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Weg versperrt, weggesperrt

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Wo geht´s lang? Wie geht´s lang? Rollatorbesitzer haben es zurzeit nicht leicht.
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Vor der Postfiliale am Franziskanerplatz muss man sich irgendwie durchschlängeln. (Fotos: Tessnow)
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»Die Wege sind gut, aber die Lebensqualität ist schlecht«, meint Rollstuhlfahrer Mario Bernet.

Berchtesgaden/Ramsau – Vorsicht! Es ist glatt. Gehflächen, Bürgersteige und Grundstücksausfahrten sind derzeit für viele ein unberechenbares Terrain. Erst herrschte klirrende Kälte mit großen Schneemengen, dann eine Tauwetterperiode und gestern garantierte erneuter Schneefall rutschigen Untergrund. Besonders schwer haben es da Rollatorbesitzer und Rollstuhlfahrer. Neben erhöhter körperlicher Belastung droht zusätzlich eine unkalkulierbare Sturz- und Verletzungsgefahr. Aber nicht nur Mobilität und Eigenständigkeit sind erheblich eingeschränkt. Es gilt zu improvisieren. Der »Berchtesgadener Anzeiger« hörte sich bei Betroffenen um.


Tagsüber ist es jetzt matschig und nachts bildet sich überfrierende Nässe. Mit listigem Blitzeis oder unerwarteten Restrutschflächen muss jeder derzeit rechnen. Oft sind diese auf den ersten Blick gar nicht erkennbar. Ein Verletzungsrisiko rollt immer mit. Es heißt, sich vorsichtig zu bewegen oder gar nicht erst raus zu gehen. Für Menschen mit einer Gehbehinderung bedeutet das eine Beeinträchtigung der normalen sozialen Teilhabe am Alltag. Teilweise droht sogar Vereinsamung. Spaziergänge, Besuche bei Freunden und Verwandten oder Freizeitaktivitäten liegen quasi auf Eis.

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Allen Risiken trotzend, traut sich Klaus Weiss in den Markt. Der Berchtesgadener ist ein Bär von einem Mann. Weit über 100 Kilo Körpergewicht halten sich am Rollator fest. »Am Anfang war der Rollator ein Fremdkörper für mich. Mittlerweile habe ich das Ding im Griff. Ein Rollator bedeutet nicht einfach nur dahinter zu stehen und los zu schieben. Er ist zwar eine Gehhilfe, aber im Winter kann das Gestell ganz schön nerven«, sagt der gebürtige Berliner.

Eis- und Schneeanhäufungen an den Bordsteinen erschweren das Manövrieren. Bergab besteht die Gefahr der Eigendynamik. Nur ein paar Prozent Gefälle reichen da schon aus. Links- und Rechtsneigungen können zum Abdriften führen. Im Schnee kann man stecken bleiben. Oder die Bremsen frieren ein. Dann ist das Gerät nicht mehr richtig funktionstüchtig. Auch das Einsteigen in den Bus will geübt sein. Bei Neuschnee sind nicht alle Bürgersteige täglich perfekt geräumt. Ein Ausweichen auf die Straße ist dann unumgänglich und bedeutet, sich mit Auto- und Lastwagenfahrern zu arrangieren.

Noch schwieriger haben es derzeit die Rollstuhlfahrer. Der Ramsauer Mario Bernet kann ein Lied davon singen. Ein Trauriges. Das Erste, was er am Morgen macht, ist aus dem Fenster zu schauen. Nicht, weil der Blick auf den Hochkalter so schön ist, sondern, ob er heute raus kann oder nicht. Schneit es wieder oder fällt Eisregen, ist der Tag für ihn »gelaufen«. In seiner kleinen Wohnung unterhält ihn ein zwitschernder Wellensittich. Sein Hase knabbert an einer frischen Möhre vor sich hin. Der Fernseher läuft nebenbei und ununterbrochen.

»Was soll ich denn machen?«, klagt Bernet. »Obwohl, in meiner Gegend die Wege wirklich sehr gut geräumt sind, ist die Zeit für mich trostlos. Ich bin zwar ein routinierter Rollifahrer, aber manchmal ist es streckenweise eng. Die Gefahr bei diesen Verhältnissen zu rutschen, muss ich einkalkulieren. Auch Unebenheiten machen mir zu schaffen. Die Fortbewegung kostet mich dann extra viel Kraft. Und wer sitzt schon gern bei Minusgraden draußen lange rum. Ich bin fast dazu verdonnert, zu Hause zu bleiben. Weg versperrt, weggesperrt. Das Fernsehprogramm wird dann schon mal genauer studiert. Wenn da nix läuft, suche ich im Internet etwas Unterhaltung«, erzählt er locker.

Doch so locker ist es nicht. Was, wenn Betroffene für längere Zeit nicht aus dem Haus können? Wer erledigt den Einkauf? Wie kommt man zum Arzt? Freunde müssen gebeten werden Gänge abzunehmen. Und wenn auf die Schnelle keine Hilfsperson aufzutreiben ist? Viele Gehbehinderte sind dann dennoch gezwungen, sich auf den Weg zu machen. »Ich muss ja einkaufen, brauche frisches Obst und Semmeln. Und wenn ich schon einmal im Markt bin, will ich es auch noch zur Apotheke schaffen«, sagt eine ältere Dame und rollt davon. Jörg Tessnow

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