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1. Seeoner Poetry Slam im Kloster Seeon schlägt bei vollem Haus sprachgewaltig ein

Sprache ist Kunst

Die Geschichte des Dichterwettstreits begann 500 v. Chr. mit der griechischen Tragödie, bei der das Publikum anschließend seine Favoriten krönte. Die Tradition des gekrönten Dichters hielt sich über die Römerzeit bis hin zur Neuzeit. In Richard Wagners »Dichterwettstreit« von 1843 traten historische Personen im Dichterwettstreit gegen fiktive Konkurrenten an, 1779 lieferten sich Schiller und Goethe einen sogenannten Balladenwettstreit. Kurz: Der Dichterwettstreit ist so alt wie die Literatur selbst.

Diese Poeten traten beim Dichterwettstreit in Seeon an: (von links) Sieger-Poet Maurice Massari, Felix Kaden, Jorge, Helene Ziegler, Oliver Walter und Annika Igler. Am Mikrophon ist Moderator Lukas Wagner. (Foto: Benekam)

Die neueste Form der »Dichterschlacht« heißt »Poetry Slam«, entstand 1986 in Chicago und verbreitete sich in den 1990er Jahren weltweit. Nun ist diese Poesie-Wettschlacht, bei der selbst verfasste Texte unter Vorgabe eines Zeitlimits vor Publikum vorgetragen werden, im Chiemgau angekommen. Genauer gesagt in Seeon, im Klosterstüberl des Kultur- und Bildungszentrums. Sechs junge Poeten slammten vor ausverkauftem Haus ihre Texte, setzten damit ihre ganz eigenen, entwaffnenden Akzente gegen den neuzeitlichen Sprachverfall und schimpften alle mit Vorurteilen belegten Aussagen, dass junge Menschen jegliches Gefühl für Sprache zu verlieren scheinen, Lügen.

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So zeigte sich am ausgesprochen guten Zulauf, dass auf der anderen Seite Literaturbegeisterte jeden Alters offene Türen einliefen. Musikalisch begleitet wurde der Abend von Sandra Lisa (Gitarre und Gesang). »Sprache ist Kunst« stellte Lukas Wagner vom Slamlabor Salzburg klar. Mit wortgewandter Moderation führte er durch den Abend, stellte die Poeten vor und erklärte die »Spielregeln«. Wessen Sprach-, Dicht- und Vortragskunst am besten gefiel, entschied das Publikum: in der ersten Runde mit Punktvergabe, im Finale, bei dem nur noch drei Poeten antraten, per Applaus.

Nächtlicher Besucher

Mit einem Text über einen seltsamen nächtlichen Besucher startete Annika Igler aus Bad Reichenhall in die Dichterschlacht. Eine wahre Geschichte, wie sie betonte, die sie verwirrt und beängstigt hatte. Nachdem die Polizei erschienen war, klärte sich auf, dass der nackte Alte vor ihrer Haustüre nicht etwa ein Einbrecher oder ein Triebtäter war, sondern ein verwirrter Bewohner aus dem Seniorenheim.

Mit einem Text über geschlechtsspezifisches Kinderspielzeug brachte im Anschluss Oliver Walter das Publikum zum Lachen und Nachdenken. Wieso schämt sich Mama, wenn der Sohn mit einer Puppe spielt? Und wieso macht dieser Sohn den Papa zur »Mama«, wenn er ihm Blümchen pflückt und als Dankeschön ein Küsschen bekommt? Wieso sind Einhörner nur was für Mädchen und warum macht rosa Kleidung Buben »schwul«?

Felix Kaden aus Erlangen hat sich Orpheus und Eurydike zur Brust genommen. In seinem Text kommt er schlussendlich zu der verwirrenden, aber doch sehr originellen Analyse, dass sich Orpheus mutwillig umgedreht hat, weil er seine Freiheit nicht einbüßen wollte, sich aus dem Staub machte, in den er die geliebte Euridike warf. In der Folge machten zerfleischende Selbstzweifel sein Glück unmöglich.

Um das Vergessen infolge von Altersdemenz ging es in dem sehr sensibel vorgetragenen Text von Helene Ziegler aus dem Pinzgau. Sie fragt sich, ob die geliebte Großmutter die alte gemeinsame Zeit vermisst, ob sie es tief in sich weiß, dass sie die Großmutter ist, und dass sie immer einen Platz im Herzen der Enkelin haben würde. Nicht »nichts« zu sagen, kann Liebeserklärung sein, genau wie immer wieder auf immer gleiche Fragen liebevoll zu antworten.

Ode an das Dixiklo

»Eine Ode an das Dixiklo« hatte der Slam-Poet Jorge aus Passau im Gepäck und sorgte mit seinem Vortrag für schallendes Gelächter. Als letzter Dichter des Abends bekam das begeisterte Publikum gleich noch eine Ode zu hören – diesmal, und wie könnte es passender sein, eine »Ode an die Sprache«, die Kaiserinnenmutter der Kommunikation.

Maurice Massari lieferte einen grandiosen, sich reimenden, tiefsinnigen, humorvollen Text mit musikalisch-rhythmischer Ausgestaltung ab. Damit kassierte er prompt die bisher höchste Punktzahl und konnte sich im Finale mit einem Text über den »Sinn des Lebens« als Sieger-Poet gegen Helene Ziegler und Felix Kaden durchsetzen. »Der Sinn des Lebens ist, zu Leben«, philosophierte er in seinem Vortrag, in dem einfach alles drin war, was einen guten Text ausmacht. »Ich hab den Sinn des Lebens erkannt«, freut sich ein Freund, nach dem Genuss einer berauschenden Pilzsuppe. »Was? Sprich!«, so der andere. »Ich hab’ s vergessen!«. Sicherlich unvergessen bleiben wird der Dichterwettstreit im Klosterstüberl. Kirsten Benekam