Wally ebenfalls erfolgreich ausgeflogen

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Nun fliegt auch Wally. Nachdem »Bavaria« als erste der beiden ausgewilderten Bartgeier ihre Nische am 8. Juli verlassen hatte, schwang sich gestern um 6.18 Uhr auch Wally zum ersten Mal in die Lüfte. (Screenshot: privat)

Ramsau – Vier Tage nachdem mit »Bavaria« der erste deutsche Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden ausgeflogen war, hat gestern auch der zweite Jungvogel Wally die gesicherte Felsnische verlassen. »Wally saß am unteren Ende der Nische in der Sonne und ist um 6.18 Uhr einfach schnurstracks herausflogen. Sie ist dann ungefähr 100 Meter in einem flachen Streckenflug an der Felswand entlanggesegelt und in eine Felsrinne außerhalb unserer Sichtweite gelandet«, sagt der LBV-Projektleiter und Bartgeierexperte, Toni Wegscheider.


Beobachtet wurde der Flug vom erfahrensten Bartgeier-Experten Europas, dem Österreicher Michael Knollseisen, der das Team der ersten deutschen Auswilderung regelmäßig unterstützt: »Dies ist bereits meine 21. Auswilderung, die ich begleiten durfte und trotzdem ist jeder Ausflug immer wieder ein absolut ergreifender Moment für mich.« Wegen seiner Größe ist der erste Ausflug der Bartgeier kein erhabener Moment, sondern eher vergleichbar mit einem großen Hopser.

Elegante Kurvenflüge

»Die beiden jungen Bartgeierweibchen sind nun ein Teil der faszinierenden Natur in den bayerischen Alpen und können in den kommenden Wochen beim Flugtraining im Nationalpark beobachtet werden«, so der Nationalpark-Projektleiter Jochen Grab. Am 10. Juni hatten der bayerische Naturschutzverband LBV und der Nationalpark Berchtesgaden im Klausbachtal die ersten Bartgeier über 100 Jahre nach ihrer Ausrottung in Deutschland ausgewildert (wir berichteten).

Bavaria, die ältere der beiden Bartgeierdamen, war bereits am frühen Donnerstagmorgen erfolgreich ausgeflogen und zeigte sich von Wallys Ausflug unbeeindruckt. Bavaria frisst weiter das in der Nähe der Nische ausgelegte Futter, viel geflogen ist sie seitdem jedoch nicht. »Die meiste Zeit verbrachte sie am Wochenende sitzend, wobei sie sich häufig etwas unsicher hin und her drehte, immer wieder die Flügel öffnete und die Hangwinde studierte«, erzählt Toni Wegscheider. Hebt sie mit ihrer beeindruckenden Größe dann aber doch mal ab, ist sie in der Luft bei ihren derzeitigen Steig- und Kurvenflügen sehr elegant.

Raunen in der Halsgrube

»Als sie am Samstag zu einem ihrer wenigen Flüge ansetzte, war ein richtiges Raunen in der gesamten Halsgrube zu hören«, berichtet Wegscheider. Bavaria hält das Projektteam aus LBV und Nationalpark trotzdem auf Trab. »Im Moment übernachtet Bavaria noch gerne in Steinschlagrinnen. Natürlich kann das gefährlich für sie sein und wir hoffen, dass Wally sicherere Übernachtungsplätze auswählt. Das ganze Bartgeierteam drückt Bavaria und Wally ganz fest die Daumen, dass ihnen nichts zustößt«, hofft Jochen Grab.

Nachdem Bavaria den Sonntag aufgrund des regnerischen Wetters ohne Thermik mit durchnässten Flügeln sitzend in der Felswand verbracht hatte, wird sie bei schönem Wetter weitere Startversuche unternehmen. Da ihr Flugradius bald schon einige hundert Meter betragen wird, haben die Projektmitarbeitenden bereits Futter in Nischen in weiterer Entfernung ausgelegt, auch um sie damit vielleicht aus dem Steinschlaggebiet zu locken.

