorn und Simeon Asvaha. (Fotos: Eva Goldschald)

Wenn die Zeit vor sich hin tröpfelt: Schülerin und Absolvent der Schnitzschule über Einschränkungen im Unterricht und privat

Berchtesgaden – Geschlossene Schulen und Ausbildungsstätten, keine Treffen mit Freunden, Freizeitaktivitäten verboten. Die Corona-Krise verlangt von der jungen Generation so einiges. Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat sich mit einer Schülerin und einem Absolventen der Schnitzschule getroffen und mit ihnen über die Ausnahmesituation gesprochen. 


Simeon Asvaha und Alice Eichhorn sitzen in der Küche ihrer WG im Markt. Außer ihnen wohnen hier noch zwei weitere Menschen, manchmal übernachten Freunde hier und werden automatisch zu Mitbewohnern. Dass sie allesamt kreativ sind, merkt man schon, wenn man die Wohnung betritt. Bunte Bilder hängen an den Wänden, getöpferte Schalen und Skulpturen stehen auf antiken Kommoden, selbst gebastelte Lampen zeichnen ein warmes Licht an die Wände in der Küche. Im Flur muss man aufpassen, nicht über die Schuhe zu fallen.

Alice Eichhorn kocht Tee aus selbstgepflückten, getrockneten Kräutern. Minze, Thymian und was sie sonst noch so im Garten ihrer Eltern gefunden hat. Immer wieder kommt jemand in die Küche, um sich Kartoffeln aus der großen Pfanne zu holen. Gekocht wird hier für alle.

In einer Blase

Eichhorn und Asvaha kennen sich seit knapp zweieinhalb Jahren. Er machte im Sommer 2021 seinen Abschluss an der Schnitzschule, Eichhorn ist dieses Jahr dran. Für sie ist die Schule wie eine Blase. Die Schülerinnen und Schüler kommen aus allen Ecken Deutschlands, werden zusammengewürfelt, wohnen fast alle gemeinsam in WGs, verbringen die Freizeit miteinander. Während Corona verging die Zeit schnell, vielleicht zu schnell. »Ich war in einem richtigen Schwebezustand. Die Zeit tröpfelte so dahin, und erschreckenderweise wurde es irgendwann normal, dass wir einfach so rumhängen. Ohne auch nur annähernd zu wissen, was wirklich auf uns zukommt. Manchmal fühle ich mich noch immer so, aber es ist besser geworden«, erzählt die Schnitzschülerin.

Es habe mehrere Wochen keinen Unterricht gegeben. Alles war neu, niemand wusste, was passieren würde. Zu Beginn habe es sich noch angefühlt, als hätte man einfach verlängerte Ferien. Zu diesem Zeitpunkt hätten aber alle geglaubt, dass es bald weitergehen würde. Aus den paar Wochen wurden schließlich dreieinhalb Monate, in denen sie nicht in die Schule durfte.

Ein besonderer Fall

Während Simeon Asvaha nach einiger Zeit wieder Unterricht hatte, lernte Alice Eichhorn von zu Hause aus. Asvaha war im Abschlussjahrgang und somit von der Regelung ausgenommen. Insgesamt waren es mit ihm elf Schülerinnen und Schüler, die auf zwei Räume verteilt wurden. »Wir mussten uns testen, trugen Masken, nach Schulschluss trafen wir uns wieder und unterhielten uns ganz normal. Das war einfach verrückt«, erzählt er. Auch Eichhorn empfand die Regelungen als unlogisch. »Wir sind anders als andere Schulen. In Großstädten mit vielen Klassen und vielen Menschen sind Einschränkungen nachvollziehbar und die Leute trafen sich ja dann meistens wirklich nicht. Wir als Schnitzschule sind anders«, erzählt die 23-Jährige und fügt hinzu: »Egal, was man generell von Corona und den Maßnahmen halten mag, wir fühlten uns wirklich verarscht.«

Offener Brief

Die Schnitzschule stellt eine Nische dar. Zwar gibt es Unterrichtseinheiten wie Ethik oder Kunstgeschichte, das meiste passiert aber mit den Händen. Schnitzen, formen, sägen und modellieren. All das funktioniert zu Hause nur eingeschränkt oder gar nicht. Zudem haben solche Schulen bei Weitem nicht die Anzahl an Lernenden wie andere Ausbildungsstätten. Es sind maximal 80 Schülerinnen und Schüler, viele wohnen gemeinsam in WGs, treffen sich auch untereinander, weil sich wohnungsübergreifend Paare bilden.

»Es gab einen offenen Brief an die Regierung, verfasst von Leitern der Schulen in Garmisch, Oberammergau oder auch einer Silberschmiede, in dem sie um eine gesonderte Behandlung oder zumindest eine flexiblere Gestaltung des Unterrichts baten. Das half aber nichts. Um uns hat man sich einfach gar keine Gedanken gemacht. Die Politik legt sich so viele Ausnahmen zurecht, aber wir sind ganz am Ende der Kette«, erzählt Eichhorn.

