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»Wehe, der Hirschhornknopf war nicht handgeschnitzt«

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Schönau am Königssee - Die Geschäftsleute am Königssee bekommen Verstärkung. Und zwar von ihren Kollegen aus Oberammergau. Denn die gehen jetzt auch auf die Barrikaden. »Bisher haben wir uns das nicht getraut«, sagt Sportartikelverkäufer Bernd Mühlstraßer, der Sprecher der Initiative »Dorfstraße«. Den Einzelhändlern in Oberammergau geht es ähnlich, wie denen am Königssee. Sonntags ist in dem kleinen Urlaubsort, weltbekannt für die Passionsspiele, Ruhetag. Jetzt wollen sich die Oberammergauer und die Königsseer zusammenschließen - um ein bayerisches Ladenschlussgesetz voranzutreiben.


Bernd Mühlstraßer weiß, was die Königsseer momentan durchmachen: »Wir hier im Ammertal haben das nämlich schon hinter uns«, sagt er. Über Jahrzehnte waren die Geschäfte in Oberammergau geöffnet. »Von 80 Läden hatten 30 am Sonntag offen«. Dann kam ein Trachtendiscounter aus Unterammergau. Der fühlte sich benachteiligt, weil in Unterammergau eine andere Regelung galt. Der Mitbewerber aus dem Nachbarort rief das Landratsamt Garmisch-Partenkirchen auf den Plan. »Das hat die traditionelle Sonntagsöffnung ausgemerzt«, weiß Mühlstraßer.

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»Mit den gleichen, absolut irrelevanten Argumenten wie in Schönau am Königssee wurden bei uns Geschäfte geschlossen, die seit Jahrzehnten unbehelligt die Sonntagsöffnung im Sinne der Ausnahmegenehmigung für Fremdenverkehrsorte nutzen konnten. Wehe, der Hirschhornknopf an der Lederhose war nicht in Oberammergau handgeschnitzt«.

Es kam, wie es kommen musste, ähnlich wie am Königssee, wo ein Geschäftsmann einen Abgesang auf die Ladenöffnungszeiten mit einem publikumswirksamen Holzsarg beging. In Oberammergau wurden kuriose Flatterbandabsperrungen installiert, spanische Wände wurden errichtet, Sortimentskontrollen seitens des Amtes gehörten an die Tagesordnung. »Begonnen hat das alles im Jahr 2010, während der Sonderöffnungszeiten zu den Passionsspielen«.

Den Höhepunkt erreichte die Debatte in der Sommersaison 2011. Seitdem ist alles anders. Fast alle Unternehmen mussten sonn- und feiertags schließen. »Wir sind sonntags arbeitslos, bis auf ein paar Schnitzereien. Denn Geschnitztes gehört in Oberammergau zur ortsbezogenen Ware. Und die darf bekanntlich weiterhin verkauft werden. Fazit nach einem Jahr erzwungener Schließung: Der Ort ist am Sonntag tot, viele Kurzausflügler aus der Münchner und Augsburger Gegend, so Mühlstraßer, kämen nicht mehr nach Oberammergau.

Einige Geschäfte hätten ihr Sortiment zum Nachteil verändert, andere überlegen sich den Abzug aus Oberammergau«, sagt der Sportartikelhändler. Selbst die verbliebenen vier Sonderöffnungssonntage gestalten sich inzwischen sehr schwierig.

»Wir dürfen uns nur noch einer Großveranstaltung anhängen, der Handel selbst darf keine Öffnung beantragen«. Kurzfristig wurden bereits einzelne Sonntagsöffnungen untersagt. Mühlstraßer sagt, die Situation in Bayern sei ungerecht. Zu Ungunsten der kleinen Händler habe sich der Wettbewerb zu den Einkaufszentren und Mega-Stores verschoben.

»Wir geraten immer mehr ins Abseits.« Die Entwicklungen am Königssee verfolgen die Geschäftsleute in Oberammergau seit mehreren Wochen mit großem Interesse. »Mich freut es, dass die Königsseer so konsequent sind und die Sache vorantreiben«. Deshalb war schnell die Idee geboren, zusammenzuarbeiten. Den Oberammergauern ist schon lange bewusst, dass sich die Situation nicht im eigenen Ort und auch nicht im eigenen Landkreis lösen lässt. Ein Bündeln der Kräfte, sagt Mühlstraßer, sei das Ziel.

Der Sprecher der Initiative »Dorfstraße« hat sich an die klagenden Geschäftsleute am Königssee gewandt. Ein Reisebus steht bereit. Wenn demnächst, an einem Sonntag, in Oberammergau sowieso nichts los ist, fahren die Oberammergauer Geschäftsleute gemeinsam an den Königssee. Dort soll dann ein großes Treffen stattfinden. Probleme, Ziele und Möglichkeiten müssen ausgelotet werden. Mit einem klaren Ziel vor Augen: ein frisches, auf die Bedürfnisse abgestimmtes, eigenes bayerisches Ladenschlussgesetz.

Einen prominenten Mitstreiter haben die Geschäftsleute bereits: Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP). Der ist der Ansicht, dass ein bayerisches Ladenschlussgesetz notwendig ist. »Das geltende ist rückständig, mittelstandsfeindlich und schadet Bayern als Tourismusstandort«, erklärte er in München. kp

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