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Ungute und doch willkommene Erinnerungen an Traunstein

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Christa Fuchs (von links) als Kathi Kobus, Willi Schwenkmeier als Ludwig Thoma, Valentin Fuchs als Stimme im Hintergrund und Franz-Josef Fuchs als Thomas Bernhard überzeugten mit ihrer »Spukgeschichte« im Studio 16 in Traunstein. (Foto: M. Heel)

Ludwig Thoma verehrt man in Traunstein noch heute, auf ihn ist man als Bürger dieser kleinen Stadt regelrecht stolz. Mit dem Nestbeschmutzer Thomas Bernhard hat man dagegen so seine Probleme, zumal das Lästermaul auch noch ein »Esterreicher« war. Und Kathi Kobus, aufgewachsen in Traunstein und dereinst die berühmteste Wirtin Münchens? Man hat sie weitgehend vergessen, denn nichts in Traunstein erinnert an sie.


Was die zwei Schriftsteller und Kathi Kobus hätten bereden können, hat Willi Schwenkmeier nun in seiner geistreichen Spukgeschichte »Sind wir hier daheim gewesen?« als szenisches Lesespiel aufbereitet, das an zwei aufeinanderfolgenden Abenden im Traunsteiner Studio 16 aufgeführt wurde. Als Thomas Bernhard agierte dabei Franz-Josef Fuchs, Willi Schwenkmeier gab den Ludwig Thoma und Kathi Kobus wurde von Christa Fuchs verkörpert. Mit dabei war auch Valentin Fuchs, der aus dem »Off« die eingestreuten (Original)Texte vorlas und in der Rahmenhandlung einen Schulschwänzer spielte, der in Traunstein herumgeistert und dabei in der Bücherei landet, wo er unvermutet Spaß am Lesen findet.

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Was also wäre passiert, hätten die drei sich getroffen, die Ikone der bayerischen Heimatdichtung, der österreichische Quergeist und die einstige Dichterwirtin des »Simpl«? Sie hätten sich gestritten, keine Frage, aber auch gegenseitig gelobt und gewürdigt, und wären immer wieder auf die Kleinstadt an der Traun zu sprechen gekommen, in der sie zeitweise daheim waren, Kathi Kobus und Thomas Bernhard einen Teil ihrer Kindheit verbrachten und Ludwig Thoma eineinhalb Jahre lang als Rechtspraktikant am Kgl. Amtsgericht tätig war.

So jedenfalls hatte es Schwenkmeier eingerichtet, als munteres Plauderstündchen aus dem Reich der Geister, bei dem Traunstein zwangsläufig so manches einstecken musste. Übelste Provinz sei das, giftete Bernhard, wo er von Leuten beschimpft worden sei, die nie eine Zeile von ihm gelesen hätten. Böse wär’s trotzdem gewesen, hielt Thoma dagegen und verwies auf die entsprechenden Passagen in Bernhards »Ein Kind« und die Tiraden von Bernhards Großvater, die heute noch jeden Traunsteiner entsetzen würden.

Und wenn schon, erwiderte Bernhard ungerührt, letztendlich ermesse sich der Wert einer Stadt eh daran, ob es die »Neue Zürcher Zeitung« zu kaufen gibt und ein gutes Schuhgeschäft vorhanden ist. Und wenn ihm nachgesagt werde, er sei ein Reaktionär und Verteidiger des Adels gewesen, scheiß auf die Kritiker. Missverstanden fühlte sich auch Thoma, der beklagte, dass seine »Heilige Nacht« heutzutage verhunzt und als schnulziges Jesuleingedicht interpretiert werde und dass bei der »Lokalbahn« die Leute immer noch glauben würden, mit Dornstein sei Traunstein gemeint gewesen. Und beim »Krawall« fragte Bernhard, der habe sich doch in Traunstein abgespielt?

Da erhob sich Thoma, sichtlich bewegt, von seinem Stuhl und referierte mit knappen Worten die Ereignisse, die zum Ausdruck »Saupreiss« geführt hätten. Aber wie dem auch sei, so das versöhnliche Fazit der beiden, wären sie in Traunstein nicht daheim gewesen, hätten sie vermutlich nicht so viel darüber geschrieben. So wie die Traunsteiner irgendwann lernen müssten, auch über Bernhard zu lachen.

Und Kathi Kobus? Die blieb bei dieser Runde leider etwas im Hintergrund, auch wenn Thoma nicht müde wurde, ihre Bedeutung als »Simpl«-Wirtin hervorzuheben und zu monieren, dass man sie in Traunstein schlichtweg vergessen habe. Wo sie, wie Walther Diehl in seinem Buch »Die Künstlerkneipe SIMPLICISSIMUS« schreibt: »… wegen ihrer tollen Streiche der Kobusfuchs hieß und die Eltern zwang, ihre in Wirtschaft dort aufzugeben und sie nach Eggenfelden zu verlegen.« Das Haus in der Scheibenstraße, in dem sie damals mit ihren Eltern wohnte, steht übrigens heute noch.

Das schöne Plakat zur Aufführung hat Walter Angerer d. J. angefertigt, und wer mehr über Kathi Kobus (1854 - 1929) erfahren möchte, dem sei auch Walter Stallers Beitrag »Es gibt auf dem ganzen Globus …« im Jahrbuch 2011 des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein empfohlen. Und was Thomas Bernhard noch so alles erlebt hätte, wäre sein Tod im Februar 1989 nur vorgetäuscht gewesen, darüber fabuliert der Journalist und Autor Alexander Schimmelbusch in seinem höchst amüsanten Roman »Die Murau Identität« (Metrolit Verlag, Berlin. 208 Seiten, 18 Euro). Wolfgang Schweiger

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