Mit dem Ausflug der Vögel wird auch das Projektteam von LBV und Nationalpark mobiler. »Wally wird sich bei ihrem Flugverhalten sicher an Bavaria orientieren und sich Aufwindbereiche und Futterplätze von ihr abschauen. Vielleicht wird man sie bald auch mal gemeinsam fressen oder in derselben Felsnische übernachten sehen«, sagt Toni Wegscheider.

Am offiziellen Bartgeier-Infostand an der Halsalm, der auf einer Wanderroute liegt, kamen am Samstag bereits viele Gäste vorbei, die sich gezielt nach den Aufenthaltsorten der beiden Geierdamen erkundigten. Projektmitarbeitende geben Tipps, wo man Bavaria und Wally am wenigsten stört. Vor allem Naturfotografen sind angehalten, großen Abstand zu ihnen zu halten. Nationalpark-Ranger sind vermehrt im Einsatz, um die jungen Bartgeier vor aufdringlichen Gästen zu schützen. Der Nationalpark Berchtesgaden bietet regelmäßig Bartgeier- und Steinadler-Führungen an. Morgen Mittwoch findet die erste LBV-Bartgeier-Führung statt, auf der die beiden Junggeier fliegend erlebt werden können. Eine Anmeldung ist unter bartgeier(at)lbv.de erforderlich.

Markierte Flügel

Bei ihren zukünftigen Ausflügen später durch die Alpen werden die beiden Bartgeierweibchen in den kommenden zwei Jahren auch dank ihrer eindeutigen Flügelmarkierungen mit dem Fernglas gut zu erkennen sein. Dabei lassen sie sich einfach unterscheiden: Wally mit dem Doppel-L im Namen hat zwei unterschiedliche Bleichstellen in derselben Schwinge. Bavaria mit dem V im Namen hat unter anderem zwei gebleichte Federn im Stoß, der als Schwanz ähnlich wie der Buchstabe V geformt ist.

Der LBV ruft deshalb alle dazu auf, in Zukunft vor allem außerhalb des Auswilderungsbereichs alle Sichtungen der beiden Geier per E-Mail unter bartgeier(at)lbv.de zu melden. Wenn möglich, sollte dabei der Geiername, die Flugrichtungen und mögliche Aktivitäten beschrieben werden. Am wichtigsten ist dabei allerdings, dass immer ein Foto oder Video gesendet wird, selbst wenn es nur unscharf mit dem Smartphone aufgezeichnet wurde.

In Kürze werden dank der angelegten GPS-Sender auch die Flugrouten der beiden Bartgeier auf einer Karte auf der LBV-Website www.lbv.de/bartgeier-auf-reisen sowie auf der Nationalpark-Website mitzuverfolgen sein. Dabei werden die Daten der Öffentlichkeit allerdings mit einer Verzögerung von drei Tagen angezeigt. Dies dient der Sicherheit der Vögel und trotzdem erfährt jeder, wo sie überall hingeflogen sind.

Mühsames Training

In den vergangenen vier Wochen haben die beiden Bartgeierweibchen ihr Flugtraining in der gesicherten Auswilderungsnische von Tag zu Tag intensiviert. Die meisten ausgewilderten jungen Bartgeier machen zwischen dem 120. und 125. Lebenstag ihren Jungfernflug. Sie müssen vor dem ersten Ausflug nicht nur ihre Flügel, sondern auch ihre Beine kräftig trainieren.

Bei Gleitstrecken von zunächst nur 50 bis 100 Metern können die Bartgeier gerade in der ersten Woche nach der Landung nicht immer gleich wieder starten. Stattdessen müssen sie regelmäßig mühsam erst den Berg zum nächsten geeigneten, höher gelegenen Abflugpunkt wieder aufsteigen, um erneut in die Luft zu starten.

Verhalten beobachten

In die Nische werden Nationalpark und LBV nun keine Knochen mehr werfen, weil auch die Elternvögel in der Natur dann keine Nahrung mehr ins Nest bringen würden. In der direkten Umgebung der Felswand wird das Projektteam auch in den kommenden Wochen stets vor Ort sein und das Verhalten der beiden Bartgeier weiterhin genauso intensiv überwachen wie bisher. Für den Notfall, dass einer der Vögel sich bei seinen Flugübungen verletzt, könnte dann auch eingegriffen werden.

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