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Sturm und Drang auf Cello und Klavier

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Nicholas Rimmer und Maximilian Hornung zogen mit Intensität und Energie in Bann. Foto: Mergenthal

Einen »musikalischen Schatz, der seinesgleichen sucht« nannte Traunsteins Oberbürgermeister Christian Kegel die von der 2013 verstorbenen Dorothee Ehrensberger begründeten »Traunsteiner Sommerkonzerte«. Die 32. Auflage dieses deutschlandweit beachteten Kammermusikfestivals wurde am Mittwoch mit einem unvergleichlichen Konzert von Maximilian Hornung am Violoncello und Nicholas Rimmer am Steinway-Flügel eröffnet. Mit jugendlichem Sturm und Drang und beeindruckendem Einfühlungsvermögen in die musikalischen Universen des jeweiligen Komponisten eroberten sie die Herzen der zahlreich erschienenen Zuhörer.


Leidenschaftliche Ausbrüche kennzeichnen den ausladenden ersten Satz »Allegro ma non tanto« von Ludwig van Beethovens Sonate für Cello und Klavier Nr. 3 A-Dur op. 69, eines der Glanzstücke der Cello-Literatur. Beethoven schloss sie 1808 mit noch 37 Jahren ab, nach seinen ersten sechs Sinfonien – in einer Zeit, in der er trotz seines Gehörleidens seine intensivste Schaffensphase hatte und seinen persönlichen, unverkennbaren Stil entwickelt hatte.

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Es machte Freude, den mehrfach preisgekrönten Musikern, die schwungvoll auf die Bühne kamen und diese Energie in ihr körperbetontes Spiel übernahmen, zuzuschauen: In dem wie ein Füllhorn ausgeschütteten, impulsiven Spiel von Rimmer schien der improvisierende junge Beethoven lebendig zu werden. Hornungs beseelte Interpretation hatte etwas wunderbar Großzügiges. Mit entrücktem Blick ließ er die Finger seiner Linken traumwandlerisch über die Saiten gleiten, während die Rechte den Bogen locker auf dem alten, klangschönen Instrument herumtanzen ließ. Mit erst 23 Jahren war das Ausnahmetalent erster Solocellist des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und gab diese Stelle inzwischen zugunsten einer Solokarriere auf.

Das synkopisch aufgebaute Scherzo fetzte das Duo als einen übermütigen, drängenden Tanz hin und überraschte mit einem tollen Schluss, der diese Bewegung plötzlich einzufrieren schien. Das überirdisch schöne Adagio cantabile nahm Hornung wörtlich und ließ sein Cello singen. Lustvoll gestaltete er eine kleine Verzögerung beim federleichten Übergang zum Allegro vivace, das mit effektvoll gestalteten Trugschlüssen zu einem fulminanten Abschluss hinführte.

Igor Strawinsky und Bohuslav Martinu könnte man als Erben Beethovens bezeichnen. Die Wurzeln von Strawinskys »Suite italienne« liegen noch viel weiter zurück – in der »Commedia dell’arte« und im Barock. Aus seinem Ballett »Pulcinella« – diese Figur des italienischen Volkstheaters gilt als Vorläufer des Kasperls – stellte er 1932 eine Suite zusammen. Einer energischen »Introduzione« ließ das Duo eine verspielte, teils im Pianissimo gehaltene Serenata und eine humorvolle Aria folgen. Nach der zigeunermusikähnlichen, wilden Tarantella gönnte das Minuetto den Musikern eine Atempause, bevor ihnen das Finale Hochleistungssport abverlangte.

Einflüsse der tschechischen Volksmusik waren unschwer zu erkennen in Martinus Sonate Nr. 1 aus dem Jahr 1939. Ein Jahr später floh er vor den Nazis aus Paris. Wie ein sich aufbäumendes Wildpferd wirkte das einleitende »Poco allegro«, wie ein erschöpfter Schlaf an einem heißen Sommermittag das verinnerlichte, mystische »Lento«. Über abgrundtiefen Basstönen des Klaviers hob das Cello zu singen an. In Tempo und Intensität und durch die verstärkte Hinzunahme von Dissonanzen verdichtete sich die Musik eindrucksvoll. Ein wilder Ritt war das ekstatische Finale, mit unglaublicher, explosiver Bogenarbeit.

Diese beiden Werke rahmten das etwas andersartige Stück »Von weit« vom diesjährigen Titelkomponisten Wolfgang Riem, entstanden 1993, ein. Hoch konzentriert und verinnerlicht widmeten sich die Musiker den isoliert in den Raum gesetzten, meist verhaltenen Tönen. Sie wirkten wie elektrisiert von den manchmal flirrenden Klangbildern und gewaltsam abgerissenen Klangfetzen. Dazwischen gab es kurze Ausbrüche mit kratzig aufgesetztem Bogen oder heftigem Anreißen der Saiten. Die Gedanken von Achim Heidenreich zu Rihm – »Sein Komponieren ist ein skulpturales Arbeiten am unendlichen Klang« – und die authentische Darbietung durch das Duo eröffneten einen Zugang zu dieser Musik. Mit einer »Berceuse« von Franc Bridge und »Bonsoir« von Claude Debussy bedankten sich Hornung und Rimmer für den hymnischen Applaus. Bayern 4 Klassik sendet seinen Mitschnitt am morgigen Samstag um 18.05 Uhr. Veronika Mergenthal