Um nicht ganz so viel zu verpassen, gab es Onlineunterricht in Ethik und Kunstgeschichte. Diejenigen, die nicht in die Schule durften, konnten sich Materialien wie Ton oder Kleinigkeiten zum Schnitzen und modellieren mit nach Hause nehmen. Ersetzt habe das den praktischen Unterricht aber nicht, besonders in der Schreinerei. »Ich hatte Glück, weil ich im Abschlussjahr war. Aber die anderen konnten so gut wie nichts machen. Man kann ja nicht erwarten, dass man zu Hause Schleifpapier, Säge und große Maschinen hat. Ganz zu schweigen von den großen Holzstücken, die man nicht mal eben mit nach Hause nehmen kann«, sagt Asvaha. Platz, sich aus dem Weg zu gehen, hätte es bei der geringen Zahl an Schülerinnen und Schülern allemal gegeben, da sind sich die beiden einig. Auch Tests seien kein Problem gewesen.

Alice hatte in der Holzbildhauerei mehr Glück. Sie konnte daheim modellieren oder zeichnen. »Im Nachhinein sehe ich auch etwas Schuld bei mir. Natürlich hätte ich mehr tun können und die Zeit besser nutzen. Aber mir fehlte der Elan, etwas Neues anzufangen, weil ich immer wieder dachte, dass wir eh am nächsten Tag nicht mehr kommen dürfen. Ich bin niemand, der gut von Zuhause aus arbeitet, ich kann auch nicht auf Knopfdruck kreativ sein. Alleine am Schreibtisch, immer abgelenkt, mir fehlte die Zeit in der Schule«, erzählt die angehende Holzbildhauerin.

Das Gute sehen

Trotz der angespannten Situation sind die beiden froh, dass die Lehrenden immer für sie da gewesen waren. Es wäre schon eine Meisterleistung vom Schulleiter Norbert Däuber gewesen, stets alle Regelungen und deren Ausnahmen zu kennen. So habe man den Schülerinnen und Schülern so gut es ginge das Leben vereinfacht. Gleichzeitig hätten die Lehrerinnen und Lehrer es auch ausbaden müssen, wenn man nicht so gut drauf gewesen sei.

»Berchtesgaden ist irgendwie eine Ausnahme. In all dem Chaos waren wir auch so privilegiert, hier zu leben. Wir konnten rausgehen, die Natur genießen«, erzählt Eichhorn. Die Münchnerin, die viel Zeit im angrenzenden Pinzgau im Ferienhaus ihrer Eltern verbrachte, spazierte mal über die Reiteralm in ihre zweite Heimat. »Die Polizei rief dann irgendwann bei meinen Eltern an, weil mein Auto so lange am Parkplatz stand. Sie dachten, es hätte einen Bergunfall gegeben«, erzählt sie mit einem Grinsen im Gesicht.

Gedanken an die Zukunft

Innerhalb der WGs sprachen die beiden viel über die Situation, unter anderem auch, was mit der Welt passieren wird. Im Sozialen, in Bezug auf Versorgung und auch, wie Menschen miteinander umgehen. »Das Kuriose war, dass viele von uns auch schon vor Corona solche Gedanken hatten und irgendwie das Gefühl, dass etwas passieren wird, irgendein Aufstand aus der Bevölkerung, eine große Veränderung in der Wirtschaft und auch wie wir unser Leben gestalten. Ja, und dann kam einfach Corona. Das unsichtbare, nicht richtig greifbare Virus, das alles lahmlegt«, erzählt Asvaha.

Beide fanden es toll, dass sich die Menschen untereinander halfen, für ältere Menschen einkaufen gingen, sich vermissten und einfach über andere Wege kommunizierten und versuchten, sich möglichst nahe zu sein. Irgendwann mischte sich aber Wut hinzu. »Ich war schon immer traurig über das Ungleichgewicht in der Welt. Durch Corona hat sich das verstärkt. Die reichen Länder sicherten sich Impfstoffe, während die Länder, die ohnehin medizinisch schlechter dastanden, erst mal gar nichts bekamen, bis heute. Ich habe für einen kurzen Moment gehofft, dass sich die Welt wandelt, weniger auf Kapital und Macht fokussiert ist und einfach zusammenhält. Das war ein Wunschtraum.«

Was Corona mit den Menschen macht

Nicht nur Corona veränderte den Alltag, sondern auch die Menschen verändern sich durch die Situation. So beschreibt Asvaha, dass er viel mehr Zeit für sich benötigt: »An manchen Tagen kann ich das Wort Corona einfach nicht mehr hören, aber es ist überall. Manchmal flüchte ich davor und beanspruche bewusst Zeit für mich. Dann muss ich mich aber wirklich ein paar Tage komplett von allem zurückziehen, sonst geht es nicht.«

