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Hatten viel zum Thema Energiekrise und Versäumnisse zu sagen (v.l.): Unternehmer Stefan Meisl, MdL Ludwig Hartmann, Ingenieur Christian Moderegger und Kreisrat Simon Köppl. (Fotos: Eva Goldschald)

Veranstaltung des Grünen-Ortsverbandes: Diskussion mit Wissenschaft und Politik im »Kulturhof«

Bischofswiesen – Der Veranstaltungssaal im »Kulturhof« war gut besucht. Iris Edenhofer, Vorsitzende des Ortsverbandes der Grünen, bedankte sich zu Beginn für das zahlreiche Erscheinen und begrüßte die vier Vortragenden Simon Köppl, Christian Moderegger, Stefan Meisl und Ludwig Hartmann. Nach einer kurzen Einführung übergab sie das Mikrofon an Simon Köppl. Der Kreisrat aus der Ramsau und Energieexperte ist seit zehn Jahren in der Energieforschung tätig.


Politisches Versagen

Seinen Vortrag eröffnete er mit einer Bestandsaufnahme. Es sei ein Mythos, dass Deutschland die höchsten Strompreise hätte, auch wenn es sich für viele gerade so anfühle. Es gibt Länder, in denen Menschen weitaus mehr für Energie bezahlen als hier. Aber er prangerte an, das 16 Jahre versäumt wurde, rechtzeitig auf erneuerbare Energien umzusteigen. Unter anderem kritisierte er das »klare Versagen der Politik«, all die Jahre Erdgas zu fördern, während neue Technologien komplett vernachlässigt wurden. Von 2019 bis 2021 wurden in Bayern lediglich 25 Windräder gebaut, nur vier Prozent der staatlichen Liegenschaften werden aktuell mit Fotovoltaik versorgt. Ihm fehlte in den letzten Jahren der politische Wille, das zu ändern.

Um die Energieziele für 2040 zu erreichen, müsse man allein in Bayern den Bau von Fotovoltaik-Anlagen um 40 Prozent steigern, wöchentlich zwei neue Windkraftanlagen in Betrieb nehmen und 1 250 Wohngebäude energetisch sanieren. Außerdem plädierte er dafür, auch zu Hause einzusparen. Da seien 20 bis 30 Prozent weniger Verbrauch möglich.

Der praktische Blick

Stefan Meisl von der Meisl GmbH kommt aus dem praktischen Feld. Viele kennen ihn vom Werkzeuggeschäft in der Bergwerkstraße, weniger bekannt ist sein Fachgroßhandel im Bereich Energie. »Ich bin kein Politiker und auch kein Wissenschaftler, sondern nur ein Handwerker«, sagt Meisl. Er rüstet allerdings beispielsweise in der Arktis Forschungsstationen mit nachhaltigen Energien aus. Wichtig sind für ihn vor allem Entwicklungen bei Wärme- und Energiespeichern, sodass diese lange und viel speichern können. Seine Arbeit sei zukunftsträchtig, aber nicht immer befriedigend. Das Handwerk ist aus seiner Sicht fast nur noch Bürokratie. Die meiste Zeit beschäftigt er sich mit dem Ausfüllen von Formularen. Für die Zukunft sei es wichtig, sich breit aufzustellen und verschiedene Lösungen anzudenken. Es gäbe nicht immer nur einen Weg. In diesem Zuge verweist er auf Batterien. Der allgemeine Tenor lautet ja, würde ein E-Auto brennen, könne man es ohne hohen Aufwand nicht löschen. Das hänge aber davon ab, welche Batterie verbaut sei.

Der Fachkräftemangel

Christian Moderegger ist seit 2005 Planungsingenieur bei einem Ingenieurbüro in Rosenheim und hält regelmäßig Vorträge an der Hochschule in Rosenheim. Bei der ganzen Diskussion um die Energiewende stellt er fest, dass insgesamt die Bereitschaft in der Bevölkerung wächst, in nachhaltige Energien zu investieren. Ihn erreichen vermehrt Anfragen, wie man sein Haus kurzfristig, mittelfristig und langfristig umstellen kann, um möglichst wenig von den stetig steigenden Energiepreisen betroffen zu sein. Ideen gäbe es genug, das Problem sei aber nicht nur die schnelle Umsetzung, sondern auch der Mangel an Arbeitskräften.

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Viel zu tun für die Energiewende.

Zum einen mangelt es an Studenten. Seit 2010 sei die Zahl der Elektrotechnikstudenten in ganz Bayern um 40 Prozent zurückgegangen. Offene Stellen werden teilweise erst nach Monaten besetzt. Die Ausbildung eines Ingenieurs auf diesem Gebiet würde mindestens zwischen acht und zehn Jahren dauern. Seiner Meinung nach müsse man Schüler mehr für Technik begeistern, die Perspektiven am Arbeitsmarkt sind riesig. Das gilt auch für Handwerker; es sei schließlich nicht automatisch so, dass man mehr verdient, nur weil man studiert.

