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Beim Schwarzbach im Wachterl werden aktuell Fichten gepflanzt. Vinzenz Bader steht den Kollegen zur Seite und pflanzt auch manchmal mit.

Unterwegs in den Berchtesgadener Wäldern: Vinzenz Bader ist seit gut einem Jahr Förster in der Region

Berchtesgaden – Vinzenz Bader ist ein ruhiger, bedachter Typ. Bevor er redet, überlegt er genau, was er sagen wird. Er spricht deutlich, manchmal etwas leise. Wenn er hingegen durch den Wald geht, dann tut er das mit schnellen Tritten und man muss fit sein, wenn man ihm nachkommen will.


Der gebürtige Garmischer sagt selbst, dass er mit der Region, in der er seit Februar 2021 lebt, ein »Riesen-Glück« gehabt hat. »Die ganze Mannschaft, die Zusammenarbeit mit den Jägern und generell das Arbeitsklima sind super. Das habe ich schon anders erlebt. Den Einsatzbereich hätte ich sowieso viel schlechter erwischen können«, erzählt er. Immerhin hat er sich während seines Studiums in Weihenstephan und bei den Staatsprüfungen viele Orte in Bayern ansehen dürfen. Zu seinem Revier gehören der ganze Lattenberg, im Westen der Schwarzbach beim Wachterl, der Wald in Winklland sowie der Siglahner, das Nierenthal und das Plateau vom Untersberg. Vor gut drei Wochen begann für ihn die Arbeit in den Revieren. Das heißt Wege begehen, Baumbestände analysieren, Schäden aufnehmen und den Wildverbiss kontrollieren. Und natürlich Bäume kennzeichnen. Blau bedeutet, der Baum muss unbedingt stehen bleiben, orange markierte Bäume werden gefällt, drei weiße Ringe kennzeichnen das Revier der Bayerischen Staatsforsten. Und viele Ziffern untereinander sind Koordinaten für die Holzarbeiter, damit sie den Weg zu befallenen Bäumen finden.

Aktuell steht die Aufforstung einzelner Waldabschnitte am Plan. Dafür bestellte der 30-Jährige schon im vergangenen Herbst Bäume bei der Baumschule in Laufen. Insgesamt setzen die Bayerischen Staatsforsten auf Mischwald, bestehend aus Fichte, Tanne, Lärche, Buche und Ahorn. »Nadelbäume wie die Fichte sind in unserer Region, den bayerischen Kalkalpen, schon immer heimisch gewesen. Allerdings ist die Fichte ein recht anfälliger Baum, vor allem was den Borkenkäfer angeht. Würden wir nur Fichten ansiedeln, hätte der Käfer leichtes Spiel. Sind andere Bäume dazwischen, muss er sich schon mehr anstrengen«, so der Förster.

Wichtige Eingriffe in den Wald

Wieso man den Wald nicht einfach so lässt und wartet, bis er sich selbst wieder aufforstet? Auf diese Frage hat Vinzenz Bader prompt eine Antwort: »Wo nur Fichten wachsen, kommen auch nur Fichten nach. Würden wir die anderen Baumsorten nicht pflanzen, würden sie an den gewünschten Stellen nicht wachsen. Der Samen käme ja dort gar nicht hin.« Gepflanzt wird im Frühjahr und im Herbst in den Monaten in denen der Niederschlag am größten ist. Würde man im Sommer pflanzen, würden die Stecklinge schnell vertrocknen. Wie viel gepflanzt wird, hängt davon ab, wie viel Schaden ein Wald aufweist. Manchmal mehr, manchmal weniger. Im Frühjahr rechnet man mit etwa 14 Pflanztagen, im Herbst eher mit drei Wochen. Zur Arbeit des Försters gehört die genaue Planung, wann an welchen Orten gepflanzt wird, welche Holzknechte wann zuständig sind. Denn letztendlich sind sie es, die die neuen Bäume in die Erde bringen.

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In einer Käferfalle am Taubensee befindet sich ein Duftlockstoff, der Borkenkäfer anzieht. In einer Art Wanne werden sie gesammelt. Der Förster überprüft ihren Bestand.

Vinzenz Bader hilft manchmal mit, weil es ihm Spaß macht. Seine Hauptaufgabe ist es allerdings nicht. »Ich war als Kind schon immer im Wald, mein Papa und mein Opa sind und waren beide Holzknechte. Ich bin quasi im Wald aufgewachsen«, sagt er.

Engen Kontakt pflegt er auch mit den Berufsjägern. Sie sind es schließlich, die den neu gepflanzten Wald schützen, indem sie die Wildpopulation regulieren. »Ich bin nicht Förster geworden, weil ich die Tiere nicht mag. Am liebsten wäre es mir, wenn wir keine Tiere schießen müssten. Allerdings müssen wir die sensiblen Waldzonen schützen. Wird ein Baum einmal angebissen, ist das nicht so schlimm, der wächst wieder weiter. Auch wenn er rund zwei bis drei Jahre im Wachstum nach hinten geschmissen wird. Aber wird er jedes Jahr angebissen, bringen unsere Pflanzaktionen leider nichts«, betont der Förster.

