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Seitenblicke-Oper mit Todesfolge

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Anna Netrebko (links) in der Rolle der Adriana Lecouvreur und Anita Rachvelishvili in der Rolle La principessa di Bouillon lächeln und winken beim Schlussapplaus nach der Premiere der Oper »Adriana Lecouvreur« im Rahmen der Salzburger Festspiele.

Anna Netrebko in der Rolle der armen talentierten Schauspielerin Adriana Lecouvreur, die von einer adeligen Rivalin aus Eifersucht vergiftet wird: Jubel über Jubel und das ganz zurecht. Keine zweite stirbt mit solch glasklaren Todeseufzern. Dabei ist die »Netrebko-Show« bei den Salzburger Festspielen heuer eine »Netrebko-Rachvelishvili-Show«.


Wenn es wirklich nur um die Phonstärke ginge, wäre Anita Rachvelishvili eindeutig Siegerin: Die georgische Mezzosopranistin singt mit ihrem an allen großen Opernhäusern der Welt gefragten und bejubelten Organ beinah eine Netrebko an die Wand. An die Wand spielt sie – zumindest in der Rolle der mächtigen Principessa di Bouillon – die Konkurrentin aus dem verachteten Stand der Schauspieler ohnehin. Einfach, weil die Fürstin mehr Erfahrung in der Intrige hat.

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»Adriana Lecouvreur« ist das 1920 ein klein wenig aus der Zeit gefallene Commedia-dramma von Francesco Cilea (1866 bis 1950) auf das Libretto von Arturo Colautti nach einem Schauspiel aus dem Jahr 1849. Tatsächlich hat die Oper einen historischen Hintergrund: Die echte Adriana Lecouvreur, Tochter eines Hutmachers und einer Wäscherin, war eine bejubelte Tragödin der Pariser Comédie-Francaise. Sie starb am 20. März 1730 mit 38 Jahren. Die Kirche verweigerte der »von Berufs wegen Exkommunizierten« ein ehrenvolles Begräbnis in geweihter Erde. Und das unbestätigte Gerücht lautete, dass die – historische – Herzogin von Bouillon die Lecouvreur als Konkurrentin um die Gunst des – ebenfalls historischen – Fürsten Moritz von Sachsen vergiftet habe.

In der konzertanten Aufführung im Großen Festspielhaus wurde vor allem laut gesungen. Über die immer prächtiger sich entwickelnde Stimme Anna Netrebkos werden zurecht Abhandlungen geschrieben: Als Adriana Lecouvreur brachte sie alle singulären Qualitäten dieser Jahrhundertstimme zum Funkeln und schenkte denen im Publikum, die so was zu schätzen wissen, auch kostbare Augenblicke zartesten Pianissimos in überirdischen Lagen.

Die Mezzosopranistin Anita Rachvelishvili als La principessa di Bouillon fegt wie eine Urgewalt alles und alle hinweg. Das Organ ist farbenreich, kann geschmeidig geführt werden und warm klingen, technisch waren mehrere Brüche in den Lagenwechseln zu hören. Zwischen diesen beiden Ur-Gewalten hatte sich Yusif Eyvazov als Maurizio, conte di Sassonia zu behaupten. Es gelang ihm mannhaft mit schönen tenoralen Momenten. Immer wieder konnte man in ruhigeren Momenten sehr gut das Mozarteumorchester unter der Leitung von Marco Armiliato wunderschön und delikat spielen hören.

»Adriana Lecouvreur« ist musikalisch spätromantisch, sängerfreundlich und voller kundig instrumentierter Effekte. Es handelt sich übrigens wohl um das einzige Werk der Operngeschichte mit so viel realistischem und virtuos boshaft und stichelig vertontem Klatsch und Tratsch. Dieser ist auf mehrere, wie immer in Salzburg, luxuriös besetzte Nebenrollen verteilt. Auch Mitglieder des Young Singers Project können sich in der konzertanten Oper profilieren. Heidemarie Klabacher