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Weihnachtslieder aus 100 Kehlen

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Stimmgewaltig ließen rund 100 Sängerinnen und Sänger auf dem Schlossplatz Weihnachtslieder erklingen. (Fotos: Meister)
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Ernst Schusser (l.) und Eva Bruckner hatten es gar nicht so schwer, Leute zum Mitsingen zu bewegen. Auch Berchtesgadens 2. Bürgermeister Bartl Mittner schmetterte kräftig im Chor mit.

Berchtesgaden – Ein Lied mit Migrationshintergrund kündigte Ernst Schusser an, ein altes Lied, in Köln entstanden, doch bald in den Chiemgau gekommen, »weil es dort schöner war«. Sagt er und weiß schon, dass gelacht wird. Er hat Routine, denn er ist zum 18. Mal bereits auf Tour mit Weihnachtsliedern aus Deutschland und speziell Oberbayern.


»Zu Bethlehem geboren«, aus vielleicht einhundert oder sogar viel mehr Kehlen. Und gar nicht so zögerlich, wie man es von anderen Gelegenheiten kennen mag. Hier singt jeder kräftig mit, weil er das will. Dazu ist man eigens an diesem vierten Adventssonntag auf den Berchtesgadener Schlossplatz gekommen.

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Schusser stimmt mit der Ziach an, dezent von Eva Bruckner mit der Gitarre unterstützt. Eine ganze Schar sangesfreudiger Menschen hatte sich am Tag vor Heiligabend unter den Arkaden am Schlossplatz zum gemeinsamen Singen versammelt und wer unter dem schützenden Vorbau keinen Platz mehr finden konnte, suchte Schutz für sich und sein Liederheft unter dem Schirm. Und fast jeder hatte sich mit einer Gesangsvorlage ausgerüstet, bequem und im Sonderangebot von den beiden Musikanten verteilt.

Gemeinsames Singen ist wohl ein seltenes Gut geworden. Es waren aber viele gekommen, sehr viele, um wenigstens für eine Stunde die »gute alte« Tradition aufleben zu lassen. Zur Freude auch vom zweiten Bürgermeister des Marktes, Bartl Mittner, der gern des Marktbürgermeisters Grüße überbrachte. Und er dankte dem Volksmusikarchiv Oberbayern, das zuverlässig im Dezember das gemeinsame Liedersingen anbietet, und der Berchtesgadener Advent GmbH als Gastgeber. Marktbürgermeister Franz Rasp übrigens, so erzählte man sich, soll der Veranstaltung aus Rücksichtnahme ferngeblieben sein, um mit seinem musikalischen Talent nicht die vielköpfige Sangesschar zu entmutigen. Bartl Mittner jedenfalls steuerte mit Hingabe seinen Bariton zum Wohlklang bei. Jeder hat halt andere Talente.

Wohlklang sei aber gar nicht das obere Ziel dieser Singstunde, konnte man von Eva Bruckner und Ernst Schusser erfahren. Eher das Gemeinsame, die Pflege einer Tradition, die man früher gar nicht pflegen musste, weil sie selbstverständlich war, wie so vieles, das allmählich verschwand und im günstigen Fall nur noch von älteren Mitbürgern erinnert wird.

Und so würzte Ernst Schusser, den man sich mit seiner kräftigen Stimme und seiner unterhaltsamen Moderation durchaus erfolgreich bei Jahrmärkten vorstellen kann, die Räume zwischen den Liedern mit Witz und manchmal auch etwas schrägen Bemerkungen, um seine Sänger bei guter Laune zu halten. Was ihm anscheinend locker gelang. Denn die Sangesfreudigen ließen sich auch leicht verführen, bekanntes Liedgut mit Tralalalala zu verschnörkeln oder die Hirten, die da kommen sollen, mit der Imitation einer blökenden Schafherde (oder waren es Ziegen?) zu begrüßen oder an anderer Stelle rhythmisch in die Kniebeuge zu sinken.

Viele der über den feuchten Schlossplatz schwebenden Lieder gehörten zu den bekannteren. »Vom Himmel hoch« oder »Alle Jahre wieder« kennt man. Ob man will oder nicht. Aber es gab auch »Gott grüaß enk Leutl« und »Geh, mein Bruder, geh mit mir«, was zumindest den Gästen Oberbayerns und Berchtesgadens vermutlich noch nicht oft begegnete. Den Schnee ließen die beiden Musikanten natürlich auch rieseln, obwohl es »Vom Himmel hoch« lediglich eiskaltes, unangenehmes, aber gerade noch nicht gefrorenes Wasser gab.

Wissenschaftler hätten herausgefunden, dass 20 Minuten Singen den Menschen glücklich mache. Für diese Erkenntnis, verkündete Ernst Schusser, habe er zwar nicht unbedingt die Wissenschaft gebraucht, aber letztlich sei es doch schön, wenn diese mittlerweile bestätige, was er schon lange wusste. So gesehen, wäre die Singstunde am Schlossplatz für die vielen Mitwirkenden nicht nur Spaß und Freude gewesen, sondern schon fast Therapie. Dieter Meister