Sorgen um die Trachtler-Zukunft

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Macht sich Sorgen um die Trachtler-Zukunft: der Vorsitzende der Vereinigten Trachtenvereine des Berchtesgadener Landes, Sepp Wenig. (Foto: Kilian Pfeiffer)

Berchtesgaden – Gott sei Dank: Eine Austrittswelle habe es zwar bislang nicht gegeben, sagt Sepp Wenig, 2. Bürgermeister des Marktes Berchtesgaden und Vorsitzender der Vereinigten Trachtenvereine des Berchtesgadener Landes. Allerdings: »Der Weiterbestand der Tradition ist gefährdet«, sagt der Trachtler, der rund 1 700 Mitglieder unter sich hat. Schuld an all dem trägt die Corona-Pandemie, die seit über einem Jahr verhindert, dass sich Vereinsmitglieder treffen und gemeinsam proben können. »Viele junge Mitglieder könnten den Anschluss verlieren«, sagt Wenig.


Der Schützen- und Trachtenjahrtag am zweiten Sonntag im Juli ist schon so gut wie gestrichen. Knapp drei Monate sind es bis dahin. Da macht sich Sepp Wenig nichts vor. Schon vergangenes Jahr musste der Trachtenjahrtag abgesagt werden, auch heuer dürften die Mitglieder der traditionsreichen Trachtlervereine nicht zusammenfinden. Es müsste nah an ein Wunder heranreichen, dass sich 1 200 Schützen und Trachtler in Berchtesgaden treffen, um den Tag, zu Ehren der Heimat, gemeinsam zu begehen. Die Tracht stärkt die Identität der Berchtesgadener. Getragen wird sie bei den verschiedensten Anlässen.

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Noch zögert Sepp Wenig, die große Veranstaltung, für die viel Organisation im Vorfeld notwendig ist, abzusagen. »Ich komme aber kaum drum herum«, sagt Wenig, während er in seinem Büro im AlpenCongress sitzt. Durch die großen Scheiben sieht man die grauen Wolken am Himmel hängen. Es regnet. So trostlos das Wetter, so trübe die Aussichten für die Trachtler.

Sepp Wenig ist Brauchtumsverfechter durch und durch. Das Vereinsleben geht ihm über alles. Gefragt, wie lange er schon Vorsitzender der Vereinigten Trachtenvereine ist, grübelt er erst einmal, sagt dann: »15 Jahre sind es bestimmt schon.« In dieser Zeit ist viel passiert, vor allem in der Jugendarbeit, dem ganzen Stolz der insgesamt neun Vereine. Diese wird bei den Trachtlern großgeschrieben. Fünf, sechs Jahre liegt es zurück, als die Verantwortlichen das Augenmerk in besonderem Maße auf den Nachwuchs legten. Seitdem gibt es bis zu drei Jugendleiter pro Verein. Bis vor Corona trafen sich die Vereinsmitglieder regelmäßig, die Kinder fuhren gemeinsam auf Ausflüge. Das Brauchtum lebt vom Miteinander, sagt der Vorsitzende.

Die Jugendarbeit ist aber auch jenes Themenfeld, das Wenig, dem Oberauer, so gewaltige Sorgen bereitet. Denn tatsächlich kommen die Buben und Mädchen nicht mehr zum Trainieren, sie dürfen nicht, seitdem die Vereinsarbeit brachliegt, sei es im Breitensport, in der Musik oder dem gelebten Brauchtum: Proben finden seit über einem Jahr nicht mehr statt. Die Plattleinlagen gibt es nicht mehr, die gemeinsamen Figurentänze ebenso wenig. Es hat sich ausgedreht beim Dirndldrahn. Wettbewerbe wie das Jugendpreisplattln liegen etliche Monate zurück.

Das Internet bietet keine Alternative. Online-Proben? Kaum durchführbar. »Unsere Mitglieder, vor allem die jungen, verlieren den Bezug zum Brauchtum«, mahnt Sepp Wenig. Weil Kinder und Jugendliche keine Möglichkeit haben, »auf den Geschmack zu kommen«, befürchtet er in Zukunft weniger Vereinseintritte. Vielleicht ist die Sorge unbegründet. In seiner Stimme liegt dennoch Sorge. »Wer kommt am Ende zurück, wenn sich wieder alle treffen dürfen«, fragt sich Wenig. Antworten darauf kann im Moment niemand geben, es ist ein Stochern im Nebel. Was das alles für die Zukunft bedeutet? Wenig sagt, dass viel Aufbauzeit notwendig sei, um wieder dahin zu kommen, wo man damals aufhörte, Anfang des vergangenen Jahres, als alles geschlossen wurde.

Die Wichtigkeit des Vereinsleben werde von den Entscheidern verkannt. »Wir finden kein Gehör«, sagt Wenig – weder die Vereinigten Trachtenvereine noch der übergeordnete Gauverband I, der wiederum zum Bayerischen Trachtenverband gehört. Brauchtumsverfechter haben keine stimmgewaltige Lobby. »Hätte mir im vergangenen Jahr jemand gesagt, dass unsere großen Treffen auch heuer nicht stattfinden werden – ich hätte ihn nicht ernst genommen«, sagt Sepp Wenig, der in Berchtesgaden den AlpenCongress, das ehemalige Kur- und Kongresshaus, leitet.

In seinen Rollen als oberster Trachtler und gleichzeitig Leiter eines Hauses, in dem das Brauchtum oft Grund für gut besuchte Veranstaltungen ist, weiß er, wovon er spricht: Das Frühlingssingen musste er kürzlich zum zweiten Mal absagen, traditioneller Gesang und Musik – das Motto wie jedes Jahr: »Da warme Wind vertreibt an Schnee«. Draußen liegt noch immer Schnee. Generell gilt: Seit vergangenem Jahr hat es im AlpenCongress keine Präsenzveranstaltung gegeben, Dutzende Großveranstaltungen wurden abgesagt, Kongresse, Tagungen – »das tut alles sehr weh«.

Sepp Wenig wird den Vorsitz im Verein demnächst an den Nagel hängen. Es ist ein von langer Hand geplanter Abgang. Die Veranstaltung, bei der sein Nachfolger, Wenigs Stellvertreter Tobias Kastner, zum Vorsitzenden gewählt werden soll, hätte eigentlich schon stattfinden sollen. »Man muss den ambitionierten Jungen den Vortritt lassen«, sagt Wenig. Kastner gilt als Vorreiter in Sachen Jugendarbeit, als engagiert und mit ganzem Herzen bei der Sache. »Wir brauchen Leute, die sich einbringen«, sagt Wenig. Tradition und Brauchtum spielen im Berchtesgadener Talkessel seit jeher eine gewichtige Rolle. Das soll nach Corona nicht anders sein.

Kilian Pfeiffer

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