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Sonderzug nach Berchtesgaden

Berchtesgadener Land – Einen Blick zurück in die regionale Bahngeschichte konnten die geladenen Fahrgäste bei der Jubiläumsfahrt »125 Jahre Localbahn Bad Reichenhall – Berchtesgaden« werfen. Während die Berchtesgadener Land Bahn (BLB) sie von Freilassing nach Berchtesgaden fuhr, tauchten die Zugreisenden anhand einer Fotoausstellung mit historischen Motiven sowie umfassenden Informationen durch Referenten in die 125-jährige bewegte Geschichte der Lokalbahn ein. Musikanten aus Hammerau begleiteten die Gäste mit zünftigen Weisen auf der Sonderfahrt, die mit dem »Flirt«-Triebwagen zugleich eine gelungene Symbiose von Tradition und Moderne schuf.

Die beiden Buchautoren und Bahnhistoriker Manfred Angerer (l.) und Herbert Birkner (r.) mit BLB-Geschäftsführer Gunter Mackinger vor ihrer Bilddokumentation. Fotos: Anzeiger/Brechenmacher

Mit dem Zug bis in den südlichsten Zipfel Bayerns zu fahren, ist eine feine Sache. Man kann ganz entspannt sitzen und die vorbeihuschende Landschaft stressfrei genießen. Aber wohl kaum jemand der Zugreisenden weiß um die Schwierigkeiten beim Aufbau des Schienennetzes und die 125-jährige Entwicklung der technisch höchst anspruchsvollen Strecke. Für die Jubiläumsgäste schaut es seit ihrer gemeinsamen Reise mit der BLB nach Berchtesgaden nun anders aus. Sie reisen nunmehr im Bewusstsein und mit größtem Respekt darüber, was damals Großartiges geleistet wurde.

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Die schwierigen Anfänge

Nach der Begrüßung durch Gunter Mackinger informierte der Geschäftsführer der BLG die Fahrgäste über die schwierigen Anfänge von 1888 bis hin zur umweltfreundlichen Weiterentwicklung. Zu Zeiten der Dampfloks mussten die Reisenden in Reichenhall, das damals noch kein Bad war, aufgrund der Steilstrecke umsteigen in kleinere leichtere Lokalbahnwaggons. Angedacht war damals auch eine Schmalspur- oder Zahnradbahn, bevor man sich letztlich für eine Reibungsbahn für den schwierigen Streckenabschnitt nach Berchtesgaden entschied. 1916 wurde der elektrische Zugbetrieb aufgenommen. Inzwischen werden die Züge mit Wasserkraft aus dem Saalach-Kraftwerk gespeist. Die Rückfahrt erfolgt dank moderner Stromtechnik mit eigener Energie, die beim Bremsen Strom erzeugt, der wieder ins Stromnetz zurück gespeist wird,

Die BLB trage wesentlich zur Umsetzung des Klimaschutzkonzepts bei, lobte stellvertretender Landrat Rudolf Schaupp die Regionalbahn, die bayernweit beim Qualitätsranking der Bayerischen Eisenbahn Gesellschaft aktuell an zweiter Stelle liegt. Er würdigte die Pionierleistung der Bahnbauingenieure, die vor 125 Jahren mit dem Bau der »Localbahn Bad Reichenhall – Berchtesgaden« die »Grenzen des damals Machbaren« erreichten. Dadurch gelang die Erschließung des Berchtesgadener Talkessels. Schaupp wertete die Streckenführung der Localbahn nach Berchtesgaden als »wesentlichen Motor für den Fremdenverkehr und der Salzlieferung«. Er bat die anwesenden Gemeindevertreter, den Landkreis und die BLB intensiv dabei zu unterstützen, vorhandene Langsamfahrten an unübersichtlichen Bahnübergängen zu beseitigen. Besonders auf der Jubiläumsstrecke gebe es noch sehr viel Verbesserungspotenzial. »Kinder sind unsere Zukunft,« darum sei es wichtig, den Nahverkehr zu stärken und für die Zukunft zu erhalten.

»Mit Öffis mobil«

Isabella Franke stellte den Reisenden während der Sonderfahrt ihr Schulprojekt »Mit Öffis mobil« vor. Das Pilotprojekt geht an Grundschüler der 4. Klasse und vermittelt ihnen Wissen und Kompetenz über umweltbewusstes Reisen und verdeutlicht damit zugleich die Vorteile von öffentlichen Verkehrsmitteln. So kann beispielsweise ein »Flirt« 320 Fahrgästen Platz bieten. Diese Anzahl würde 320 Autos als Transportmittel entsprechen, Stau inklusive. Zu den Aufgaben der Schüler gehört unter anderem auch das Lesen von Fahrplänen, das Finden diverser Fahrtrouten oder ein Sicherheitstraining. Bisher wurden 16 Schulklassen und 360 Schüler von Leobendorf bis Ramsau in das Schulprojekt eingebunden.

Die beiden Buchautoren Manfred Angerer und Herbert Birkner hatten mit Motiven aus ihrem Buch: »120 Jahre Bahngeschichte Berchtesgaden« die Fotoausstellung im Flirt-Triebwagen dokumentiert. Die Bahnhistoriker erinnerten an die wechselvollen Zeiten der eingleisigen Strecke, die 1866 durch die Königlich Bayerische Staatsbahn gebaut wurde. Weiterreisende mussten allerdings ab Reichenhall mit Pferdedroschken oder zweimal täglich mit Postbuskursen nach Berchtesgaden transportiert werden, um so den Höhenunterschied über den Hallthurm- Pass zu überwinden. Dieses Hindernis wurde zu einer extremen Herausforderung für die Bahnbauingenieure.

Über 693 Höhenmeter

Ihnen gelang letztlich die Weiterfahrt durch ein kurvenreiches Steilstück von über 40 Promille vom Bahnhof Kirchholz nach Bayerisch Gmain hinauf zum Pass Hallthurm mit seinen 693 Höhenmetern über Normalnull mit dem Bau der Localbahnstrecke nach Berchtesgaden. Ohne eine Schublok zusätzlich war und ist dieser Streckenabschnitt bei Vollbesetzung nicht zu meistern. Und noch heute muss aus Sicherheitsgründen jemand vom Zugpersonal auf dieser Etappe mit dem Lokführer zusammen im Führerstand anwesend sein. Bis zu den 30er-Jahren gab es bei der Tristram- Schlucht noch einen 70 Meter langen Tunnel, dessen Querschnitt aber nach der Einführung von vierachsigen Waggons zu eng war und 1933 abgerissen wurde.

Zur Erinnerung an die Jubiläumsfahrt erhielten die Eisenbahnfreunde eine Kopie einer historischen Rundreisekarte, ein kleines Berchtesgadener Wachsmodel sowie einen Fahrplan, der aktuell am 15. Dezember in Kraft tritt, bevor alle Reisenden den stimmungsvollen Berchtesgadener Advent besuchten. Gisela Brechenmacher