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»Quadro Nuevo« wussten ihr Publikum zu begeistern. (Foto: Veronika Mergenthal)

Schillernde Klänge von den Straßen des Südens – »Quadro Nuevo« begeistert im »Kulturhof Stanggass«

Bischofswiesen – Mit ihrem Programm »Mare«, überbordend von schillernder Farbigkeit, ekstatischer Musizierlust und wilden Rhythmen ähnlich einer Meeresbrandung, setzten die vier weltgereisten Virtuosen von »Quadro Nuevo« bei ihrem Gastspiel im »Kulturhof Stanggass« die Gesetze der modernen Stechuhr außer Kraft. Nach dem »Samba di Didi« mit dem aus der Schönau stammenden Jazz-Bassisten D.D. (Dietmar) Lowka im Rampenlicht bekannten die Musiker mit Blick von der Bühne auf den Watzmann, einen neuen Lieblingsspielort entdeckt zu haben.


Aus einer Zufallsbegegnung an einem Parkplatz bei Salzburg, um gemeinsam Filmmusik für den ORF einzuspielen, war 1996 ein neues Quartett mit einem unverwechselbaren Sound geboren worden. Seitdem touren die Musiker in wechselnden Besetzungen – inzwischen mit dem jungen Münchner Gitarristen Philipp Schiepek mit an Bord – durch die Welt, spielen auf Festivals, in Konzertsälen, auf Straßen und Plätzen.

Ihr musikalisches Projekt »Mare« umschreiben sie selbst so: »Italienische Tangos, französische Valse, ägäische Mythen-Melodien, waghalsige Fahrtenlieder entlang einer sonnenbeschienen Küstenstraße, orientalische Grooves, Brazilian Flavour und neapolitanische Gassenhauer. Sie alle dienen als vergnügliche Barke für lustvoll improvisierte Abenteuerfahrten.«

All das konnte man in den Stücken des Abends mit wahrhaft »himmlischen Längen« entdecken. Auf lustvolle Weise spielten die Interpreten mit ihren Instrumenten. Im Samba wurden Bass und sogar Klarinette zwischendurch zur Percussion: Zwischen den gezupften Bässen schlug Lowka mit der rechten Hand auf den Bund, in einer Improvisation nutzte er sogar den gesamten Korpus als Trommel. In »Ada's Song« gab es den ersten spontanen Applaus für Philipp Schiepek, Träger des »BMW Welt Young Artist Jazz Award«, für sein fulminantes Gitarren-Intro. Er begeisterte mit einer neuen, individuellen, feinsinnigen Art des Spiels – entspannt, meditativ, lustvoll, unaufgeregt.

In »Fuga y misterio« zelebrierte das Quartett, das schon einmal einige Wochen in Buenos Aires gelebt hatte, seine Vorliebe für den Tango. Mit dem Bandoneon erzeugte der kauzige Akkordeonspieler Andreas Hinterseher aus Fischbachau eine Klangfülle wie ein ganzes Orchester. Aus der dramatischen Einleitung schälte sich der typische abgehackte, zackige Tango-Rhythmus heraus. Seine Harmonikas, darunter das eigenwillige Vibrandoneon, das auch geblasen wird, lässt er alle im mittelitalienischen Castelfidardo, der Stadt der Akkordeons, in Handarbeit bauen.

Südukrainische Rhythmen brachte die Band von einem Kulturaustausch in Odessa 1991 mit und integrierte sie in das exotisch wirkende Stück »Krim« mit Elementen der im Orient verbreiteten Pentatonik und einem wunderbar sinnlichen Saxofon-Sound von Mulo Francel aus Gstadt am Chiemsee. Mit seiner extravaganten Spielweise lotet er die Grenzbereiche zwischen Jazz, Klassik und World Music aus. Seine Klarinette wurde in »Ikarus' Dream« zum agäischen Erzähler – vom Ur-Traum des Menschen, auszubrechen aus dem eigenen Labyrinth. In »Khaliji Steps«, einem Stück eines befreundeten Oud-Spielers aus Kairo, fühlte man sich mit Trommeln und Zimbeln in einen ägyptischen Bazar versetzt. Francel ließ seine Klarinette durchdringend heulen, röhren, singen, bis zu einer Art Explosion. Danach rückte Lowkas Percussion in einem atemberaubenden Solo in Szene, begleitet nur von der Harmonika mit zwei knackig eingeworfenen Akkorden.

Der zweite Teil ging orientalisch-jazzig weiter mit einem lässigen »Mocca Swing« mit einer fulminanten Gitarre-Improvisation und dem hintergründig mit extremer Langsamkeit und Reduktion kunstvoll spielenden »Stay away and play«. Dieses Stück schrieb Hinterseher in einsamen, solistischen Verzweiflungs-Sessions im eigenen Keller während der Coronazeit. Zwischen Verträumtheit und treibenden Rhythmen der Straße changierte »Antakya«, von der Musik an der türkisch-syrischen Grenze im ehemaligen »Antiochia« inspiriert. In »Waiting« mit Hinterseher an der gedämpften Trompete wurde Penelope lebendig, die sich mit Yoga 20 Jahre Warten auf Odysseus versüßt.

Nach »Reise nach Batumi« verlangten die restlos begeisterten Zuhörer rhythmisch klatschend eine Zugabe. Die gab es mit einer sehr individuellen Lesart des durch die argentinische Sängerin Mercedes Sosa bekannt geworden »Gracias a la vida« – mystisch und hingebungsvoll zelebriert – und mit einem italienischen Unplugged-Ausklang im Innenhof. Auf bezaubernde Weise ging dort der »rote Mond«, »La luna rossa«, auf.

Veronika Mergenthal