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Diogenes-Quartett spielt bei den Insel-Konzerten ein Werk von Pierre-Dominique Ponnelle

Uraufführung bei den Insel-Konzerten

Der Komponist Pierre-Dominique Ponnelle (Mitte) bedankte sich beim Diogenes-Quartett für die Uraufführung seines Streichquartetts. (Foto: Janka)

Die »Insel-Konzerte« im Bibliothekssaal des ehemaligen Klosters Herrenchiemsee sind so bedeutend geworden, dass dabei jüngst eine Uraufführung stattfand: Das Diogenes-Quartett führte das Streichquartett Nr. 3 von Pierre-Dominique Ponnelle, der höchstselbst anwesend war, erstmals öffentlich vor Publikum auf.


Ponnelle wurde 1957 in München geboren und hat dort auch Komposition studiert, dazu Dirigieren bei den österreichischen Dirigenten Otmar Suitner und Herbert von Karajan. Dieses Streichquartett ist eine Hommage an die Schauspielerin und Dichterin Edith Silbermann (1921 bis 2008), die in Czernowitz geboren wurde und Verfolgung und Ghetto der Nazis überlebte. »Erinnerungsfetzen ihres Lebens ziehen vorbei und erzählen von einer außergewöhnlichen Frau, die ihre Heimat nie vergessen hat«, schreibt der Programmzettel.

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Das einsätzige und ungefähr 18-minütige Streichquartett beginnt auch im erzählenden Gestus, dieses Anfangsmotiv wird weiter verarbeitet und taucht immer wieder auf. Als »Erinnerungsfetzen« dienen das französische Kinderliedchen »Au clair de la lune«, ein Stückchen vom »Bruder-Jakob«-Kanon, die altösterreichische Kaiserhymne, ein wilder Volkstanz und Anklänge an jüdische Synagogengesänge. Es bleibt durchaus »melodisch« und tonlich, immer mit einem leisen, manchmal brodelnden Schmerzgefühl und einem elegisch bebenden Klagegesang, abgewechselt von gläsern-schneidenden Klängen, Flageolett-Fahlheiten und wütendem Streichen, Klopfen auf den Korpus oder Reißen der Saiten. Am Ende erlischt das Stück wie der letzte Atem. Die Zuhörer sind tief beeindruckt. Das Diogenes-Quartett hat sich dem uraufgeführten Stück mit Herzblut und Leidenschaft gewidmet und alles an Klängen herausgeholt, was der Komponist hineingeschrieben hatte.

Rund um diese Uraufführung gibt es noch Mozart und Schubert. Schon bei dem Mozart’schen G-Dur-Quartett KV 387 sieht und hört man die intensive Kommunikation der vier Musiker mittels Blicken, Zuneigen des Oberkörpers, Hochziehen der Augenbrauen oder eines kleinen Lächelns. Heitere Spielfreude und sprühende Frische sind das Ergebnis – obwohl Stefan Kirpal und Gundula Kirpal (Violine), Alba González I Becerra (Viola) und Stephan Ristau (Cello) schon seit 20 Jahren miteinander musizieren. Von energischer Straffheit und gleichzeitig voll strömender Sinnlichkeit ist ihr Klang, ihre Phrasierungen sind zwar logisch-stringent und doch gleichzeitig voller Wärme und Impulsivität. Auch kleine Motive modellieren sie plastisch und zeigen fast schelmisch, wie fein Mozart im Menuetto mit der Menuettform und dem Dreiertakt spielt, ihn durch eine »falsche« Betonung zerlegt, ja fast auflöst: eine Art geistreicher Zwiefacher.

Im Finale geht nach vorsichtig-fragendem Beginn die Post ab. Wie später in der »Jupiter-Symphonie« mixt Mozart Fuge und Sonatensatzform zu einem Dauerjubel, der dann doch ironisch bescheiden endet, was das Diogenes-Quartett genüsslich zelebriert.

In Schuberts d-Moll-Quartett »Der Tod und das Mädchen« entdecken die vier Musiker tänzerische Elemente, es entsteht eine Art Totentanz, sie spielen mit so ansteckender Lebenslust, dass man meinen könnte, sie wollten den Tod durch Kunst und Schönheit besiegen. Von der zweiten Geigerin gehen sichtbar Ströme von Energie aus, das Cello verleiht seinen Passagen sonore Gewichtigkeit, im Presto-Finale, das sich wie ein ungarischer Volkstanz mit stampfenden Stiefeln anhört, spielen sich die Musiker in einen wahren Spielrausch, sodass die Zuhörer die Musiker mit Beifall und Bravo-Rufen überschütten. Rainer W. Janka