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Waldkraiburger Täter plante Anschläge auf Moscheen

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Ditib-Gebäude
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Polizisten beobachten das Gebäude des Türkisch Islamischen Kultur Vereins DITIB. Foto: Matthias Balk/dpa/Archivbild Foto: dpa

Eine Pistole, 23 Rohrbomben, 34 Kilo Sprengstoff: Die Anschlagserie des mutmaßlichen Attentäters von Waldkraiburg hätte viele Todesopfer gebracht, wäre der Islamist nicht gefasst worden. Sein Geständnis beunruhigt Muslime.


Waldkraiburg/Karlsruhe (dpa/lby) - Der mutmaßliche Attentäter von Waldkraiburg hat gestanden, Anschläge auf Moscheen und türkische Einrichtungen geplant zu haben. Der 25-Jährige, der sich als IS-Anhänger bezeichnet, habe Mitte Mai mehrere Moscheen des Islamverbandes Ditib angreifen wollen, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur in Karlsruhe. Muslime und Türken sind verängstigt und hoffen, dass vor allem mögliche Komplizen schnell gefasst werden. Die Ermittler prüfen noch, ob der deutsche Staatsangehörige allein handelte oder Unterstützer hatte. In Waldkraiburg (Landkreis Mühldorf am Inn) soll vor allem der Zusammenhalt gestärkt werden.

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Die Bundesanwaltschaft hatte am Dienstag die Ermittlungen übernommen. Der Mann war vor knapp zwei Wochen wegen mehrerer Anschläge auf Geschäfte türkischstämmiger Inhaber in der oberbayerischen Stadt festgenommen worden. Er hat sich seit 2017 religiös radikalisiert, wurde Anhänger eines islamistisch-dschihadistischen Weltbildes sowie der terroristischen Vereinigung Islamischer Staat (IS), wie die Bundesanwaltschaft am Mittwoch mitteilte.

Wegen des Handelns der Türkei im Syrienkonflikt sowie dem Umgang mit einigen Predigern in der Türkei habe er »einen nachhaltigen Hass auf den türkischen Staat und Menschen türkischer Abstammung« entwickelt. Mit seinen Taten habe er »eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt« erzeugen wollen, hieß es weiter. Für eine Mitgliedschaft bei der Terrororganisation IS haben die Ermittler nach dpa-Informationen bisher keine Anhaltspunkte. Die Eltern des Mannes stammen nach Behördenangaben aus der Türkei, er wurde in Deutschland geboren.

Nach Anschlägen auf Moscheen im Raum Waldkraiburg habe der Mann Angriffe auf das türkische Generalkonsulat in München und die Ditib-Zentralmoschee in Köln geplant. Dabei habe er Imame erschießen wollen. Er habe sich eine Pistole samt Munition beschafft sowie 23 Rohrbomben und 34 Kilogramm Sprengstoff hergestellt.

Die Bundesanwaltschaft wirft dem Mann wegen eines Brandanschlags auf ein Ladengeschäft versuchten Mord in 27 Fällen vor, außerdem gefährliche Körperverletzung zum Nachteil von sechs Personen, die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, einen Verstoß gegen das Waffengesetz und Sachbeschädigung.

»Es müssen schnell die Hintermänner gefasst werden«, sagte der Geschäftsführer des türkisch-islamischen Ditib-Landesverbands Südbayern, Aykan Inan, am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur in München. »Von irgendwem muss er ja die Waffen gekriegt haben.«

Schon nach den ersten Anschlägen habe die oberbayerische Polizei mit der Ditib-Gemeinde in Waldkraiburg als einzigem größeren türkisch-islamischen Verein in der Stadt ein Sicherheitskonzept erarbeitet. Türen seien verschlossen gewesen, wenn niemand in der Moschee war. Die Überwachungstechnik wie Kameras samt Aufzeichnungen seien gecheckt worden. Die Polizei sei häufiger Streife gefahren.

Es sei überraschend, dass sich jemand auch in dieser ländlicheren Gegend, in der nicht so viele Muslime und Türken leben wie etwa in München, derart radikalisiert, sagte Inan weiter. »Man hat da eher in Frieden gelebt. Nun sind wir verängstigt.«

Der Generalsekretär des Ditib-Bundesverbands, Abdurrahman Atasoy, mahnte ein Umdenken in Politik und Gesellschaft an. Oft würden Fälle bagatellisiert oder nicht ernst genommen. »Das ist allzu oft auch Folge des fehlenden Bewusstseins für die Problematik in Politik und Gesellschaft allgemein«, erklärte er am Mittwoch. Nach dem Anschlag von Hanau vor drei Monaten, als ein 43-jähriger Deutscher neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschoss, habe die Politik Besserung gelobt. »Leider sind die nötigen Schritte bislang ausgeblieben«, so Atasoy. »Auch der Umgang mit Muslimen ist an dieser Stelle zu kritisieren, nicht nur die fehlende Solidarität.«

Laut Bundesanwaltschaft hatte sich der Beschuldigte unter anderem gewaltsam Zutritt zum Gebetsraum der Sultan-Ahmet-Moschee in Waldkraiburg verschaffen wollen, um dort Schäden anzurichten. »Nachdem es ihm nicht gelungen war, durch Eintreten einer Fensterscheibe ins Innere zu gelangen, legte er einen Brandsatz in eine vor einem benachbarten Wohnhaus abgestellten Altpapiertonne.« Weil die Flammen aber rasch erloschen, entstand kein Schaden.

Bei dem Brandanschlag auf einen Obst- und Gemüseladen am 27. April in der Nacht habe er den Tod der 27 im Gebäude anwesenden Menschen billigend in Kauf genommen. »Nur dadurch, dass einer der Bewohner frühzeitig den Brand bemerkte, kam es zu keinen Todesopfern«, so die Bundesanwaltschaft. Sechs Menschen wurden durch die Rauchentwicklung aber erheblich verletzt. Es entstand Sachschaden in Millionenhöhe.

Die Anschläge hätten die Bürger zusammengeschweißt, sagte der Erste Bürgermeister, Robert Pötzsch (Unabhängige Wählergemeinschaft Waldkraiburg/UWG). »Schon kurz nach der Tat war schnell klar, dass zwei Eigenschaften unsere Stadtgemeinschaft prägen: Solidarität und Zusammenhalt.« Dem Täter wolle man keine Plattform bieten, »indem wir unseren Alltag stilllegen«. »Wir wollen nach diesen Ereignissen die Gemeinschaft in unserer Stadt noch weiter stärken und haben uns daher dazu entschlossen, die Bürger einzuladen, um ihr eigenes Waldkraiburg zu entwickeln«, erklärte der Rathauschef. Bei einer Veranstaltung unter dem Motto »Wie wollen wir Gemeinschaft in Waldkraiburg gestalten« sollen Bürger mitdiskutieren. In der Stadt mit mehr als 25 000 Einwohnern leben Pötzsch zufolge Menschen aus 100 Nationen.

Mitteilung der Bundesanwaltschaft

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