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»Soundtrack der Reformation« und ein neuer »Englischer Orpheus«

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Silke Aichhorn und Augustin Spiel freuen sich mit einem Teil des Orchesters über den Beifall nach der »Suite lyrique«. (Foto: Kaiser)

Am Abend vor dem Allerheiligenfest des Jahres 1517 soll Martin Luther, Mönch und Theologieprofessor, 95 Thesen in lateinischer Sprache zu Ablass und Buße an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben.


Dass der »Thesenanschlag« in dieser Form stattgefunden hat, ist zwar ziemlich unwahrscheinlich; jedenfalls hat Luther diese seine Diskussionsvorschläge in Briefform einigen Bischöfen und anderen geistlichen Repräsentanten zukommen lassen. Der 31. Oktober wird 2017 als »Reformationstag« ein gesamtdeutscher gesetzlicher Feiertag sein. Dieses Jubiläum würdigte das Musikkollegium Traunstein zum Saisonabschluss mit dem 6. Sinfonischen Konzert Traunstein, zu dessen Höhepunkt Felix Mendelssohns Bartholdys »Reformations-Sinfonie« wurde, die ebenfalls einem Jubiläum gewidmet ist, der 300-Jahr-Feier (1830) der »Confessio Augustana«.

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Auch das erste Werk des Konzertabends stammte von Mendelssohn (1809 bis 1847), die romantische Ouvertüre zu »Das Märchen von der schönen Melusine« op. 32, eine der sinfonischen Dichtungen, die das tragische Schicksal der vergeblich liebenden Meerjungfrau und dem treulosen Ritter Lusignan zum Vorwurf hat. Sanfte Holzbläser und tiefe Streichinstrumente eröffneten märchenhaft versponnen die Komposition; ein markantes Paukenmotiv führte alle Instrumente zu straffer Dynamik zusammen. Dieses Motiv dominierte auch die weitere Entwicklung hin bis zum entsagenden Ende. Die Streicher des Orchesters allerdings hat man schon in reinerer Intonation gehört.

Die »Suite Lyrique«, für Harfe und Streicher, komponiert von dem erfolgreichsten englischen Komponisten der Gegenwart, John Rutter (geboren 1945), bot attraktive, erfreuliche Musik in sechs Sätzen und brachte endlich wieder ein »Heimspiel« der weltweit als Konzertharfenistin agierenden Virtuosin Silke Aichhorn. Ganz vertraut perlten die Harfentöne zur behutsam-sauberen Streicherbegleitung beim »Prelude«, beim »Ostinato« zog sich ein Sechsertakt mit raffinierten Synkopen hartnäckig durch den Satz. Weitgespannte Harfenmelodien bestimmten die »Aria«, die »Waltz« bezog wiederum ihren Charme von Synkopen hinter den diffizilen Melodien. »Chanson«: Warm und intensiv unterlegten die Streicher die kantable Erzählung der Harfe. »Rondeau« schließlich beendete in vertrackten Rhythmen die Suite und stellte höchste Ansprüche an das »Taktgefühl« des Orchesters und die virtuosen Finger der Solistin.

Zweite deutsche Erstaufführung

Das Publikum war hocherfreut über diese Komposition, einen »echten Rutter« eben, der gediegenes Handwerk und Gefälligkeit souverän zu verbinden weiß. In ihren Dankesworten an die Zuhörer freute sich Silke Aichhorn, dass sie sich »getraut« habe, »den Rutter« als Erstaufführung in Deutschland und als »zweite deutsche Erstaufführung« in Traunstein zu spielen. Als »Kind der Musikschule Traunstein«, zuerst als Schülerin und jetzt als Dozentin, freue sie sich über deren 40-jähriges Jubiläum im nächsten Jahr. Als musikalischen Dank präsentierte sie das hochvirtuose »Alla Turca jazz« von Fazil Say

Felix Mendelssohn Bartholdys »Reformationssinfonie« Nr. 5 D-Dur op. 107, eigentlich als seine »Zweite« 1829/30 zur 300-Jahr-Feier des Augsburger Bekenntnisses geschrieben, aber erst 1832 uraufgeführt, ist ein in sich selbst widersprüchliches Formexperiment und Glaubensbekenntnis zugleich. Im 1. Satz, den der Komponist in einem Brief an einen Freund selbst ein »dickes Tier mit Borsten, eine Medizin gegen schwache Magen« nannte, zitiert er das »Dresdner Amen«, eine Responsoriumsformel der lutherischen Kirche in Sachsen, das gerade sein größter Schmäher, Richard Wagner, als »Grals-Motiv« in seinen »Parsifal« übernommen hat. Der formsprengende 4. Satz ist eine mehrteilige Choralbearbeitung über Luthers »Ein’ feste Burg ist unser Gott« – das glaubhafte Glaubensbekenntnis eines assimilierten Juden, der auch in seinen Oratorien gezeigt hat, dass sein Glaubenswechsel keine Zwecktat war. Und doch stand der anspruchsvoll-selbstkritische Perfektionist mit dem Werk auf Kriegsfuß, er wollte es sogar verbrennen!

Und gerade aus diesem »Zwitterwerk« machte das Musikkollegium unter Augustin Spiel ein Interpretationsjuwel. Die technisch sehr anspruchsvolle und schwer durchhörbare Sinfonie kam durchdacht, in höchster Konzentration und Hingabe an den Willen des Dirigenten an die Ohren (und das Gemüt) der Zuhörer – eine Gesamtleistung, die sich sehr wohl hören ließ. Engelbert Kaiser

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