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Verfechter von Heimat und Brauchtum

Berchtesgaden – Eine ansehnliche Schar von Mitgliedern des Berchtesgadener Heimatkundevereins versammelte sich am Maria-Himmelfahrtstag am Grab von Prof. Rudolf Kriss im Neuen Friedhof, um seiner mit einer Kranzniederlegung anlässlich seines 40. Todestags zu gedenken. 1. Vorsitzender Alfred Spiegel-Schmidt konnte zur Feierstunde auch einige Nachfahren der Familie Kriss begrüßen. In einer kurzen Ansprache ging der 2. Vorsitzende Gernot Anders auf das Leben dieses bedeutenden Forschers und Sammlers sowie seine Verdienste für den Heimatkundeverein als langjähriger Vorsitzender ein.

Gedenkfeier des Heimatkundevereins am Grab von Rudolf Kriss im Neuen Friedhof. Foto: privat

Wer war Rudolf Kriss, der am 5. März 1903 in Berchtesgaden geboren wurde und auch dort am Maria-Himmelfahrtstag des Jahres 1973 verstarb? Diese Frage darf gestellt werden, denn seit seinem Tod sind bald zwei Generationen herangewachsen, die nach und nach vielleicht mit dem Namen nichts mehr anfangen können – es sei denn, Eltern oder Lehrer haben ihnen davon erzählt. Beim Heimatkundeverein bedauert man, dass sich der Berchtesgadener Gemeinderat nicht durchringen konnte, das neue Gymnasium nach dem verdienten Mann zu benennen. Doch – so hofft man – könnte künftig wenigstens einmal eine Straße oder ein Platz seinen Namen tragen.

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Rudolf Kriss entstammte, katholisch-bodenständig geprägt, der angesehenen Berchtesgadener Brauereibesitzer-Familie, der das Hofbräuhaus gehörte. Schon mit 14 Jahren verlor er seinen Vater im Ersten Weltkrieg. Der Sohn sollte deshalb nach dem Wunsch der Mutter Brauereifachmann werden, um das Familienunternehmen fortzuführen. Diesem Wunsch kam er nach der Schulzeit zunächst auch nach, doch schon Mitte der 20er-Jahre entwickelte er als junger Student seine Sammelleidenschaft auf dem Gebiet der religiösen Volkskunst. Diese Leidenschaft sollte bald seine Berufung werden. Er studierte und promovierte, erhielt 1933 seine Habilitation an der Universität Wien und wurde schon bald ein international anerkannter Gelehrter auf dem Gebiet der Volkskunde. 1936 wurde Rudolf Kriss zum Professor der Hochschule ernannt.

Doch die Machthaber des Dritten Reiches hatten Kriss aufgrund seiner kritischen Einstellung zum Nationalsozialismus schon seit längerem im Visier. Vor allem der Vereinnahmung der Berchtesgadener Weihnachtsschützen und ihres Brauchtums durch das NS-Regime hat sich Kriss vehement widersetzt – nicht ohne Folgen für ihn. Es wurde ihm 1938 zunächst die Lehrbefugnis entzogen. Aufgrund ihm zugeschriebener regimekritischer Äußerungen wurde er am 25. September 1944 vom Volksgerichtshof unter Vorsitz Roland Freislers sogar zum Tode verurteilt. Sein Todesurteil sowie sein Häftlingsfoto mit kahl geschorenem Kopf sind im Heimatmuseum im Original erhalten und ausgestellt. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden ihm aberkannt, sein ganzes Vermögen eingezogen. Glücklichen Umständen und dem Eintreten namhafter Personen ist es zu verdanken, dass das Todesurteil schließlich nicht vollstreckt, stattdessen in lebenslange Haft umgewandelt wurde.

Von den Alliierten befreit, wurde Kriss nach Kriegsende von der amerikanischen Besatzung zum Berchtesgadener Bürgermeister bestellt und hatte dieses Amt vom 23. Mai 1945 bis 13. März 1946 inne. Danach gehörte er bis zu seinem Tode für die CSU dem Kreistag von Berchtesgaden an und war Gemeinderat der damals noch selbstständigen Gemeinde Au.

Schon bald setzte er wieder seine wissenschaftliche Tätigkeit auf dem Gebiet der Volkskunde zunächst in Salzburg, dann in München fort. Er unternahm zahlreiche Forschungsreisen im Alpenraum und Mitteleuropa, ja sogar bis in den vorderen Orient und nach Nordafrika. Seine private Sammlung religiöser Volkskunst umfasste zuletzt 14 000 Votivgaben, Amulette und andere religiöse Zeugnisse.

Die Sammlung vermachte er 1951 dem Bayerischen Nationalmuseum als Schenkung. Ab 1961 war dort im volkskundlichen Teil eine eigene Abteilung eingerichtet. Von 1995 bis 2006 waren die umfangreichen Exponate im herzoglichen Schloss Straubing untergebracht; seit 2007 sind die herausragenden Werke der Sammlung im neu eingerichteten Museum des ehemaligen Klosters Asbach im Rottal ausgestellt. Ein würdiger Ort für diese höchst sehenswerte und umfassende Dauerausstellung und noch dazu beziehungsreich im Rottal gelegen, wo über Jahrhunderte hinweg die Fürstpropstei Berchtesgaden landwirtschaftliche Güter besaß.

Dorthin führt zum Andenken an Rudolf Kriss, der von 1963 bis 1969 Vorsitzender des Berchtesgadener Heimatkundevereins war und danach zu dessen Ehrenvorsitzenden ernannt wurde, auch die diesjährige Vereinsfahrt am 28. September. Manfred Angerer