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Todesangst: Corona kann auch psychische Probleme befeuern – Ein Bericht aus der Schön Klinik

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Albert Kormann leidet unter Angst. Einmal hat er das Corona-Virus bereits besiegt. (Fotos: Kilian Pfeiffer)

Schönau am Königssee – Albert Kormann hat Angst. Oft sind es Todesängste, die ihn nicht einschlafen lassen. »Nachts wache ich manchmal mit Panikattacken auf«, sagt der 77-Jährige. Vor einigen Monaten hat er den Kampf gegen das Corona-Virus schon einmal erfolgreich gewonnen. Bereits in der Vergangenheit litt er unter Depressionen und Ängsten. Derzeit wird er im Fachzentrum der Psychosomatik in der Schön Klinik behandelt. Dr. Robert Doerr, Chefarzt des Fachzentrums für Psychosomatische Medizin und behandelnder Arzt, sagt, dass Corona psychische Probleme befeuern kann. »Die Zahl der Patienten steigt.«


Albert Kormann ist körperlich fit. Das Alter sieht man dem Mittelfranken nicht an. Kormann lebt alleine. Er hat eine Lebensgefährtin, die fünf Minuten entfernt wohnt. Seitdem die Pandemie die Welt in Atem hält, hat der 77-Jährige das Haus kaum verlassen. Kormann gilt als Risikopatient. Nicht nur des Alters wegen: Er hat Herzrhythmusstörungen, leidet unter schwerer Bronchitis.

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Im April plagten ihn Darmprobleme. Er ging zum Arzt, bekam eine Darmspiegelung. Der Arzt stellte fest: Kormann ist Corona-positiv. Es folgte die Einweisung in die Klinik. Panik machte sich in ihm breit. Er spielte im Kopf alle Möglichkeiten durch. »Ich habe mich von meiner Lebensgefährtin verabschiedet«, sagt Kormann. Dass er das Krankenhaus lebendig verlassen würde, glaubte er zu diesem Zeitpunkt nicht. »Ich werde nicht zurückkommen.« Kormann war genesen, er hatte das Virus besiegt.

Der rüstige Rentner war vor drei Jahren bereits wegen Depressionen in Behandlung. Nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben fühlte er sich noch nicht bereit für die Rente. Er hat in seinem Leben viele Stationen durchgemacht, war bei der Handelsmarine, arbeitete als Werkstoffprüfer und in der Security. »Ich zählte mich noch nicht zum alten Eisen und wollte nicht nur zu Hause rumsitzen.« Zermarternde Gedanken, nicht gebraucht zu werden, bestimmten seinen Alltag, bereiteten ihm Angst, stürzten ihn in die Depression.

Wenn es Kormann schlecht ging, wenn die Nerven blank lagen, der Antrieb fehlte und er sich in seinen vier Wänden zurückzog, wollte er allein sein, widmete er sich der Musik. »Musik zu hören, beruhigt mich«, sagt er. Mit Corona, der eigenen Erkrankung und den Einschränkungen, die das Handeln im Alltag stark einschränken, verstärkte sich die Angst: »Wie lange bin ich immun gegen das Virus? Was, wenn ich erneut an Corona erkranke und beatmet werden muss?«

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Dr. Robert Doerr ist Chefarzt des Fachzentrums für Psychosomatische Medizin und Kormanns behandelnder Arzt.

Ratlosigkeit und Verzweiflung seien bestimmende Themen bei Angstpatienten, sagt Chefarzt Dr. Robert Doerr. Das Fachzentrum, dem er in der Schön Klinik in Schönau am Königssee vorsteht, hat 140 Betten. Patienten mit Burnout, Schmerzen, Depressionen und Ängsten werden hier behandelt. Das Haus ist voll, es gibt lange Wartelisten.

Die psychische Belastung infolge des Covid-19-Virus nehme zu, sagt er. Der Lockdown, die Angst vor dem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes, die Einschränkungen, die das Leben beeinflussen: All das seien Dinge, die psychisch krank machen könnten. Bei vorerkrankten Personen wiege die Situation nochmals schwerer. »Es kommt darauf an, wie viel der Einzelne aushält«, sagt Doerr.

Das Virus belaste die Gesellschaft, so viel sei sicher. »Die Einschränkungen schleichen sich langsam in die Psyche, manifestieren sich dort.« Lunge und Psyche seien vom Covid-19-Virus am häufigsten betroffen. Alfred Kormann erhält aktuell keine medikamentöse Behandlung, sieht man von einem pflanzlichen Schlafmittel ab. »Mir geht es schon deutlich besser«, sagt Kormann. Der Abstand, ein organisierter Tagesablauf, die Möglichkeit, über seine Erfahrungen und Ängste in Einzel- und Gruppengesprächen zu reden, helfen ihm. Er fühlt sich im Umfeld der Klinik gut aufgehoben.

»Man ist hier gezwungen, wieder etwas zu tun«, sagt Chefarzt Robert Doerr. Der Körper und die Psyche können sich gut erholen. Albert Kormann hat bereits weniger Ängste und zieht sich nicht mehr in sein Zimmer zurück. Er kann inzwischen wieder durchschlafen. Zu Hause, auch das weiß er, wird er auf sich allein gestellt sein. Seine Lebensgefährtin wartet auf ihn. Ängste versucht er auszublenden. »Ich bin zwar vorbelastet, aber fit.«

Mit einer Impfung rechnet er erst in »zwei, drei Jahren«. Sobald es diese gibt, ist Kormann der Erste, der sich den Impfstoff verabreichen lassen möchte. Chefarzt Doerr ist mit der Verfügbarkeit eines Impfstoffes deutlich zuversichtlicher. Seinem Patienten räumt er gute Chancen ein, den Alltag zukünftig wieder alleine bewerkstelligen zu können. Kilian Pfeiffer