Energiekrise stoppen

Letzter Vortragender war der Landtagsabgeordnete Ludwig Hartmann. Auch er betonte die Bemühungen, die Energiekrise zu stoppen. Jeder wüsste, dass fossile Brennstoffe »giftig, umweltschädlich, dreckig, endlich und teuer« sind. Im Gegensatz dazu seien Wind und Sonne unbegrenzt verfügbar. Den Fehler sieht er ganz klar bei der Regierung der letzten 16 Jahre. Das aktuelle Schimpfen auf die jetzige Bundesregierung macht ihn wütend. Immerhin könne man nicht sofort alles ändern, was jahrelang falsch entschieden wurde. Das derzeitige und wichtige Ziel war, den Gasspeicher zu füllen, damit die Menschen diesen Winter nicht frieren müssen. Das wurde erreicht. Als Nächstes müsse alles getan werden, um die Energiewende voranzutreiben. Sein Wunsch wäre weniger Bürokratie, sodass jeder freie Flächen am Haus direkt mit Solarstrom versorgen könne. Auch er plädiert dafür, das Handwerk wieder populärer zu machen. Klimaschutz könne ohne Handwerk nicht funktionieren.

Viel Diskussionsbedarf

Am Ende der Vorträge nutzten die Teilnehmer die Gelegenheit, Fragen zu stellen und ihre Meinung kundzutun. Andrea Grundner, Gemeinderätin in Berchtesgaden, ärgerte sich über den Handwerkermangel und dass Kindern vermittelt wird, dass nur das Abitur zählt. Eine weitere Teilnehmerin hatte Angst, dass für Solarmodule neue Flächen, vor allem am Berg, genutzt werden, anstatt bestehende Versiegelungen zu nutzen.

Eine Diskussion bahnte sich auch beim Thema Holz an. Ein Teilnehmer verwies darauf, dass Bayern schließlich Holzland sei und man es als guten Brennstoff nicht vernachlässigen dürfe. Dem entgegneten die Vortragenden, dass Holz künftig vor allem im Bausegment mehr eingesetzt werden müsse, eben um von »den Energiefressern Ziegel und Zement« loszukommen. Zu diesem Thema merkte ein weiterer Teilnehmer an, dass man beim Thema Holz oft den CO2-Ausstoß vergesse. Der wäre hier doppelt so hoch wie bei Erdgas.

Friedhelm Schneider aus dem Gemeinderat in Ainring erkundigte sich über die Möglichkeiten, als Gruppe Strom zu erzeugen und dezentral zu agieren. Simon Köppl verwies ihn auf die Kommunikationsabteilung des Klimaschutzmanagements Berchtesgadener Land. Deren Aufgabe sei genau das, die Bürger zu informieren und ihnen zu helfen, alternative Energien auf den Weg zu bringen. Wer Hilfe braucht, könne sich auch direkt an ihn wenden.

Holz keine Alternative

Nach einigen weiteren Wortmeldungen ergriff Dr. Bartl Wimmer das Wort und sprach von einem »gewaltigen Problem«. Obwohl er mit Hackschnitzel und Solar heizt, spüre Wimmer im »Kulturhof« die Energiekrise immens. Alleine die Stromkosten haben sich beinahe verdreifacht und der Preis für Holz und Hackschnitzel ist ebenfalls spürbar gestiegen. Der Ster Holz würde in München aktuell 600 Euro kosten. Holz als günstige Alternative anzupreisen helfe den Menschen also rein gar nichts. »Schaffen werden wir es schon, aber es ist aktuell eine schwierige Lage für uns«, so Wimmer. Bei vielen Betrieben würde es um das Überleben gehen. Der Politik der letzten 16 Jahre wirft er »totales Versagen« vor. »Die, die da regierten sollen jetzt für die nächsten zwei oder drei Jahre einfach mal die Klappe halten«, so der Grünen-Kreisrat. Wimmer plädierte für Zusammenhalt, denn nur so könne man die Krise wirklich überstehen.

Am Ende verwies ein Teilnehmer noch darauf, dass ihm in den Vorträgen Tipps und simple Maßnahmen fehlten. Das seien zum Beispiel Dämmungsbänder unter Eingangstüren, neue Fenster und bessere Dämmungen, um zum Beispiel die hohe Energieverschwendung bei Altbauten zu beheben. Das müsse mit Fördermitteln geschehen. Ludwig Hartmann gab ihm recht und verwies darauf, dass Bestandsimmobilien aktuell das größte Problem seien. Auch bei Mietwohnungen hätte man noch viele Umwege zu bestreiten.

Alle waren sich am Ende einig, dass viel Reden nur wenig hilft. Die Lösungen liegen auf dem Tisch und müssten nun endlich umgesetzt werden.

Eva Goldschald