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Was ist es, das die Welt im Innersten zusammenhält ?

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Blick in den ersten Stock der Städtischen Galerie Traunstein mit den verschiedenen Schwänen von Yvonne Kendall und einem Gemälde von Henning Eichinger im Hintergrund. (Foto: Giesen)

Zwei außergewöhnliche Künstler, die beide bereits internationale Beachtung in der Kunstszene erlangt haben, stellen derzeit unter dem Titel »Ad astra: zu den Sternen« in der Städtischen Galerie Traunstein aus. Die gebürtige Engländerin Yvonne Kendall, Jahrgang 1965, zeigt ihre ungewöhnlichen plastischen Arbeiten aus Stoff und anderen sonst kaum gebräuchlichen Materialien, und ihr Partner, Henning Eichinger, 1959 in Frankfurt am Main geboren, steuert seine ganz verschiedenartigen Gemälde bei – manche davon große, weitgehend ungegenständliche Ölbilder, andere vertraut erscheinende, realistische Porträts, aber auch besonders ansprechende kleinformatige Serienbilder, vielfach Collagen.


Schon beim ersten Blick in den Ausstellungsraum im ersten Stock der Galerie scheint alles nach oben zu streben. Seien es ein zum Flug ansetzender großer Schwan von Yvonne Kendall oder Wolken, Sterne, Planeten, Satelliten oder geflügelte Wesen aller Art auf den Bildern von Henning Eichinger. Vielfach sind es Symbole, die dem Betrachter jedweden Raum zur Interpretation, zum Weiterspinnen seiner eigenen Gedanken und Assoziationen lassen.

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Gemäß dem Titel der Ausstellung erwartet den Besucher ein Gesamtkonzept, das ihn mit den verschiedensten Aspekten der Transzendenz, der Veränderung und der Verwandlung konfrontiert. Beide Künstler verwenden altbekannte Motive aus der Alltagswelt, die sie oft überraschend und ungewöhnlich miteinander kombinieren. Für den Besucher vielleicht ungewöhnlich, aber aus der Herkunft der Künstler erklärlich, tragen alle Ausstellungsobjekte englische Titel.

Yvonne Kendall, die am Victoria College in Melbourne in klassischer Bildhauerei ausgebildet wurde, wandte sich nach dem Studium von den klassischen Materialien Holz, Stein, Bronze ab und griff auf Fundstücke aus der Natur und gebrauchte Materialien zu, die sie aus ihrem üblichen Funktionszusammenhang löste. Diese »alten« Materialien waren durch ihre Prägung im Laufe der Zeit gut geeignet, Geschichten zu erzählen.

Da sind die den Raum beherrschenden, aus alten Vorhängen gearbeiteten Schwäne, oft mit unerwartetem Beiwerk: »The Swan with the golden Hand«, der Schwan mit der goldenen Hand, die sich aus seinem Rückengefieder in den Himmel reckt. Der Vorhangstoff aus den 1950er Jahren vermag beim Betrachter Assoziationen und eine bestimmte Atmosphäre, vielleicht sogar einen bestimmten Geruch hervorzurufen.

Das Weiß der Vorhänge, die die oberste Federschicht der Schwäne bilden, ist nicht nur farblich ein starkes Symbol für Unschuld und Reinheit, sondern das Material aus durchscheinendem Gazestoff unter-stützt assoziativ die dem Schwan zugeschriebene Leichtigkeit und Eleganz und erinnert sicher so manchen auch an das Märchen vom hässlichen Entlein, das sich in einen schönen Schwan verwandelt.

Ein weiterer Aspekt: Zusätzlich erhöht Yvonne Kendall das besonders der Frau zugeschriebene Handarbeiten mit Nadel und Faden zur künstlerischen Technik und macht Alltagsmaterialien zu Bedeutungsträgern von komplexen Gedanken- und Ideensystemen. Diesen Ansatz, der sich inzwischen im Kunstbetrieb etablieren konnte, verfolgen Künstlerinnen seit den 1970er Jahren. Kendall leistet hier einen besonders ansprechenden Beitrag, der um die Frage der weiblichen Identität kreist.

