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»Tourismus muss für Einheimische und Natur verträglich sein«

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Am 15. März fällt die Entscheidung: Wird Michael Koller der neue Landrat? (Foto: privat)

Berchtesgaden – Michael Koller ist Kandidat aus Leidenschaft. 2014 stand sein Name auf der Liste bei der Bürgermeisterwahl, 2018 bei der Landtagswahl und nun 2020 bei der Wahl zum Landrat. Aufgeregt ist der Berchtesgadener nicht, im Gegenteil: »Entspannt«, sagt er im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«. Dennoch ist er mit vollem Herzen im Wahlkampf involviert und erzählt, was er alles umsetzen will, wo seiner Meinung nach die Zukunft des Tourismus im Landkreis liegt und wie sich die Bewohner des südlichen Landkreises von denen aus dem Norden unterscheiden.


Michael Koller lehnt sich in seinem Stuhl im Pfarrhaus Berchtesgaden zurück und trinkt einen Schluck Kaffee. Dass er entspannt ist, glaubt man ihm sofort. Die Entscheidung, als Landrat für die Freien Wähler zu kandidieren, fällte er im Herbst. »Ich bin schon lange kommunalpolitisch und gesellschaftlich engagiert, man übernimmt dann gerne auch Verantwortung«, erklärt er zu seiner Kandidatur.

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Koller ist hauptberuflich seit über zehn Jahren Fachlehrer an der Realschule Freilassing und somit auch außerhalb des Talkessels bereits bekannt. Auch seine Kandidatur zur Landtagswahl 2018 trägt dazu bei. »Ich bekomme viel von den Bürgern mit«, so der 43- Jährige. Durch das Lehrerdasein wisse er etwa, was sich Familien in ihrer Heimat wünschen. Der Berchtesgadener sitzt zudem nicht nur im Berchtesgadener Gemeinderat, sondern auch im Kreistag und befasst sich daher auch mit den Sorgen der Gemeinden »außerhalb« des Berchtesgadener Talkessels. »Ich denke, dass ich mir bereits einen guten Ruf erarbeiten konnte«, sagt der Kandidat, der auch stellvertretender Kreisvorsitzender der Freien Wähler ist.

Was sich Koller wünscht, ist, dass sich die »Leute mit ihrer Heimat auseinandersetzen und sich unserer Kultur verbunden fühlen«. Daher müsse ein Landrat auch ein Wertebewusstsein mitbringen. Warum ist er für das Amt geeignet? »Ich bin im richtigen Alter, hab Ideen und mit meinen Leuten ein gutes Programm auf die Beine gestellt«, lautet die Antwort. Im Landkreis sei es wichtig, das Miteinander aller Generationen in Zukunft gut hinzubringen. »Das reicht vom Thema Pflege, über das Wohnen, den Verkehr, bis hin zur Ernährung«, fasst der Berchtesgadener zusammen.

Derzeit will er mit den Bürgern des Landkreises gezielt ins Gespräch kommen. Aber das Berchtesgadener Land ist groß und es warten unterschiedliche Herausforderungen auf Michael Koller. Was gibt es vor allem im Süden zu tun? Der 43-Jährige überlegt und sagt dann mit nachdenklichem Blick: »Man darf es nicht im Negativen sehen. Uns geht es gut, wir leben in einer schönen Gegend. Wir können zufrieden sein.« Dennoch sieht er eine Herausforderung im Thema Betreuung für Kinder und für Senioren. Der Berchtesgadener will sich dafür einsetzen, dass der Krankenhausstandort Berchtesgaden erhalten bleibt. Auf dem Wohnungsmarkt sieht er große Chancen und nennt als Beispiel den geplanten Bau von 64 Mitarbeiterwohnungen für das »Kempinski Hotel Berchtesgaden«. Man müsse große Betriebe verpflichten, Wohnraum für die Mitarbeiter zu schaffen. Ein ständiges Thema ist der Verkehr. »Im Süden könnte man größere Parkplätze am Ortsrand schaffen«, zudem bräuchte es einen guten Takt im Öffentlichen Nahverkehr.

Genauso wichtig ist der Tourismus. Hier will er, dass der Blick auch auf den Einheimischen gerichtet ist. »Tourismus muss so gestaltet werden, dass es für den Einheimischen verträglich ist«, so sein Appell.

Da Koller bereits sechs Jahre im Kreistag sitzt, muss er sich mit den Fragestellungen im mittleren und nördlichen Landkreis nicht erst vertraut machen. Ihn interessieren trotzdem die Sorgen, die jeder einzelne Landkreisbürger hat. »Als Lehrer bin ich es gewohnt, zu erzählen. Jetzt bin ich unterwegs, um den Leuten zuzuhören.« Zudem wolle er als Landrat »transparente Entscheidungen« treffen, wie er hinzufügt.

In der »Mitte« sorgt zum Beispiel die Verkehrssituation für Unmut, vor allem die Geschwindigkeit auf den Straßen in die und aus der Stadt Bad Reichenhall. Auch bezahlbarer Wohnraum ist dringend notwendig – wie auch im südlichen Landkreis. »Draußen haben wir aber auch mehr Industrie. Damit geht der Fachkräftemangel einher«, sagt Koller und spricht so ein weiteres Problem an.

Wie kann nun ein Landrat all diese Themen angehen? Michael Koller hat bereits einen Plan: »Man muss sich gut überlegen, wie man die Flächen nutzt, die man hat. Und man muss dort verdichten, wo es möglich ist. Es gelte, die Ziele zu verfolgen, die auch im Markenprozess genannt werden. Ein Landrat sei hier ein »großer Kommunikator und Netzwerker«, der alle Leute an einen Tisch bringen muss. So müssten das Landratsamt, die Wirtschaftsservice GmbH, das Schülerforschungszentrum, die Biosphärenregion und die BGLT miteinander arbeiten, um das Potenzial, das da ist, besser auszuschöpfen.

Eine weitere Aufgabe sieht der Kandidat darin, dafür zu sorgen, dass sich keiner bevorzugt und auch keiner benachteiligt fühlt. »Die Leute sehen schon immer erst ihre eigene Gemeinde«, sagt Koller auf die Frage, wie unterschiedlich die Bürger im Landkreis ticken. Der Berchtesgadener sei sehr selbstbewusst, aber genauso selbstbewusst könnten etwa auch die anderen Bewohner des Landkreises sein. »Kein Ort im Landkreis ist mehr oder weniger wert als der andere«, ist der 43-Jährige überzeugt. Man müsse auf jeden Fall aufeinander schauen.

Das gilt auch für den Bereich Tourismus und BGLT: Im Markenprozess seien klare Ziele formuliert, wie sich der gesamte Landkreis ausrichten soll. »Es ist gut, wenn wir eine gemeinsame Strategie weiterverfolgen«, ist Koller überzeugt.

Er selbst habe »von Anfang an« vor dem Massentourismus gewarnt. Natürlich gebe es viele, die vom Tourismus leben. »Aber es muss ein sanfter Tourismus sein, qualitätvoll, maßvoll und dem Einheimischen seinen und der Natur ihren Platz lassend«, fordert der Berchtesgadener. »Aber ich denke, wir haben es noch in der Hand.«

Annabelle Voss