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Was heißt hier Ruhestand?

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Multitalent Han’s Klaffl kann nicht nur unterrichten. Er singt und textet und spielt Klavier und Kontrabass. (Foto: Benekam)

Mit der Pension ist das ja so eine Sache. Zum einen hat man plötzlich Zeit für Dinge, die man schon immer tun wollte, zum andern entsteht da eine Art Druck, eben diese Dinge auch wirklich umzusetzen. Wie füllt man diese riesigen Zeitfenster und vor allem, woher nimmt man die Motivation, wo doch die Dringlichkeit der Erledigung, die bisher den Alltag dirigierte, wegfällt.


Für Gymnasiallehrer Han’s Klaffl war das offenbar eine leichte Übung. Aus der Schülerschar, vor der er ganze 40 Jahre stand, machte er einfach Publikum. Raus aus dem Schulhaus, rein ins Theater. Hört sich spannend an, zumal er nun vor Freiwilligen steht, die sich seinen Vortrag mit einem Genuss zu Gemüte führen, den man sich von einem Schüler nur wünschen kann. Ganze Hallen füllt er mit hoch motivierten Zuhörern, Kollegen, Schülern, die ihm förmlich an den Lippen hängen und sich seine Trilogie »40 Jahre Ferien«, »Restlaufzeit« und »Schul-Aufgabe« gönnen.

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Dass er neben seinem Bühnentalent auch noch musikalisch ist, macht sein Programm zu einer runden Sache, sodass im ausverkauften k1-Saal in Traunreut alle Schienen niveauvollen Kabaretts bedient waren. Mit lautem Schulgong und den Worten »es gibt ein Leben nach dem Gong«, begrüßte der in Ebersberg wohnhafte Vollblutlehrer, Kabarettist und Buchautor seine Kollegen und leitete gleich auf seine Abschiedsrede zur Pensionierung über, die ein nicht ganz so redebegabter Lehrerkollege von sich gegeben hat.

Wie anfangen? »Tja, aller Umfang ist schwer. Da steckt der Teufel im Abteil. Man will schließlich keine schlafenden Hunde treten, statt dessen lieber offene Ohren eintreten. Zum Austritt aus dem Schulalltag wünschte man ihm einen schönen Leberabend, Angora Pectoris und bleibende Inkompetenz«, so der Kollege, erzählte Klaffl.

Weiter ging es mit skurrilen Erinnerungen an den Schulalltag, an den geruchsbelästigenden Mief, die hirnlose, dumme Bande und den allmorgendlichen erlösenden Gong, der einen von alle dem befreit und man endlich aus dem Lehrerzimmer in die Klasse flüchten kann. Dort kann man sich dann erholen, denn als Musiklehrer hat man es eh besonders gut. Da muss man eigentlich nur alle zehn Jahre anhand eines aktuellen Liedes am Klavier erklären, was ein Intervall ist.

Schwierig wird’s nur in der pubertätslastigen Mittelstufe. Achtung, Jugend forscht! Da sollte ein ab- oder aufgeklärter, erfahrener Lehrer tunlichst die Themen Präludium (Vorspiel), Blasinstrumente oder Posaune meiden und auf gar keinen Fall das Lied »Puff, the magic dragon« anstimmen. Schlimmstenfalls müsste der Pädagoge nämlich anschließend mit beleidigender E-mail-Flut seitens der Eltern rechnen, die nicht selten mit gerichtlichen Schritten drohen.

Mit diesen Eltern wird es dann auch in der Oberstufe immer mühsamer. Hier sitzen nämlich haufenweise verkannt hochbegabte Schüler im Unterricht, die aus lauter Unterforderung im Unterricht einschlafen und in der Folge nicht an der Uni, sondern bei Obi landen. Hochbegabung sei vererbbar, schlechtes Benehmen hingegen nicht. Gut, dass das alles vorbei ist, so Klaffl, und man sich nur noch an das Ausarbeiten einer To-Do-Liste setzen müsse oder die Newsletter von Aldi und Lidl checken müsse.

Auch das große Geschrei um die Pisastudie ginge ihn nichts mehr an. Das Kultusministerium habe schließlich viel mit der Einführung des G-8 erreicht: so habe man das Schlechte, dass man nicht hatte verbessern können, wenigstens um ein Jahr verkürzt, die Lehrpläne entrümpelt und den Eltern Geld gespart für etwaige Freizeitaktivitäten ihrer Kinder, denn dazu sei nun eh keine Zeit mehr. Bekräftigung fand dieses Thema in einem G-8-Song »Das Phantom der Bildung«.

Doch aus seinem folgenden »Privatiersong« hörte man die Wehmut über den Verlust des einst verhassten Schulalltags heraus. Und am Ende des Abends fand man sich wieder am Anfang: ein schöner Abgang ziert die Übung. Resümierend stellte man fest, dass genau die Lehrer die besten sind, denen die Schüler und auch dieser Schulalltag, so nervtötend er auch war, am Ende so schmerzlich fehlt. Denn sie dringen mit ihrer positiven Art zum Schüler durch, motivieren in ihrer Andersartigkeit und lassen dem Schüler Luft, sich zu entwickeln.

Schade eigentlich, dass Lehrer Klaffl pensioniert wurde. Andererseits hat er als Kabarettist noch viel vor und tut mit diesen Talent allen wohl: Schülern, Eltern, Kollegen und letztlich sich selbst. Mit kräftigem Applaus wurde der sympathische Oberstudienrat a. D. von einem müde gelachten Publikum verabschiedet. Kirsten Benekam