Aber nicht nur Stoffe gehören zu den Lieblingsmaterialien der Künstlerin, auch Bücher. Ganze Stapel alter, längst gelesener, vielleicht von Flohmärkten stammender Bücher, die als Sockel der darauf plazierten geflügelten Gestalten dienen, mag der Besucher mit Atmosphäre und Erlebnissen aus vergangener Zeit verbinden. Die gut zu lesenden Titel auf den Buchrücken können eine ganze Sehnsuchtswelt, die aus unserer Kindheit und Jugend stammt, wieder auffrischen. »Erst in der Zusammenstellung oder in der entsprechenden Präsentation gewinnen die ehemals unbeachteten Einzelteile und Materialien neue Bedeutungen hinzu, sie können zu Symbolträgern, Geschichtenerzählern und zu poetischen Sinnbildern werden«, erklärte es Judith Bader, die Leiterin der Städtischen Galerie Traunstein, in ihrer wie immer einfühlsamen und aufschlussreichen Einführungsrede bei der Vernissage. Oberbürgermeister Manfred Kösterke führte in die Biographien der beiden Künstler ein.

Henning Eichinger, seit 1985 freischaffender Künstler, ist seit 1997 Professor für Zeichnerische Darstellung und Künstlerisches Gestalten an der Hochschule in Reutlingen. Auch er stellte bereits in München, im Kanzleramt in Wien, in Canberra oder Kaliningrad aus, um nur ganz wenige der renommierten Ausstellungsorte zu nennen. So wie die Kunstwerke von Yvonne Kendall sowohl in materieller als auch geistiger Hinsicht mehrere Schichten beinhalten, bestehen auch die Bilder von Henning Eichinger aus mehreren Malschichten einerseits, aber auch aus den unterschiedlichsten Materialien und Gedankenwelten, die sich collageartig zusammensetzen.

Er verwendet Collage und Kopie als die für die gegenwärtige Realität geeigneten ästhetischen Mittel: die künstlerische Serie – so zum Beispiel bei seiner Bilderreihe »Aus Medizin und Ästhetik« im Gang des ersten Stockwerks. Hier sind Muster und Ornamentik mit ihren gemeinsamen Merkmalen der Wiederholung und der Variation das Pendant zu Collage und Kopie. Seine Bilder arbeiten mit Bildzitaten und Klischees – Formen, Figuren und Motive aus den verschiedensten Bereichen, vor allem Naturwissenschaft, Technik, Kunst und Medienwelt, sind überall zu finden.

Bei »Ad astra: zu den Sternen« zeigt er nicht nur Planeten, Satelliten oder Wolken, sondern auch nach Fotografien entstandene Porträts von Päpsten wie Pius XII. oder Johannes XXIII., Astronomen wie Galileo Galilei und Madonnenbilder. Sie sind damit ein Spiegel für das Bewusstsein des heutigen Menschen, der collageartig von vielen verschiedenen Wahrnehmungen, Erklärungsmustern und unendlich vielen Bildern fast unaufhörlich geprägt wird. Verleitet durch die handwerkliche Präzision der Arbeiten wird der Betrachter dazu gebracht, nach dem diesen Arrangements anscheinend zugrunde liegendem Regelwerk zu suchen. Suggeriert wird ein Ordnungssystem, ein Bauplan der Welt und der Realität, und das ruft das unterschwellige Gefühl hervor, dass alles mit allem irgendwie zusammenhängt – ein System, dessen Zeichen und Abläufe wir jedoch nicht wirklich entschlüsseln können. »Was hält die Welt im Innersten zusammen?« könnte als leitmotivische Frage über der Ausstellung stehen.

Bei der Vorbereitung zur Traunsteiner Präsentation stimmten sich die Künstler bei zahlreichen Ausflügen in Stadt und Land direkt auf Traunstein ein. So sind die Worte »Ad astra …« der Inschrift auf dem Turm der ehemaligen Friedhofskapelle St. Georg und Katharina im Traunsteiner Stadtpark entnommen.

Die Ausstellung ist bis zum 13. Oktober mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr, am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen von Gruppen, besonders Schulklassen, die die Ausstellung besonders ansprechen könnte, sind nach Absprache jederzeit möglich unter Telefon 0861/164319. Christiane Giesen