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Ein Gamsrudel im Nationalpark Berchtesgaden. (Foto: Nationalpark Berchtesgaden)

Verein »Wildes Bayern« klagt wieder gegen Nationalpark

Berchtesgaden – Es ist nicht das erste Mal, dass der Verein »Wildes Bayern« mit dem Nationalpark Berchtesgaden die Klingen vor Gericht kreuzt. Erst vor drei Monaten hatte das Landgericht Traunstein dem Verein untersagt, unwahre Behauptungen über das Erlegen von Gämsen in der Schonzeit zu verbreiten. Nun erhebt »Wildes Bayern« massive Vorwürfe hinsichtlich der Aufhebung von Schonzeiten für das Wild im Nationalpark und hat Klage vor dem Verwaltungsgericht eingereicht. Die Nationalparkverwaltung in Berchtesgaden setzt sich einmal mehr gegen die Behauptungen zur Wehr.


Am Montag verschickte der Verein eine Pressemitteilung zu der Klage gegen Schonzeit-Aufhebungen und bewirbt diese Kampagne auch auf seiner Website. Der »Berchtesgadener Anzeiger« hat dazu auch die Nationalparkverwaltung um Stellungnahme gebeten.

»Weite Bereiche des Nationalparks Berchtesgaden werden intensiv bejagt, teilweise sogar das ganze Jahr über unter Aufhebung der gesetzlichen Schonzeit. Dagegen hat der Naturschutzverein Wildes Bayern Klage eingereicht. Seit zwei Wochen wird daher nur noch nach den gesetzlichen Jagdzeiten gejagt«, so der Verein in seiner Pressemitteilung.

Die Jagdgesetze des Bundes und der Länder gestehen fast allen Wildarten eine Schonzeit zu, also eine Zeit, in der sie nicht bejagt werden dürfen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, meist geht es um die Anerkennung erschwerter Lebensbedingungen: Der eisige Winter am Berg, die Zeit nach dem überstandenen Winter oder die Phasen von Trächtigkeit und Aufzucht.

Zahlreiche Vorwürfe

Dem Wild diese Schonzeit zu nehmen, dafür fordern die Jagdgesetze fundierte Begründungen; »Wildes Bayern« klagt nach eigenen Angaben seit 2019 gegen die Praxis in Oberbayern, auf »riesigen Flächen der Bayerischen Staatsforsten die Schonzeit mit einer Verordnung (Anm. d. Red.: Es handelt sich nicht um eine Verordnung, sondern um eine Einzelanordnung der Jagdbehörde) aufzuheben«. Eine der »fragwürdigsten Schonzeitaufhebungen« will der Verein im Nationalpark Berchtesgaden entdeckt haben. »Deshalb haben wir dagegen geklagt – und weil unsere Klage aufschiebende Wirkung hat, findet eine Jagd außerhalb der gesetzlichen Jagdzeiten derzeit nicht statt«, so Vereinsvorsitzende Dr. Christine Miller.

Die Liste der Vorwürfe ist lang: »Wurde im Jahr 2002 die Schonzeit nur für einige wenige Rehe und Gämsen aufgehoben, galt dies bald auch für einiges Rotwild. War in den Jahren bis mindestens 2014 die Anzahl der Rehe, Hirsche und Gämsen genau definiert, die von der Schonzeitaufhebung betroffen waren, findet sich ab mindestens 2017 diese Limitierung nicht mehr. Wurde die Schonzeit beim Gamswild anfangs ab Mitte oder Anfang Januar aufgehoben, geschieht dies heute schon ab Mitte Dezember. Waren Rehgeißen früher von einer Aufhebung der Schonzeit komplett verschont, so werden sie heute im Januar, wenn Eis und Schnee im Gebirge herrschen, wie fast alle ihre Artgenossen bejagt.

Und schließlich wurden die Flächen, auf denen diese Regeln gelten, über die Jahre immer mehr. In der Zwischenzeit werden im Nationalpark Berchtesgaden zwei Drittel der Gämsen während den Monaten der aufgehobenen Schonzeit geschossen, im Hochwinter und zeitigen Frühjahr, und nur noch ein Drittel der Tiere während der regulären Jagdzeit.«

Damit muss sich nun das Verwaltungsgericht München befassen. »Wir werden dafür kämpfen, dass diesem skandalösen Treiben endlich ein Ende gesetzt wird. (...) Diese 'Sonderregeln'  des Nationalparks gefährden auch den Status des Parks selbst. Denn die meisten der ganzjährig bejagten Tiere leben viele Monate des Jahres in der Kernzone. Sie werden bejagt, sobald sie im Winter auf die warmen Südhänge der 'Randzone' wechseln. Das widerspricht den IUCN-Kriterien. Wir wollen, dass unser Nationalpark auch ein richtiger Nationalpark bleibt«, so Dr. Christine Miller.

