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Vom Mut einer Mimose

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Einer, der sich einmischt: Christian Springer bei seinem Auftritt in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS. (Foto: Heel)

Der Mensch braucht Werte, keine Frage. Werte, die ihn durchs Leben tragen. Aber was genau sind das für Werte, fragte der Münchner Kabarettist Christian Springer in der ausverkauften Traunsteiner Kulturfabrik NUTS, wo er sein Programm »Alle machen. Keiner tut was.« vorgestellt hat.


Springers Antwort fiel ernüchternd aus, besonders für die Anhänger einer sogenannten »Leitkultur«: Es sind vor allem die Blutdruckwerte, gefolgt von den Cholesterin- und Abgaswerten. Ähnlich scharfsinnig analysierte der Kabarettist Söders Raumfahrtprogramm »Bavaria One«. Ein Projekt, dessen Scheitern absehbar sei. Wieso? Weil alle mitreisenden Großkopferten auf breiter Front ganz vorne sitzen möchten, die Rakete also die Form einer Kugel haben müsste und es deswegen bestenfalls bis nach Berlin schaffen würde.

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Weniger spaßig, um nicht zu sagen: bitterböse, fiel hingegen seine breite Schilderung einer denkwürdigen Begegnung aus: dem publikumswirksamen Besuch von Jens Spahn bei einer Hartz-IV-Empfängerin, die sich über Spahns Behauptung, Hartz IV bedeute nicht Armut, beschwert hatte. Springer ließ dabei kein gutes Haar an Spahn, dem er grobe Unhöflichkeit vorwarf, nicht zuletzt bei der Wahl seines Gastgeschenks: sechs Stück Obstkuchen für eine Frau, die nichts Süßes essen dürfe. Springers Resümee: Wenig Hirn und kein Herz!

Nach der Pause kam der Kabarettist zunächst auf sein Engagement im Nahen Osten zu sprechen, wofür er 2012 den Verein »Orienthelfer« gegründet hat und mittlerweile sogar Unterstützung aus der Bayerischen Staatskanzlei bekomme, obwohl er dem damaligen Ministerpräsidenten Seehofer einen 80-seitigen Brief voller Anklagen gegen dessen Flüchtlingspolitik geschrieben habe. Denn Springer ist einer, der sich einmischt, Humor mit Aufklärung verbindet und immer wieder für Zivilcourage plädiert. Entsprechend entrüstet zeigte er sich über die Entscheidung des Dresdner Kreuzchors, der bei einer China-Tournee das Lied »Die Gedanken sind frei« vorsichtshalber aus dem Programm gestrichen hatte. »Wenn wir unsere Werte nicht mitnehmen, sind sie bald nichts mehr wert«, so das Fazit des Kabarettisten.

Mit einer Parabel über Angstfreiheit, dargestellt anhand einer »mutigen« Mimose, neigte sich der mit viel Beifall bedachte Auftritt dann dem Ende zu. Als Zugabe präsentierte er noch einen launigen Exkurs in die Geschichte Bayerns, der aufzeigte, wie sehr Bayern von auswärts geprägt ist, vom Gründer des Freistaats, der ein Jude aus Berlin war, bis zurück zu den römischen Söldnern aus Syrien, mit denen so manche Bajuwarin angebandelt hatte. Entsprechend auch seine abschließende Mahnung: »Seid's nett zu den Fremden, die Verwandtschaft kommt.«

Wolfgang Schweiger