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Tiefschwarzer Blick in menschliche Abgründe

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Der Qualtinger hätte seine Freude gehabt am Sigi Zimmerschied im NUTS. (Foto: Ortner)

Nach dem tiefgründigen Blick in Adalbert Staubers dubiose »Reißwolf«-Geschäfte, startet Sigi Zimmerschied in Kürze offiziell mit seinem neuen Kabarettprogramm »Multiple Lois«, in dem er bei der ausverkauften Vorpremiere in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS einen tiefschwarzen Blick in die menschlichen Abgründe gestattete: ein hervorragender, provozierender, und auch wenn das viele sicherlich am liebsten ignorieren würden, ein bitterböser Abgesang auf Opportunismus, Mitläufertum und von Sozialneid zerfressene Selbstgerechtigkeit. Helmut Qualtinger hätte seine helle Freude daran gehabt.


Geerbt hat er, der Lois. Ein Haus. Und jetzt muss er schauen, dass er das Beste draus macht. Immerhin hat er es doch gar nicht drauf angelegt, kann gar nix dafür, für die Verantwortung, die ihm der Onkel Norbert da jetzt aufgebürdet hat. Wie auch der Onkel Norbert nix dafür kann, dass der Jud' ihm seinerzeit das Haus »geschenkt« hat, damit ihn der Nazi nicht enteignet, bevor er ins KZ gebracht wurde. Vermietet hat er die Wohnungen an ein paar »Islamer«, und wenn die nicht da sind, untervermietet er sie an ein paar Kiffer und Kommunisten und kassiert so für »ungenutzten Wohnraum« doppelt und dreifach ab. Sein Traum vom Erbnutznießertum: Die paar Wohneinheiten auf dem Papier in 50 Parteien, 100 Briefkästen und 10 Firmen zu vermieten und es wäre das einzige »europäische Haus«, das leer steht, obwohl es voll vermietet ist und es herrsche »sozialer Frieden«.

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Dabei macht der Lois nur das, was »alle« machen und immer gemacht haben. Auch sein Vater, sein Vorbild, der immer getreu der Devise lebte: »Nehmen wie es kommt. Frau, Kindergeld, Erbschaft und ein paar korrupte Politiker.« Wobei das natürlich lange nicht alles war, er hat »den Krieg« mit einem Kieferdurchschuss überlebt und nach dem Krieg ohne große Not, sein Fahnderl immer so nach dem Wind gehängt, dass er mit einem Minimum an Aufwand, das Maximum für sich herausgeholt hat – windschiefe Rechtfertigungen und Schönrednerei des eigenen parasitären Verhaltens im aktuellen Tagesgeschehen inbegriffen und selbstredend nicht als solche deklariert.

Und der Lois, der ist der gleiche. Nur ja nicht zu viel tun und immer schön die Händ' aufhalten, bis einer wieder was reinschmeißt. Wurscht ob Vater Staat oder eine Erbschaft oder ein übervorteilter Untermieter. Schuld sind ja eh immer die anderen, und zu viel haben tun sie auch immer. Von Wut und Sozialneid zerfressen, schlüpft der Lois von einer Rolle in die andere und wettert gegen alles und jeden, der scheinbar mehr und ein besseres Leben hat als er. Als »Loisinho« zieht er über Ribery & Co. und ihre »unverdienten Millionen« her, als »Luishido« lässt er einen Crystal-Speed-Resthirnverwerter-Rap vom Stapel. »Mohammed Jussuf A Loiso« philosophiert über Katastrophenjahre, die immer auch geburtenstarke Jahrgänge waren, denn: »Angst schafft Glücksmomente.« Und als »Dalois Lama« setzt er noch einen drauf, indem er als Begründer des »Glashausweges am Fuße des Brotjacklriegls« das Mantra des »Hanuta-Guddha« erschafft und vor allem die Jugend ordentlich abzockt, die »Sicherheit, Religion und Patisserie« in Einklang bringen will.

»Ich lebe gern Parterre. Unten musst stehen und warten, dass oana obifoit.« Das ist die Lebensdevise des Lois, mit der er erschreckenderweise auch ganz gut lebt und gelebt hat. Und er hat sich die Lebensweisheiten seines Vaters ein Lebtag lang zunutze gemacht. »Was war, das war« (übersetzt: is eh nimmer zum ändern, also hol ma aus der Vergangenheit raus, was grad geht). Wichtigste Regel: »Das schlechte Gewissen haben immer die anderen.« Drittens: »Des, wos de andern brauchan, g'hert uns!« (Und wenn es nur die einzige in der Stadt vorhandene elektrische Hochwasserpumpe vom Onkel Norbert ist, wegen der sie alle hinter ihm her waren) Es ist ein völlig überzeichnetes, bitterböses Bild des menschlichen Miteinanders, heute, wie gestern und morgen, des unbändigen Überlebens- und Über-die-anderen-Erhöhungs-Willens, koste es, was es wolle – und doch bleibt einem gelegentlich das Lachen im Halse stecken, wenn der Zimmerschied Sigi mit triefendem Sarkasmus und der gleichzeitigen sprichwörtlichen Unschuld des Lammes die Höllentürchen der menschlichen Seele öffnet und das Publikum einen Blick hineintun lässt. Der Lois, der sich in Rage redet, den Staat abzockt, genauso wie der ihn umgekehrt auch, der getreu dem Grundsatz »Jeder ist sich selbst der Nächste und mir selbst am nächsten«, und dem feine (und gerne auch gröbere) Unterschiede herzlich gern am Allerwertesten vorbeigehen können, weil des doch eh alles desselbe ist und über einen Kamm geschert wird. Seinem persönlichen Wertevorstellungskamm nämlich, und danach alles hinein in einen Topf und kräftig umgerührt. Und doch, jetzt wird er dann 60, der Lois und wird aus irgendeinem unsichtbaren Grund von einem Rechtfertigungstrieb gehetzt, obwohl er doch alles richtig gemacht hat... . Maria Ortner