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»Sunset«: Drohende Stimmung vor dem Weltkrieg

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"Sunset"
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Írisz Leiter (Juli Jakab) will in dem Hutladen arbeiten, der einst ihren Eltern gehörte. Foto: -/Laokoon Filmgroup - Playtime Production 2018 Foto: dpa

Mit dem erschütternden Drama »Son of Saul« feierte der ungarische Regisseur László Nemes weltweit Erfolge. Damals erzählte er von den Grauen der NS-Zeit. Nun kommt sein neues Werk in die Kinos.


Hamburg (dpa) – Gleich mit seinem Regiedebüt gelang dem ungarischen Regisseur László Nemes vor einigen Jahren ein enormer Erfolg: »Son of Saul« wurde weltweit mit Preisen überhäuft und gewann schließlich sogar den Auslands-Oscar.

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Tatsächlich gelang es ihm, die Gräuel der NS-Zeit aus bisher ungesehene Weise einzufangen. Die Kamera blieb immer nah an der Hauptfigur - als Zuschauer hatte man das beklemmende Gefühl, direkt in einem Vernichtungslager mit dabei zu sein.

Wenn ein Regisseur allerdings gleich für sein Debüt dermaßen gefeiert wird, muss das nicht nur ein Segen sein. Schließlich ist der Druck dann für den nächsten Film umso höher. Auch László Nemes legt nun sein Nachfolgewerk vor: Bei »Sunset« bleibt sich der Filmemacher inszenatorisch treu. Wieder folgt die Kamera der Hauptfigur auf Schritt und Tritt. In einem Großteil der Szenen sieht man auf der Leinwand nur das Gesicht der 21-jährigen Iris Leiter (Juli Jakab), die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Budapest kommt.

Ihren Eltern gehörte einst ein bekannter Hutladen. Die Eltern kamen bei einem Feuer um, doch das Geschäft gibt es weiterhin. Genau dort möchte die junge Frau nun arbeiten, wird aber abgelehnt. Fortan zieht es sie durch die Stadt, wo sie von einem Bruder erfährt, der angeblich ein Mörder ist. Nebenbei saugt sie die Atmosphäre in der Stadt auf - kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges steigt die Anspannung.

Die Stimmung in der ungarischen Hauptstadt gleicht einem kurz vor dem Bersten stehenden Teekessel. Immer wieder rennen Menschen aufgescheucht umher. Nachts fallen Schüsse, Pferdewagen fahren durch die Gegend und zwischen all dem Chaos versucht Iris, etwas zu finden. Erst eine Anstellung, dann ihren Bruder, später Selbstbestimmung.

Die Newcomerin Juli Jakab, mit der Nemes schon in »Son of Saul« zusammenarbeitete, füllt ihre Rolle dabei aber nicht wirklich aus. Die Kamera rückt Jakabs Gesicht permanent in den Fokus, da wäre ein nuanciertes Mienenspiel wichtig, um Emotionen auszudrücken - doch Jakab belässt es kontinuierlich bei einem einzigen Gesichtsausdruck. Da man darüber hinaus nichts über die Figur der Iris und deren Hintergründe erfährt, bleibt sie innerhalb der zweieinhalb Filmstunden unnahbar.

Nur selten bricht Kameramann Mátyás Erdély aus seiner subjektiven Perspektive aus. Doch wenn er das tut, wird aus »Sunset« ein wunderschöner Film. Die Inszenierung der Stadt Budapest im Jahre 1912 ist so voller Detailreichtum, die Kostüme, die ausgefallenen Hutkreationen, die Pferdekutschen und die sich den damaligen Umständen in Gestus und Sprechweise perfekt anpassenden Darsteller erwecken die ungarische Metropole zum Leben. Überall lodern kleine Brandherde, der kurz bevorstehende Erste Weltkrieg liegt in der Luft.

Trotzdem sollen wir vor allem Iris auf ihrer (Sinn-)Suche folgen, ohne je mit so etwas wie einer Auflösung belohnt zu werden. Wenn Iris zwischendrin ein Paar dabei beobachtet, wie es obskure sexuelle Begierden auslebt, weiß man nicht, ob das nur eine Randnotiz ist oder ob in dieser Themenmenge doch eine konkretere Bedeutung hat. Das gilt auch für die vielen Bezüge zu Literatur- und Filmklassikern, die Nemes immer wieder einstreut. Bei alledem wird sich der Filmemacher sicher etwas gedacht haben. Doch ob sich all diese Gedanken auch für das Publikum erschließen, bleibt fraglich.

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