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Dr. Ursula Reichelt und Dr. Reinhard Reichelt befürchten eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung im Talkessel. (Foto: Dieter Meister)

Sorge um den Klinikstandort Berchtesgaden und die Patienten

Berchtesgaden – Das Ärzte-Ehepaar Ursula und Reinhard Reichelt führt aktuell einen eigentlich aussichtslosen Kampf. Denn trotz des Kreistagsbeschlusses vom 23. Mai, der die medizinische Zentralisierung der Kliniken Südostbayern (KSOB) besiegelte, und der von Landrat Bernhard Kern bereits unterschriebenen Satzungsänderung kritisieren die beiden weiterhin vor allem die Umstrukturierung der Kreisklinik Berchtesgaden zur reinen Fachklinik und die Verlagerung der Inneren Medizin sowie der Notfallversorgung nach Bad Reichenhall. Nur wenige wollen allerdings bisher ihre Warnungen vor einer gravierenden Verschlechterung der medizinischen Grundversorgung für die Bürgerinnen und Bürger im Berchtesgadener Talkessel hören.


Dr. Reinhard Reichelt ist einer von nur drei Kreisräten, die am 23. Mai im Kreistag gegen das von KSOB-Vorstandsvorsitzendem Dr. Uwe Gretscher präsentierte Umstrukturierungskonzept gestimmt haben. Auch seine Fraktionskollegen von den Grünen – Reichelt ist zwar Fraktionsmitglied, gehört aber nicht der Partei an – standen und stehen nach wie vor geschlossen hinter den neuen Plänen. Reichelts öffentliches Veto stieß auf heftige Resonanz, die bis heute andauert. Immer wieder muss sich der Schönauer Hausarzt – genauso wie seine Frau – erklären. Verantwortungslos sei sein Handeln, heißt es immer wieder. Die Reaktionen sind wohl auch deshalb so intensiv, weil das Ehepaar durchaus bedeutende Ämter innehat. Dr. Reinhard Reichelt kennt nicht nur als Notarzt die Abläufe im Rettungsdienst sehr gut, sondern hat auch als Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands großen Einfluss. Und Dr. Ursula Reichelt ist als Vorsitzende des Fördervereins Freunde der Kreisklinik eng mit der Berchtesgadener Einrichtung verbunden. Beide kennen also auch viele Interna, die sie aber lieber für sich behalten.

Nicht schweigen wollen die beiden aber, wenn es um die Zukunft der Kreisklinik Berchtesgaden geht. Denn die ist nach ihrer Ansicht in großer Gefahr. Dass die Grundversorgung komplett nach Bad Reichenhall abwandert und in Berchtesgaden nur noch eine Fachklinik (unter anderem Geriatrische Rehabilitation, Orthopädische Rehabilitation, Orthopädische Chirurgie und Ästhetische Chirurgie) vorgehalten werden soll, sei besorgniserregend, sagen sie.

Umzug schon im Oktober?

Vor allem macht den beiden die Eile, die bei der Umstrukturierung an den Tag gelegt wird, Sorge. Denn nach ihrem Wissen soll die Notfallversorgung schon ab Oktober komplett nach Bad Reichenhall verlegt werden. »Das Klinikum Bad Reichenhall implodiert ja jetzt schon«, weiß Dr. Reinhard Reichelt, der die Verhältnisse dort als Notarzt gut kennt und schon öfter die Probleme bei der Patientenübergabe hautnah erfahren musste. Und künftig sollen auch noch alle Notfallpatienten aus dem südlichen Landkreis dazukommen. »Wenn man schon die Notfallversorgung nach Bad Reichenhall verlegen will, dann sollte man wenigstens warten, bis die neu geplante Zentralklinik errichtet ist«, betont Dr. Ursula Reichelt. Dass die neue Chefärztin die Probleme in den Griff bekommt, bezweifelt das Ehepaar Reichelt.

