Stattliches Gebäude statt »schlechtestes Gefängnis«

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Der Franziskanerplatz sieht heute anders aus: Mittlerweile ist dort, wo einst das Amtsgerichtgefängnis stand, ein Parkplatz. (Fotos/2: Patrick Vietze)

Berchtesgaden – In der heutigen Folge der Serie »Berchtesgaden damals und heute« geht es um ehemalige Gefängnisse in der Marktgemeinde. Zuerst stand eine Strafanstalt in der Fronveste am Schlossplatz, später wurde sie zum heutigen Franziskanerplatz an der Maximilianstraße verlegt.


Die Baugeschichte sowie die Eigentumsverhältnisse der Gefängnisse hat ein damaliger Oberamtsrichter in einem Gutachten vom 14. November 1935 festgehalten. Darin erklärt er, dass das Gefängnis an der Maximilanstraße errichtet wurde, weil die vorherige Einrichtung baufällig war. Die Strafanstalt war nach dessen Angaben »in frühester Zeit in einem an den inneren Schlosstorbogen stossenden Turmbau untergebracht«. Später sei sie dann in die sogenannte Fronveste beim Neuhaustorbogen verlegt worden. Die Fronveste selbst wurde 1458 gebaut und grenzt an den Marktplatz an. Besonders günstig war die unmittelbare Nähe zum Landgericht, als es noch im Schloss lag.

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Über 700 Schritte

Problematisch wurde es allerdings, als das Landgericht im Hauptsalzamtsgebäude am Franziskanerplatz untergebracht war. Die Gefangenen mussten über den Marktplatz zum Gericht gehen. Die Streckenlänge betrug »über 700 Schritte«. Angesichts des Fremdenverkehrs fanden viele Einwohner diesen Anblick unerträglich. Defizite hatte aber auch die Fronveste selbst. Stellenweise regnete es durch das Dach herein. Noch dazu waren die meisten Zellen wegen der Nähe zum Doktorberg feucht und dunkel. Die Räume waren eng. Nicht einmal zwei Personen konnten nebeneinander gehen. In manchen Zellen war es nicht möglich, aufrecht zu stehen. Die Häftlinge konnten sich kaum frei bewegen, da ein Hof fehlte. Ein Mitarbeiter einer amtlichen Kommission schrieb ein dementsprechendes Urteil. Im Bericht vom 23./24. Mai 1884 wird die Fronveste »das schlechteste und unbrauchbarste Gefängnis im Königreich« genannt. Aus diesem Grund wollte man entweder die Fronveste umgestalten oder andernorts ein Gefängnis errichten. Letzteres wurde umgesetzt. Das Gefängnis wurde 1894/95 an der Maximilianstraße gebaut – 20 Meter vom damaligen Amtsgerichtsgebäude entfernt. Die Häftlinge zogen am 7. Dezember 1895 ins neue Gefängnis ein.

Verkauf der Fronveste

Infolgedessen wurde auch die Fronveste verkauft. Der königliche Staatsärar, vertreten durch Cajetan Kärlinger und Bürgermeister Josef Kerschbaumer, schloss am 23. Juni 1896 in den Amtsräumen des Notars Anton Mühldorfer in Berchtesgaden einen Kaufvertrag ab. Die Marktgemeinde bezahlte 10 000 Mark für das Wohnhaus mit dem Torbogen und den Läden, die sich unter dem Torbogen befanden. Dieses Bauwerk wurde anschließend saniert und vermietet. Darin waren dann der Goldschmied Stumvoll und die Metzgerei Sperger untergebracht. Karl Stumvoll sen. und Karl Stumvoll jun. kauften 1955 den Teil der Fronveste, in dem ihr Geschäft untergebracht war. Sie übernahmen auch die in diesem Teil bestehenden Mietverträge. Heute sind in der Fronveste eine Ferienwohnung sowie ein Geschäft.

Mit der Lösung, das Gefängnis an der Maximilianstraße zu betreiben, waren nicht alle einverstanden. Zwar kam der Neubau bei der Justizministerialkommission gut an. Im Bericht des 16. Juni 1895 lobt der Verfasser, dass »der Bau tatsächlich nicht den Eindruck eines Gefängnisses mache, sondern den eines im Gebirgsstile erbauten stattlichen Wohngebäude«. Allerdings beschwerten sich Kritiker, dass der »Blick bei der Einfahrt in den Markt auf ein Gefängnis falle«. Gelegentlich bildete sich vor dem Gefängnis ein Volksauflauf, wenn betrunkene Straftäter eingeliefert worden sind, die in den Zellen weiter schrien. Vorfälle wie diese hätten laut Kritikern nur mehr Ärger erregt. Auch der Oberamtsrichter hatte etwas zu bemängeln: den Spazier- und Holzhof. Beides habe man von den oberen Stockwerken der angrenzenden Häuser »Pensionen Grassl« und »Frau Emma« aus einsehen können. Dennoch fand er lobende Worte für das Gefängnis. »Der bauliche Zustand des Gebäudes kann mit gut bezeichnet werden«, schreibt der Oberamtsrichter.

Platz für 22 Verbrecher

Das Gebäude bestand aus vier Einzel- und vier Gemeinschaftszellen im ersten Stockwerk. Dort waren 22 Verbrecher untergebracht. Die Zellen lagen an der Ostseite des Gebäudes. Im Erdgeschoss wohnte ein Gefängniswachtmeister, der fünf Zimmer und eine Küche für sich hatte. Er bezahlte 480 Reichsmark Miete pro Jahr. Im Gebäude war auch ein Aufnahmezimmer für Gefangene integriert. Östlich des Gebäudes wurde ein Spazierhof gebaut, nördlich davon der Holzhof. Das Grundstück gehörte zunächst dem Bayerischen Staat. Am 8. Juli 1935 wurde das Deutsche Reich im Grundbuch als Eigentümer eintragen. Abgerissen wurde das Gefängnis im Jahr 1939. Heute befindet sich an der Maximilianstraße ein Parkplatz, wo einst das Gefängnis stand.

In der Rubrik »Berchtesgaden damals und heute« zeigt der »Berchtesgadener Anzeiger« Gegenüberstellungen von Fotos aus vergangenen Tagen und aus heutiger Zeit. Wer hat noch solche Bild-Schätze zu Hause? Der kann sie gerne in der Redaktion vorbeibringen, Dr.-Imhof-Straße 9, 83471 Berchtesgaden. Wenn sie schon in digitaler Form vorhanden sind, dann können sie per E-Mail an redaktion@berchtesgadener-anzeiger.de geschickt werden.

Patrick Vietze

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