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Springreiter Dritte in Aachen: «nicht gut genug»

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Ludger Beerbaum wirkte nach dem dritten platz entspannt. Foto: Uwe Anspach Foto: dpa

Aachen (dpa) - Die beiden Alpha-Männer der deutschen Springreiter saßen kurz vor Mitternacht einträchtig nebeneinander. Doch gefühlsmäßig lagen zwischen Bundestrainer Otto Becker und seinem Vorreiter Ludger Beerbaum nach dem Nationenpreis in Aachen Welten.


Becker haderte nach dem zum fünften Mal hintereinander verpassten Heimsieg in dem prestigeträchtigen Team-Wettbewerb des CHIO über die vergebenen Chancen, Routinier Beerbaum gab sich indes nach dem dritten Platz geradezu tiefenentspannt.

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«Warum soll ich aus meinem Herzen eine Mördergrube machen? Ich habe keinen Grund, Trübsal zu blasen», sagte der 49-Jährige aus Riesenbeck - und war mit sich, seiner Stute Chiara und der Welt zufrieden. Ganz anders sein emotionaler Konterpart. «Ich bin enttäuscht. Und es wird dauern, bis wir das verarbeitet haben», meinte Becker.

Die Gefühlsbandbreite spiegelte das Ergebnis vor der stimmungsvollen Flutlicht-Kulisse wider. So recht wusste niemand etwas mit dem Resultat anzufangen. Es war kein schlechter Auftritt vor 45 000 Zuschauern, den Ludger Beerbaum auf Chiara und seine Teamkollegen Christian Ahlmann mit Codex One, Daniel Deußer mit Cornet d'Amour und Meredith Michaels-Beerbaum mit Bella Donna zeigten - aber eben auch kein überragender. «Wir waren gut, aber nicht gut genug», lautete Beckers Fazit. «Die anderen waren besser.»

Die anderen - das waren die Niederländer, die mit 14 Strafpunkten siegten und Revanche nahmen für ihre Niederlage gegen die Deutschen eine Woche zuvor im heimischen Rotterdam. Und es waren die Belgier (17 Strafpunkte) mit Equipechef Kurt Gravemeier, unter dem die Deutschen zuletzt 2008 in der Soers triumphiert hatten. Nur ein Fehler von Routinier Ludo Philippaerts auf Challenge am letzten Hindernis verhinderte Gravemeiers neuerlichen Überraschungscoup.

Beckers Frust war aus drei Gründen nachvollziehbar: Persönlich, weil der 54-Jährige seit seinem Amtsantritt 2009 weiter auf einen Erfolg im Nationenpreis in Aachen wartet. Finanziell, weil die deutsche Mannschaft das mit 1,5 Millionen Euro dotierte Finale der Nationscup-Serie im September in Barcelona nun so gut wie verpasst hat. Sportlich, weil der Erkenntnisgewinn aus dem Abend zwei Monate vor der EM im August in Herning eher überschaubar war.

«Alle vier haben bewiesen, dass sie das Potenzial haben, an einer EM teilzunehmen», lautete einer der wenigen Schlüsse des Bundestrainers. In der Tat hatte niemand aus dem Becker-Quartett versagt. Kein Paar sammelte mehr als fünf Strafpunkte pro Runde. Auch Debütant Deußer war solide. Doch nur eine Nullrunde von Christian Ahlmann war an diesem Abend zu wenig. «Lieber mal einer, der alles so richtig abräumt, und dafür ein paar Nuller mehr», meinte Becker.

Ärgerlich war, dass Beerbaum mit seiner erst zehn Jahre alten Stute und Meredith Michaels-Beerbaum mit der ebenfalls zehnjährigen Bella Donna ihre Fehler in beiden Umläufen jeweils an den selben Hindernissen machte: Bei Beerbaum flog jeweils eine Stange am Oxer, seine Schwägerin traf mit Bella Donna zweimal die Umrandung des Wassergrabens. «Ich bin überhaupt nicht frustriert», meinte Altmeister Beerbaum dennoch. «Das Pferd hat ein Riesenpotenzial.»

Klar wurde, dass unter den deutschen Springreitern derzeit ein überragendes Paar fehlt, das alle mitreißen kann - so wie bei den Niederländern das Gerco Schröder machte. Der Olympia-Zweite war auf London der einzige Reiter an dem Abend, der in beiden Umläufen Null blieb. Er spornte seine Teamkollegen Marc Houtzager mit Tamino und Leon Thijssen mit Tyson zu makellosen Ritten im zweiten Durchgang an - und führte sie damit zum glücklichen Sieg.

Mut sollte Bundestrainer Becker der Blick in die Statistik machen. In den vergangenen 15 Jahren konnten die siegreichen Equipen in Aachen nie bei den anstehenden Europa- oder Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen gewinnen. Zuletzt schafften das die deutschen Gastgeber 1998: Nach dem Erfolg in der Soers wurden sie in Rom Weltmeister. Becker mochte sich mit den Zahlenspielen an dem Abend nicht mehr beschäftigen.

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