weather-image
11°

Und der Mensch wurde zur lebendigen Seele

1.0
1.0
Bildtext einblenden
Chiara Skerath, Sopran, Stanislas de Barbeyrac,Tenor, und Adrian Sâmpetrean, Bass (von links), interpretieren im Großen Festspielhaus nach »Vollendet ist das große Werk« mit den Musiciens du Louvre und dem Salzburger Bachchor unter der Leitung von Marc Minkowski (rechts) »Zu dir, o Herr, blickt alles auf«. (Foto: Janoschka)

Christentum und Hinduismus stehen bei der »Ouverture Spirituelle« der diesjährigen Salzburger Festspiele im Mittelpunkt. Und so begannen im Großen Festspielhaus »Les Musiciens du Louvre« gemeinsam mit Mitgliedern des Mozarteumorchesters Salzburg, mit Francesco Corti am Hammerklavier und mit dem Salzburger Bachchor (Einstudierung Alois Glaßner) unter der Gesamtleitung von Marc Minkowski mit dem Oratorium »Die Schöpfung« von Joseph Haydn.


Hervorragend ausgewählt waren die Solisten: Chiara Skerath, mehrfache Preisträgerin internationaler Wettbewerbe, bühnengewandt und -präsent durch ihre Erfolge an verschiedenen europäischen Opernhäusern und Konzertsälen. Hinreißend und mit brillianten Koloraturen sang die schweizerisch-belgische Sopranistin im ersten und zweiten Teil des Oratoriums den Erzengel Gabriel und im dritten Teil Eva, die gemeinsam mit Adam (Adrian Sâmpetrean, Bass) im gesanglichen Dialog Gott lobte und pries.

Anzeige

Auch ihr Gesangspartner aus Rumänien weist viele Erfolge auf den großen Bühnen der Welt vor. Mit seinem tiefen Bass beeindruckte er sowohl als Adam im dritten Teil als auch als Erzengel Raphael mit seinen Rezitativen und Arien in den ersten beiden Teilen.

Der Tenor Stanislas de Barbeyrac wird im Programmheft als einer der faszinierendsten jungen Tenöre der letzten Jahre bezeichnet. Die Auszeichnung »Révélation Artiste Lyrique« (Offenbarung als lyrischer Künstler), die ihm 2014 beim renommierten französischen Wettbewerb Victoire de la Musique (Sieg der Musik) zuerkannt wurde, trägt er – wie er als zauberhafter Uriel bewies – zu Recht. Hohe Töne hauchte er geradezu im Pianissimo aus. Kunstvoll setzte er die Klangbögen seiner Rezitative und wusste Haydns Tonmalereien wunderbar in musikalische Bildsprache umzusetzen, zum Beispiel, als er am vierten Tag den »leisen Gang« des Mondes durch »die stille Nacht hindurch« mit einem traumhaften Legato besang.

Kurz zuvor, nämlich zu Beginn des vierten Tages, musste Minkowski eine Pause einlegen: Auf dem Rang war wegen eines gesundheitlichen Problems polternde Unruhe zu hören. Das war wohl den – trotz Klimaanlage – sommerlichen Temperaturen geschuldet, ebenso wie das knallgelbe Handtuch des Dirigenten, dem das gewöhnliche Taschentuch seinen Dienst versagt hätte, und die Wasserflaschen der Musiker, die auf dem Bühnenboden umherrollten, sodass die Sopranistin, die mit ihren Solistenkollegen zum Schlusschor nach hinten vor den Chor ging, beinahe darübergestolpert wäre. Menschliche Szenen eingebettet in ein perfektes Szenario der Musik.

Die Aufstellung der mehr als 70 Chorsängerinnen und -sänger nach horizontalen Stimmregistern mit den Frauenstimmen jeweils außen, sodass sie Tenor und Bass einrahmten, erwies sich als große Unterstützung für die Klangschönheit. Es verwunderte daher nicht, dass der Salzburger Bachchor, der seit 2003 von Alois Glaßner geleitet wird, schon längst auf internationalen Bühnen zu Gast ist. Der beeindruckendste Moment war wohl, wie das Bild des Lichts in einem subito Fortissimo des gesamten Chors das Pianissimo bei der Vorstellung des Chaos im Orchester ablösend verdrängte.

Nach diesem Höhepunkt setzte sich nicht minder spannend die Schöpfungserzählung in den Arien und Rezitativen der drei Erzengel Gabriel, Uriel und Raphael bis zum 6. Tag fort, während dem Chor der lobpreisende Kommentar der übrigen Engel mit beeindruckenden Fugen zufiel.

Die durch die Augen und Stimmen der Erzengel sichtbar werdende Schöpfung und den unsichtbaren Schöpfer, das Fassbare und das Erhabene, beides ließ Haydn in seinem Oratorium zu Wort kommen. Die Darbietung dieses großen Oratoriums war einer Festspieleröffnung mehr als würdig. Als spirituelle Ouvertüre erhob sie Gedanken, Herz und Geist der Zuhörer in die lichten Höhen begeisterten Jubels. Brigitte Janoschka