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Rasante Beziehungskomödie bei KulturGut Ising: Beste Unterhaltung und viel zu lachen

»Was ist schon Sex?«

»Was ist Wichtigste zwischen Mann und Frau? Die Achtung.« Manche Dinge ändern sich nie, oder sollten sich nie ändern, auch nicht in dreißig Jahren, die seit der Uraufführung von Dario Fo und Franca Rames Farce »Offene Zweierbeziehung« vergangen sind.

Die Eheleute (Dieter Bommer und Katharina Pilar) probieren die »Offene Zweierbeziehung« bei KulturGut Ising aus. (Foto: Benekam)

Der Verein KulturGut Ising brachte unter der Regie von Ethem Saygieder die viel gespielte Ehekomödie als Gastspiel auf die Bühne. Katharina Pilar und Dieter Bommer des Theaterensembles »Grenzgänger on Stage« aus Oberndorf bei Salzburg, entblätterten die Charaktere eines Paares, das nach jahrzehntelanger Ehe eine Art emotionale Bestandsaufnahme macht. Ein äußerst amüsiertes Publikum verfolgte genussvoll das rasante Spiel um die Untiefe einer in die Jahre gekommenen Ehe.

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Der »Ehekiller« Alltag fordert seinen Tribut

Zwischen Antonia und ihrem »Mann«, der im Stück nicht mal einen Namen bekommt, läuft es schon länger nicht mehr gut. Längst nagt der Zahn der Zeit an Lust und Liebe. Der »Ehekiller« Alltag fordert seinen Tribut und treibt »Mann« in häufig wechselnde sexuelle Abenteuer mit deutlich jüngeren Frauen, die er offen und ungeniert auslebt.

Antonia hingegen leidet so sehr, dass sie mindestens einmal wöchentlich versucht, sich das Leben zu nehmen. Ihren eher ungeschickten und ineffizienten Suizidversuchen begegnet der Mann mit Spott übelster Sorte. Tabletten, Revolver oder ihr dramatisch inszenierter Versuch, sich aus dem Fenster in die Tiefe zu stürzen – natürlich immer in seiner Gegenwart – rauben ihm den letzten Nerv, bescheren aber ihr zumindest ein klein wenig Aufmerksamkeit. Trotzdem spottet Mann weiter: »Was ist schon Sex?!«, beschwichtigt er. Oder klagt gar an: »Was hast du denn getan, damit wir nicht im alltäglichen Einheitsbrei ersticken?«

In rasanten und wortwitzigen Dialogen rudern die beiden in immer wildere Gefühlswirren, bis Antonia schließlich, immer noch um Haltung bemüht, beschließt, den Spieß umzudrehen. Sie geht auf seinen Vorschlag, eine offene Zweierbeziehung zu führen, ein. Zu dumm nur, dass sie mit Orangenhaut, Figurproblemen und Falten zu kämpfen hat und sich mehr als schwertut, anzubandeln.

Tapfer aber erfolglos geht Antonia auf die Piste und testet ihren Marktwert. Bis sie schließlich den Mann der Superlative trifft: Physiker, Rockstar und sogar an ihr interessiert. Als »Mann« von ihrer neuen Liebschaft Wind bekommt, dreht sich das Szenario. Nun muss sie ihn vom Fenstersprung abhalten. Ihm wird klar, dass er letztlich im Geschlechterkampf unterliegt.

Die von ihm als persönliches Eigentum betrachtete Ehefrau blüht auf, ist im Begriff das sinkende Schiff der Ehe zu verlassen. Er mutiert zum Jammerlappen, dann wieder zum rasenden, gehörnten Ehegatten. Um Schlimmeres zu verhindern, tischt Antonia ihm eine Lüge auf: Der Neue sei erfunden und nur Mittel zum Zweck. Einen Moment lang triumphiert er wieder, fällt zurück ins alte Muster. Dann läutet es an der Haustüre. Die Gesichtszüge der Eheleute entgleisen und hier endet die Geschichte.

Authentisch und mit viel Leidenschaft

Bommer und Pilar interpretieren die Eheleute sehr authentisch und mit viel Leidenschaft. Während Bommer sich glaubwürdig in Selbstgefälligkeit suhlt und hie und da in cholerischen Ausbrüchen stimmgewaltig tobt, kämpft Pilar herzzerreißend lamentierend um ihre Würde, schafft im Verlauf die Metamorphose eines nicht mehr ganz taufrischen Mauerblümchens zu einer begehrenswerten, aparten Frau von Format.

Zum Brüllen komisch sind die Momente der vorgetäuschten Selbstmorde, aber auch der temporeiche Schlagabtausch in Worten, in dem man sich allerdings von ihr noch ein wenig mehr italienisches Temperament gewünscht hätte. Mit stürmischem Applaus bedankte sich das Publikum für den humor- und niveauvollen Theaterabend im Isinger Saal. Kirsten Benekam