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Stephan Zinner zeigt im Bad Reichenhaller Magazin 4 ein Gespür für das Schräge im Alltagschaos

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Stephan Zinner (rechts) und Andy Kaufmann brachten mit Musik und viel Witz die Besucher im Magazin 4 ordentlich in Fahrt. (Foto: Mergenthal)

Das Leben ist kein Hexenwerk. Ja freilich, es können sich Hindernisse in den Weg stellen. »Einfache Dinge helfen oft«, gibt Stephan Zinner im Bad Reichenhaller Magazin 4 Einblick in seine ganz persönlichen Lebensweisheiten. In »Relativ simpel« hat er diese zu einem kabarettistischen Rundumschlag komprimiert. Mit seinem Partner am Schlagzeug, dem Schweizer Musiker Andy Kaufmann, mit dem er auch zur Gitarre gesungene, geschmeidige Blues-Rock-Lieder aus eigener Feder vortrug, brachte er die zahlreichen Besucher ordentlich in Fahrt.


»Es ist gar nicht so ungefährlich da draußen«, warnte der gebürtige Trostberger. Reichsbürger, Horrorclowns oder Attentäter, die sich wegen 72 Jungfrauen selbst in die Luft sprengen, lauern draußen. Wobei Zinner Letzteres nicht verstehen kann: »Wenn ma wirklich guadn Sex ham wui, dann doch ned mit Auszubildenden ...« Seinen schon auch mal deftigen, sehr direkten Humor muss man mögen. Aber Stephan Zinner hat ein Gespür für das Schräge im Alltag.

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»Es geht ja draußen bei de normaler Leit genau so zua«, ist seine Bilanz als Wahl-Münchner aufgrund jahrelanger Beobachtungen des Volks. In irrwitzigen Szenerien porträtierte Zinner das Irrenhaus der »Weltstadt mit Herz«, wo er am Nockherberg auch Markus Söder spielt. Nach festen Engagements am Salzburger Landestheater und an den Kammerspielen München widmet sich der 42-Jährige seit über zehn Jahren dem Musikkabarett.

Immer wieder spürt das Kurstadt-Publikum, dass der gestandene dreifache Familienvater ein echtes Schlitzohr geblieben ist. Er wagt sich auf den grünen Rasen unter die AH-Fußballer, die wie Kugelblitze über die Wiese schießen, bis der Erste nach fünf Minuten eine Zerrung hat, aber auch in die »Abhol-Area« unter sieben sich über die eigenen Geburten austauschenden Frauen, um seine Sprösslinge einzusammeln. Er führt den Zuschauern die peinliche Szenerie vor Augen, als er von einem lästigen Paketdienst aus der Dusche heraus geklingelt wird und, nur mit einem Kinderhandtuch geschützt, von seiner stets wachsamen Nachbarin eine Einladung an ihre mit einem Plastiktischtuch bedeckte Tafel aufgenötigt bekommt. Sie verrät ihm flüsternd ein Geheimnis: Sie wolle sich tätowieren lassen.

Das Leben ist doch nicht mehr so einfach, als daheim zu allem Überfluss seine mittlere Tochter dasselbe will. Da gibt’s nur einen Ausweg: Der ganze »Zinner-Clan« kriegt das Gleiche, mit dem sich alle identifizieren können, eine Riesen-Schweinshaxn auf den Bauch. »Des is wos fürs Leben«, singt der Kabarettist daraufhin treffend einen seiner einmalig groovenden, hintergründigen Songs mit Kaufmann. Der ist mit seiner charmanten, zurückhaltenden, gewitzten Art und viel Feingefühl am Schlagzeug ein perfekter Gegenpol zum Energiebündel Zinner.

Man könnte sich vorstellen, dass das ganze Programm noch mehr von dieser Musik durchzogen ist. »Du werst net reich mit da Blues-Musik, aber du kriagst Charakter«, fachsimpeln beide. Der Trostberger fängt die simplen Sprüche der Münchner Schickeria ein, die »Bussi, bussi, sea you in old Freshness« ins Handy flöten, erklärt, warum in der Erziehung seines Sohnes zum Mann ein Rollkoffer »böse« ist und macht im Baumarkt den Wagenschieber für seinen heimwerkwütigen Schwiegervater. Der »Heimwerker-Blues« und das Bob Dylan gewidmete Lied »Des Leben is a Reise« sind zwei Höhepunkte des Abends, der mit viel Applaus und zwei Zugaben ausklingt. Veronika Mergenthal