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Sie suchte das Glück und fand es nicht

Dass sie unglücklich endete – am 30. Juni 1920, mit Suizid, wozu ihr Mann ihr das Zyankali lieferte – ist längst allgemein bekannt: das armselige, von ihrer Mutter gequälte Glonner Dirndl Lena Christ. Dass sie aber ihr Lebtag auf Glücksuche war, die sie in so unglaublich tiefe Abgründe führte wie sie ein zartbesaiteter Mensch nicht ertragen kann, das arbeitete erst jetzt die Münchner Autorin Gunna Wendt heraus. Und das gleich zweifach: zum einen literarisch in ihrer soeben erschienenen Christ-Biografie bei LangenMüller mit dem Titel »Die Glücksucherin« (255 Seiten, 42 Abbildungen) und optisch in der von ihr kuratierten Ausstellung gleichen Namens in der Monacensia.

Da wird dem Besucher »Die bayerische Schriftstellerin Lena Christ (1881-1920)« mit vielen überraschenden Details zu dem kaum 40 Jahre währenden Leben im München des ersten 20. Jahrhundert-Fünftels recht plastisch vor Augen geführt. Zu sehen sind Schriftstücke, Erstausgaben ihrer Werke, Fotos der Gefeierten ebenso wie ihrer schrecklichen, herrschsüchtigen Mutter, ihrer (unehelich geborenen) Kinder, nichtswürdigen Ehemänner und einiger Zeitgenossen, die der Lena im Wege standen oder ihre Wege kreuzten, dazu wenige, aber umso eindrucksvollere Erinnerungsstücke aus Lenas Glonner »Künikammer«.

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In dem Roman »Erinnerungen einer Überflüssigen« von 1912 – dem Buch, das Lena Christ schlagartig bekannt machte und dessen literarische Höhe sie auch mit »Mathias Bichler«, »Madam Bäurin«, »Die Rumplhanni« oder den »Lausdirndlgeschichten« nicht mehr erreichen sollte, schwärmt sie: »Es war das die beste Stube des Hauses, angefüllt mit den Schätzen, die von den Ureltern auf uns gekommen waren; auch die Möbel darin stammten aus alter Zeit …« Neben Porzellanfigürchen, Riegelhauben und Wachsstöckl, Ketten, Ohrgehänge und Seidentüchlein, Bildchen und Statuetten für die tägliche Andacht ist auch ein Biedermeier-Glas mit der Aufschrift »Sei Glücklich« zu sehen: symptomatisches Stück aus Lena Christs kleiner Kollektion, die sie von Trödelmärkten zusammentrug.

Fluchtlinien arbeitete Gunna Wendt für das überschattete, eigenhändig beendete Leben der großen Erzählerin Lena Christ heraus. Sie nennt und beschreibt (beziehungsweise belegt in der kleinen Ausstellung, die noch bis zum 26. April 2013 geöffnet ist) drei solcher Fluchtlinien: das Kloster (gemeint ist Ursberg bei Augsburg), die Ehe (endend mit »Kindern, Krise, Kollaps«) und das Schreiben.

Bei Gunna Wendt, die schon in ihren früheren Biografien, zum Beispiel über Maria Callas, Liesl Karlstadt oder die Gräfin zu Reventlow sich partout auf die Seite der Titelheldinnen stellte, kommen, verständlicherweise, die Männer der Lena Christ schlecht weg. Peter Jerusalem, dessen Verdienst in der Entdeckung der Schreibbegabung seiner Frau liegt, der er, schrecklich genug, das Gift für ihren Selbstmord besorgte, charakterisierte Lena einmal wie folgt: »So kann also ein Mensch zu Zeiten über sich hinauswachsen, aus Liebe, dachte ich, und tief unter sich hinunter sinken aus Hass. Viel tiefer als je ein Tier geraten kann. Seltsam sind wir und rätselhaft, denn solche Liebe und solcher Hass haben oft in einer Brust nebeneinander Platz. Gott und Teufel wohnen so nah beieinander.« Gunna Wendts Kommentar: »Diesen von ihm (Jerusalem, d. Verf.) allerdings auf Lena Christ bezogenen Worten ist nichts hinzuzufügen. Die Tragik – vor allem für ihn selbst – bestand darin, dass sein Hass schließlich größer war als seine Liebe, sodass er keinen Versuch unternahm, Lena Christ von ihrem Weg in den Tod abzubringen …«

Die über viele Monate reichende Lena Christ-Ausstellung wird von etlichen, bisweilen prominent besetzten Veranstaltungen begleitet: Lesungen, Vorträge, Musik, Kuratorenführungen, Gespräche, literarische Ausflüge. Die »Lange Museumsnacht« am 20. Oktober beginnt um 19 Uhr und endet zur Geisterstunde. Christ-Biografin Gunna Wendt führt persönlich durch ihre Schau. Auskunft im Internet unter www.muenchner-stadtbibliothek.de/monacensia. Hans Gärtner