In Berchtesgaden wird das natürlich anders gesehen. »Wir sind betrübt über die Klage des Vereins, zu der uns bis dato keine Begründung vorliegt«, sagt Daniel Müller, Leiter des Sachgebiets Parkmanagement, und hält fest: Eine sorgfältig abgewogene und räumlich wie zeitlich begrenzte Aufhebung der Schonzeit für einzelne Wildarten ist in Bayern und Deutschland gängige Praxis – und wird jetzt wiederholt von einem Verein in Frage gestellt.

Nationalpark weist Vorwürfe zurück

Die Nationalparkverwaltung betont, dass auf 77 Prozent der Nationalparkfläche, in denen sich auch die besten Gamslebensräume befinden, ganzjährig keine Regulierung des Wildbestandes stattfindet und das Wild hier Ruhe hat. »Dank dieses Vorgehens mit kleinen und gut abgewogenen Schonzeit-Aufhebungsflächen ist hier die größte Ruhezone für Wildtiere in den bayerischen Alpen möglich. Zudem haben wir in den vergangenen Jahren diese Wildruhezone um elf Prozent beziehungsweise um 2.300 Hektar vergrößert. Von einer Gefährdung des Status des Nationalparks wegen einer Schonzeitaufhebung zu sprechen ist ohnehin lächerlich«, stellt Nationalparkleiter Dr. Roland Baier klar.

Und ergänzt: Das Konzept wird von Wildbiologen als Vorzeigemodell gelobt, da es auf die Lebensraumansprüche der Wildarten Rücksicht nimmt. Auf lediglich sechs Prozent der Fläche findet eine so genannte Schwerpunktjagd unter ganzjähriger Aufhebung der Schonzeit statt, stets unter Achtung des Muttertierschutzes. Dr. Baier verweist auch auf die gesetzlich verankerte Aufgabe, natürliche Bergmischwälder mit ihren Schutzfunktionen zu erhalten oder wiederherzustellen.

Mehr als die Hälfte der Waldfläche in der Managementzone des Schutzgebiets sind demnach als so genannte Schutzwälder deklariert. Der Bergwald soll hier die Gemeinden Ramsau, Schönau und Berchtesgaden sowie deren Bewohner und Besucher vor Überschwemmungen, Lawinen, Steinschlag und Muren schützen. Oberstes Ziel ist der Schutz der Natur und hierbei auch die Entwicklung der menschengemachten, fichtendominierten Wälder in der Managementzone hin zu natürlichen Bergmischwäldern – diese sind auch Lebensgrundlage für das heimische Wild. »Darüber hinaus dient die Wildbestandsregulierung auch der Vermeidung von Wildseuchen wie Gamsräude oder TBC beim Rotwild und ist damit ein wichtiger Beitrag zum Tierschutz«, erklärt Daniel Müller.

Allen voran die Gams stellt der Verein »Wildes Bayern« ins Zentrum seiner Kampagne. Auch hier verwahrt man sich gegen die geäußerten Vorwürfe: »Im Nationalpark Berchtesgaden kann von einer Bestandsbedrohung dieser Art keine Rede sein. Seit 20 Jahren steigen die Bestände dieser Tierart beständig an, wie Zählergebnisse belegen. Die Vereinsvorsitzende beklagt in ihrer Pressemitteilung, dass Bereiche mit Schonzeitaufhebung in den vergangenen Jahren erweitert worden seien. Dabei lässt sie aber außer Acht, dass die bejagte Fläche des Nationalparks von anfangs 100 Prozent (zur Gründungszeit) auf heute nur mehr 23 Prozent der Gesamtfläche reduziert wurde.«

»Gesetzliche Regelungen werden eingehalten«

Müller betont: »Wir regulieren unsere Wildbestände streng nach geltenden Tierschutzregeln und nur mit beruflich und professionell für diese Aufgabe ausgebildetem Personal.« Die Klage des Vereins hat inhaltlich aktuell keine Auswirkungen auf die Wildbestandsregulierung im Nationalpark, denn vom 15. Juni bis 1. August herrscht eine freiwillige Jagdruhe – anders als in weiten Teilen Bayerns. »Rückblickend auf die Erkenntnisse von rund 30 Jahren Wildbestandsregulierung mit Schonzeitaufhebung und den positiven Ergebnissen für Wald und Wild, ist sich die Nationalparkverwaltung sicher, dass die juristische Aufarbeitung der Thematik zu einem zügigen und positiven Ende kommen wird«, ist Müller zuversichtlich.

fb/tj