Kein Verständnis bringen sie auch für die Verlegung der Inneren Medizin nach Bad Reichenhall auf. In dem entsprechenden Berchtesgadener Gebäudeteil sollen künftig 20 Einzelzimmer für orthopädische Reha-Patienten eingebaut werden. »Mit dem Umbau soll schon ab Oktober Geld in die Hand genommen werden für etwas, das sich nicht rechnet«, kritisiert Dr. Ursula Reichelt. Dafür werde eine voll funktionierende Station abgebaut. Viel besser wäre es nach ihrer Ansicht gewesen, den aktuell leer stehenden 4. Stock für orthopädische Reha-Patienten umzubauen. Doch davon wollte man bei den KSOB nichts wissen.

Das Ärzte-Ehepaar betont, dass es kein Gegner der in Bad Reichenhall geplanten Zentralklinik sei. Doch mit dem Wegfall der Grundversorgung in Berchtesgaden werde die heimische Klinik geschwächt. Es bestehe die Gefahr, dass die Patienten in andere Häuser abwandern.

»Auf Linie getrimmt«

Das Ehepaar Reichelt glaubt auch zu wissen, warum es bislang so wenig Widerstand gegen die Umstrukturierungspläne gibt. »Es sind alle auf Linie getrimmt worden«, sagen beide. Und dazu komme, dass die Informationen sehr spät geflossen seien. Dr. Reinhard Reichelt betont, dass er erst ganz kurz vor der entscheidenden Kreistagssitzung von den Plänen erfahren habe. Zeit zu handeln, habe es da nicht mehr gegeben. »Ich glaube aber, dass alles von langer Hand geplant war«, betont der Hausarzt und weist auch den Bürgermeistern eine Schuld zu: »Denen ist es doch egal.«

Für die Zukunft der medizinischen Versorgung im Talkessel zeichnet Dr. Reinhard Reichelt ein düsteres Bild. »In ein paar Jahren wird die Endoprothetik auch nach Bad Reichenhall abziehen, dann ist der Berchtesgadener Standort ein reines Altenheim.« Der Bevölkerung des Berchtesgadener Landes müsse klar sein, dass vor Ort fast alles nicht mehr zur Verfügung steht, sagen die beiden Ärzte. Für die Menschen hier, die medizinische Hilfe brauchen, werde es künftig deutlich schwieriger. Und spätestens in zehn Jahren, das befürchten beide, wird es die Kreisklinik Berchtesgaden nicht mehr geben.

Weitgehend politischer Konsens

Es sind nur sehr wenige im südlichen Landkreis, die das Ehepaar Reichelt in ihren Ansichten öffentlich unterstützten. Einer von ihnen war bisher Peter Renoth, ehemals 2. Bürgermeister der Marktgemeinde Berchtesgaden und einst stellvertretender Leiter des Forstbetriebs Berchtesgaden. Renoth warf den Bürgermeistern zuletzt Untätigkeit vor. Er kritisiert vehement, dass die Klinik Berchtesgaden eine »fachlich so hervorragende Innere Medizin und die Notfallambulanz für immer verliert beziehungsweise faktisch schon verloren hat«. Die hiesige Kommunalpolitik hat nach Renoths Auffassung die »falschen Entscheidungen gemeinde- und parteiübergreifend mitgetragen«.

Sich gegen die Entscheidung zu wehren, hält Peter Renoth mittlerweile aber für aussichtslos, nachdem hier weitgehend politischer Konsens herrscht. Vor allem hat der Gerer jetzt erfahren, dass Landrat Bernhard Kern die Satzungsänderung mittlerweile unterschrieben hat. »Damit ist die Sache auch juristisch durch«, sagt Renoth. Den »Berchtesgadener Anzeiger« ließ er deshalb wissen, dass er sein Engagement für den Erhalt der Klinik als medizinische Grundversorgungseinrichtung beenden werde. Immerhin sieht der ehemalige Kommunalpolitiker mittlerweile Anzeichen dafür, dass zumindest der Standort der künftigen Berchtesgadener Fachklinik dauerhaft gestärkt werden soll. Die Sorge, dass die Klinik in wenigen Jahren ganz geschlossen werden könnte, hegt Peter Renoth aktuell nicht mehr.

Ulli Kastner, Dieter Meister