Rodung und Verjüngung

Ganze abgeholzte Waldstriche, meterhoch türmen sich die Baumstämme. Gerade im Frühling bietet sich in Berchtesgaden an vielen Orten so ein Bild. Vinzenz Bader versteht, wenn dabei Unmut bei den Bürgern aufkommt. »Einerseits reden wir ja davon, wie wichtig die Bäume im Kampf gegen den Klimawandel sind. Wenn man dann sieht, wie die Staatsforsten Hunderte Bäume roden, ist es kein Wunder, dass unsere Arbeit oft in Verruf gerät. Dabei ist es nicht so, dass wir wahllos Bäume fällen. Vielmehr geht es dabei um die Verjüngung des Waldes sowie den Schutz der Bevölkerung«, erzählt Bader.

Damit ein Wald intakt bleibt, müssen Bäume in allen Altersstufen vorhanden sein. Wären nur gleichaltrige Bäume da, würden diese gleichzeitig altern und somit auch gleichzeitig absterben oder ganze Flächen durch Stürme beschädigt werden. Sorgt man hingegen dafür, dass immer wieder junge, kräftige Bäume nachkommen, hat man immer intakte Waldteile.

Damit die neuen Bäume genug Licht bekommen, muss man leider einige alte entfernen. Zusätzlich entnimmt man Bäume, die zum Beispiel an Bushaltestellen oder Straßen zur Gefahr werden können. Natürlich sei es kein Geheimnis, dass der Forst mit den Bäumen Geld verdient, hauptsächlich als Baumaterial. »Holz ist ein natürlicher Rohstoff und kommt immer wieder auf Baustellen zum Einsatz. Ich finde es viel umweltfreundlicher, das heimische, wild wachsende Holz zu verwenden, als aus Russland Holz einzuführen, das dort auf Plantagen angebaut und mit riesigen Maschinen gerodet wird.« Alle zehn Jahre machen die Bayerischen Staatsforsten Inventur. Das bedeutet, sie zählen die Baumbestände, Baumarten, deren Alter und Höhe. So kann man sich den Zuwachs über die Jahre ausrechnen.

Der größte Feind des Waldes ist laut Vinzenz Bader der Klimawandel mit seinen Wetterextremen. Starkregen mit Überschwemmungen ist dabei genauso schlimm wie wochenlange Trockenphasen. Vor allem länger anhaltende Temperaturen über 30 Grad schaden den Bäumen. Mit der Klimaerwärmung kommen auch immer mehr Borkenkäfer. Die fühlen sich damit nämlich sehr wohl. »Umgestürzte Bäume lassen wir vor allem in Schutzzonen liegen. Wir entfernen dann nur die Rinde, weil der Borkenkäfer genau danach sucht. Zwischen Rinde und Holz liegen die Nährstoffe, die er mag. Entrindete Bäume sind Dünger und Humus für den Boden und bieten vielen Insekten und anderen Waldbewohnern Unterschlupf und Nahrung.« Im südlichen Landkreis ist die Trockenheit eher weniger ein Problem, während sie den Bäumen im nördlichen Landkreis bis nach Waging und Petting ziemlich zusetzt.

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Holzknecht Schorsch orientiert sich im Gebiet. Die Holzarbeiter bringen die neuen Bäume in die Erde. Vinzenz Bader hilft gerne mit. (Fotos: Eva Goldschald)

Wenn Vinzenz Bader gerade nicht im Dienst ist und stattdessen mit seinem Rad auf den Berg fährt oder wandert, hat er immer sein Notizbuch dabei. Darin vermerkt er, wenn ihm im Wald etwas auffällt. Sobald er wieder im Dienst ist, überprüft er das. »Das ist für mich keine Arbeit, sondern irgendwie selbstverständlich. Als Förster achtet man automatisch auf die Natur. Während des Studiums haben wir gelernt, in Generationen zu denken. Als Förster macht man nicht einfach eine vergängliche Arbeit. Stattdessen hat man die Aufgabe, Lebensraum zu erhalten und zu schaffen. Ich werde die Bäume, die ich oder meine Kollegen pflanzen, nicht mehr in ihrer vollen Pracht erleben, weil ich einfach nicht so lange lebe. Aber ich tu es für die die nachkommen«, sagt Vinzenz Bader. Manchmal werden Reviere umverteilt, zum Beispiel wenn jemand aufhört oder neu anfängt. Das gäbe manchmal Diskussionen, denn irgendwie würde einem das eigene Revier schon ans Herz wachsen. Man kenne sich aus, stecke viel Arbeit hinein. Aber man müsse als Förster eben auch loslassen können.

Mehr Interesse für den Wald

Förster sein bedeutet für Vinzenz Bader selbstständig zu arbeiten, draußen sein, mit Menschen in Kontakt kommen und vor allem aufzuklären. Letzteres liegt ihm sehr am Herzen, wie er betont: »Ich glaube, es ist wichtig, dass wir viel mehr mit der Bevölkerung sprechen und nicht immer erst im Nachhinein reagieren, wenn mal wieder ein Aufschrei wegen unserer Arbeit passiert. Woher sollen die Menschen wissen, was wir machen, wenn es ihnen niemand sagt. Die sehen nur die vielen gefällten Bäume und sind zurecht genervt. Wenn ich unterwegs bin, dann dürfen mich die Leute immer ansprechen. Ich freue mich drüber, wenn ich Wissen weitergeben kann. Heute interessieren sich die Menschen viel mehr für ihren Wald und den Schutz der Umwelt als früher. Sie haben ein Auge auf ihren Wald und das ist gut so.«

Bis er sein ganzes Revier und die Namen auswendig kennt, dauere es gewiss noch eine Weile, wie Bader sagt. Die Arbeit möchte er aber um keinen Preis tauschen und am liebsten in Berchtesgaden bleiben.

Eva Goldschald