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Diese Familie aus der Ukraine wurde in der Nacht vom Bahnhof zur Inspektion der Bundespolizei gebracht, warum wissen sie nicht genau. (Fotos: Michael Hudelist)

Verwirrung um Befehl der Bundespolizei – Warum werden alle Ukraine-Flüchtlinge aus dem Zug geholt?

Freilassing – Mehrere hundert Flüchtlinge aus der Ukraine treffen am Bahnhof in Freilassing ein. Der Bahnhof der Grenzstadt ist aber nur eine Zwischenstation. Hier müssen die Flüchtlinge, zumindest die, die aus Österreich kommen, die Züge verlassen und sich von den Beamten der Bundespolizei registrieren lassen, so gibt es das Präsidium in Potsdam vor. Doch warum werden alle Flüchtlinge am Bahnhof in Freilassing aus den Zügen geholt? Sie müssen zum Teil stundenlang auf die Weiterfahrt nach München, wo sie sich im Ankunftszentrum der Regierung von Oberbayern erneut registrieren lassen müssen, warten.


Vereinzelt werden Flüchtlinge in die rund einen Kilometer entfernte Inspektion der Bundespolizei in der Freilassinger Westendstraße gebracht. Die Fliehenden berichten, dass sie die Nacht zum Donnerstag in einem unbeheizten Zelt auf dem Gelände verbringen haben müssen. Die Beamten der Bundespolizei dürfen keine Auskunft geben, warum und was sie genau kontrollieren. »Bei der Einreise von der Ukraine nach Ungarn wurden uns in nur 15 Minuten die Pässe abgenommen und dann durften wir weiterfahren«, berichtet ein Flüchtling.

In der Nacht aus dem Zug geholt

Ein junger Mann aus Ghana sitzt auf einem Koffer vor dem umzäunten Areal der Bundespolizei in der Westendstraße. Seine ukrainische Freundin und er seien in der Nacht aus dem Zug geholt und anschließend »zu dieser Polizeistation hier gebracht worden«. Hier hätten sie gemeinsam mit anderen Flüchtlingen in einem unbeheizten Zelt auf dem Areal warten müssen. Um 8 Uhr hätte er die Inspektion verlassen dürfen. »Meine Freundin ist noch immer bei der Polizei, ich weiß nicht warum, sie hat einen ukrainischen Pass. Ich warte hier einfach auf sie«, sagt der Mann in einem astreinen Englisch. Er studiert seit 2014 in der Ukraine Wirtschaft. Das habe einen geschichtlichen Hintergrund. Ghana und die frühere Sowjetunion waren eng verbunden. Von Deutschland hat er nun keinen guten, ersten Eindruck. »Meine Freundin hat Bekannte in Polen, wo wir auch hinfahren hätten können, aber meine Familie ist im deutschen Oberhausen, also wollten wir nach Deutschland«, erklärt er.

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»Ich verstehe nicht warum Deutschland so Probleme macht«, sagt dieser junge Mann aus Ghana, der in der Ukraine studiert und wie seine Freundin einen ukrainischen Pass hat.

Das meterhohe Tor zur Inspektion der Bundespolizei öffnet sich erneut, heraus kommt eine weitere, zerrissene Familie aus dem ukrainischen Charkiv, auch sie wurde gestern Abend vom Bahnhof hierher gebracht, auch sie wisse eigentlich nicht warum. Die Pässe seien in Ordnung, die Familie dürfte einreisen. »Wir wissen nicht, wohin wir sollen, jetzt müssen wir erst einmal nach München und uns dort registrieren lassen«, übersetzt ein 16-Jähriger Bub die Auskunft seiner Schwester. Der Vater der Familie ist auch dabei, die Mutter wartet am Freilassinger Bahnhof auf die Drei. Sie sind seit Tagen unterwegs, was die Zukunft in Deutschland bringt wissen sie nicht.

»Vater und Mutter sind in Kiew geblieben«

Innerhalb von wenigen Minuten verlässt die nächste Familie das kasernenartige Gelände der Bundespolizei und muss den rund 15-minütigen Weg zurück zum Bahnhof finden. Ein junges Mädchen ist mit ihren Großeltern aus Kiew geflüchtet. »Mein Vater darf das Land nicht verlassen, er muss die Ukraine verteidigen, und meine Mutter will ohne ihren Mann nicht ausreisen«, erzählt sie, zwischendurch stockt ihre Stimme immer wieder. Die Kontrollen bei der Bundespolizei findet sie in Ordnung. Deutschland sei aber das erste Land, indem sie so streng kontrolliert würden. »Ich habe einen biometrischen Pass, meine Großeltern nicht, wahrscheinlich hat man uns darum aus dem Zug geholt«, sagt das Mädchen.

Helfer des Bayerischen Roten Kreuzes bringen heißen Tee für die Flüchtlinge, die hinter dem hohen Zaun der Bundespolizei offensichtlich nicht wissen warum es nicht weitergeht.

Am Bahnhof laufen die Kontrollen human ab, soweit eben Kontrollen als human empfunden werden können. Zum Teil sind Bundespolizisten zu sehen die Frauen und Kindern beim Tragen von Koffern und Taschen helfen.

Warum eigentlich kontrolliert wird, wenn doch Ukrainer den Schengen-Mitgliedsbürger gleichgestellt sind, können oder dürfen die Bundespolizisten in Freilassing trotz mehrfacher Nachfrage nicht beantworten. Die Beamten verweisen an die Direktion in München, die Verantwortlichen dort verweisen wiederum an das Präsidium der Bundespolizei in Potsdam. Dort will man Fragen nur schriftlich beantworten und bittet um eine entsprechende E-Mail: »Sie bekommen dann im Laufe des Tages eine Antwort«, heißt es. Auch vom Bundesinnenministerium steht eine Anfrage noch aus. Nancy Faeser hatte noch am Sonntag nach einem Sondertreffen der EU-Innenminister schriftlich erklärt: »Wir haben heute erstmals einen Schulterschluss aller Staaten der Europäischen Union zur gemeinsamen, schnellen und unbürokratischen Aufnahme von Kriegsflüchtlingen erreicht«. Eine unbürokratische Hilfe stellt man sich allerdings anders vor, als Frauen und Kinder um 4.30 Uhr aus einem Railjet zu holen. Auch in den vergangenen Tagen wurden Hunderte Flüchtlinge aus der Ukraine am Bahnhof in Freilassing aus den Zügen geholt, sie mussten sich vor der Weiterreise in einem kleinen Dienstzimmer der Bundespolizei am Bahnhof registrieren lassen. Die Frage nach dem Warum ist bis dato unbeantwortet geblieben.

Eine telefonische Nachfrage beim Österreichischen Innenministerium wurde am Mittwoch sofort beantwortet. Aus dem österreichischen Innenministerium heißt es: Österreich kontrolliere die einreisenden Flüchtlinge nicht gesondert. Die Ukraine sei seit 2017 einem Schengen-Mitgliedsland gleichgestellt.

Michael Hudelist