Der 27-Jährige hat gemerkt, dass man im Alltag sensibler miteinander umgeht, vor allem, wenn man auf neue Leute trifft. »Ich habe beobachtet, dass man bei neuen Bekanntschaften vorsichtiger wird, erst einmal abcheckt, wie sie zu Corona stehen. Man klärt oft relativ schnell die Fronten, damit man nicht in ein Fettnäpfchen tritt.« Dass er so vorsichtig ist, hat einen guten Grund. Zu Beginn der Corona-Krise wohnte er noch in einer anderen WG, gemeinsam mit sieben anderen Schnitzschülern und einem älteren Herren.

Letzterer sei beim ersten Lockdown komplett ausgeflippt. »Er war gesundheitlich angeschlagen und hatte wirklich Angst um sein Leben. Eines Tages kamen zwei Kumpel zu uns in die WG, nur um kurz einen Freund abzuholen. Sie gingen nicht mal richtig in die Wohnung, sondern warteten im Flur in der Nähe der Haustüre. Ich war in meinem Zimmer und habe die beiden gar nicht gesehen. Ich hörte nur plötzlich unseren älteren Mitbewohner rumschreien.«

Ein Freund erzählte im Nachhinein, der Mann habe alles mit Desinfektionsmittel eingesprüht und die beiden aufs Übelste beschimpft. Als die beiden mit dem Freund relativ schnell abhauten, stand plötzlich die Polizei vor der Türe. Gerufen vom älteren Mitbewohner. »Nach dem Vorfall bin ich ausgezogen«, erzählt Asvaha.

Auch Eichhorn merkt in ihrem Umfeld, wie sich Menschen verändern. »Die Stimmung zwischen meinem Onkel und meiner Tante ist angespannt. Der eine hatte Corona und kam fast ins Krankenhaus, die andere hält alles komplett für überzogen.« Das Thema würde so polarisieren und die Schnitzschülerin ist verunsichert, wie es sich weiter entwickeln wird. »Ich habe mich recht schnell impfen lassen, einfach weil ich in unsere Politik vertraut habe. Allerdings bröckelt diese Fassade immer mehr. Ich finde es überhaupt nicht cool, wie man Leute wegen ihres Impfstatus ausschließen kann. Ehrlich gesagt: einfach nur eklig.«

Veränderungen im Alltag

Asvaha ist nicht geimpft, hat sich aber damit abgefunden, dass er gewisse Dinge deshalb nicht mehr tun darf: »Ich finde mich damit zurecht, was ich darf und nicht darf. Ich würde gerne mal wieder ins Kino oder in die Sauna gehen. Aber wenn ich ganz genau überlege, so richtig vermissen tu ich es nicht. Es ist eine Einstellung, mit der ich mir jetzt eben viel Geld spare.«

Auch Eichhorn hat sich in den vergangenen beiden Jahren verändert. »Ich bin einerseits dankbarer geworden. Corona hat mir gezeigt, egal was passiert, ich lebe in einem Land, in dem ich mich trotz Hiobsbotschaften sicher fühlen kann. Allerdings hat sich meine menschenverachtende Ader stark ausgeprägt.« Sie lacht und erzählt weiter: »Diese Ader sagt mir so stark, wie eklig es ist, Menschen zu kategorisieren, vorzuführen und weil die nicht geimpft sind, auszugrenzen und es unter dem Deckmantel der Risikominimierung positiv darzustellen. An schlechten Tagen bin ich wirklich an einem Punkt, an dem ich mir denke, eine Erde ohne Menschen wäre so viel schöner.«

Wunsch nach Stabilität

Asvaha und Eichhorn wissen, dass sie viel verpasst haben. Einen normalen Schulalltag, Abschluss- und Sommerfeste, Ausflüge oder einfach gemeinsame Abende mit Lehrern und Schülern. Manche Schülerinnen und Schüler hätten insgesamt gerade mal rund 50 Tage Schule mit Anwesenheit gehabt.

»Ich fühle mich, als wäre das Gerät wieder an, nicht mehr auf Stand-by, weil einiges wieder normal ist. Aber es läuft auch noch nicht richtig. Wir haben wieder durchgehend Schule und ich hoffe, es bleibt so. Man hat zwar immer noch keine Ahnung, was passiert, aber irgendwie haben wir uns abgefunden mit der Corona-Realität«, erzählt Eichhorn. Asvaha fügt hinzu: »Irgendwann, wenn uns unsere Kinder fragen, was hast du damals gemacht, als Corona da war. Dann sage ich einfach: gar nichts, es war total langweilig.«

Eva Goldschald