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Schätze des französischen Kunstlieds gehoben

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Claire Booth und Florant Boffard, der bei den Klavierstücken auswendig und sonst mit Matthias Roth als Umblättler spielte, lebten völlig in ihrer Musik. (Foto: Mergenthal)

In die schillernde Welt des französischen impressionistischen Kunstliedes, das bei uns kaum bekannt ist, entführte ein geniales Duo das Bad Reichenhaller Alpenklassik-Publikum am dritten Konzertabend. Das von der englischen Sopranistin Claire Booth und vom französischen Pianisten Florent Boffard gestaltete Programm war das reinste Vergnügen.


Mit den Nocturnes Nr. 6 und Nr. 13 von Gabriel Fauré stimmte Boffard die Zuhörer auf die um das Thema »Leidenschaft« kreisende Gefühlswelt der Lieder ein. Der Schüler von Yvonne Loriod, Schülerin und zweite Ehefrau von Olivier Messiaen, nahm die unendlich dahin perlenden Läufe spielerisch leicht und unprätentiös. Bei Nr. 13 ließ er im dramatischen Mittelteil gekonnt zwischen der Urgewalt virtuoser Akkord-Kaskaden liedhafte Elemente durchschimmern, erzeugte durch absolute Zurücknahme Spannung, ließ sich von der drängenden Motivik treiben und zelebrierte den durchinszenierten Schluss.

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Maurice Ravels Shéhérezade für Stimme und Klavier beschwört zunächst in »Asie« eine fantastische, fremdartige Traumwelt voller Sinnlichkeit, Farben, Düfte und Wunder herauf. Mit kindlicher Offenheit und Neugier sang Claire Booth dieses ausdrucksstarke Fernweh-Lied, dessen Asien-Begeisterung in der heutigen Jetset-Gesellschaft wie von einem anderen Planeten wirkt. Boffard hüllte ihre auch mit gewaltigem Tonumfang und viel Volumen in der Tiefe überzeugende Stimme behutsam in geheimnisvolle Klavierklänge. Mit Wärme, Präsenz und Impulsivität lauschte die Sängerin in »La Flute enchantée« sehnsüchtig dem Flötenspiel ihres Geliebten und schlüpfte bei »L'indifférent« in die Rolle der Verführerin, die einen gleichgültig vorbei flanierenden Jüngling wehmütig weiterziehen lassen muss.

Sichtlich kostete sie die französische Sprache, zu der sie einen für eine Britin ganz erstaunlichen Zugang hat, mit ihrer Melodik und Hintergründigkeit aus. Mit gewinnendem Auftritt, schauspielerischem Talent und einer strahlenden, kraftvollen, weich angesetzten Stimme wie aus Samt und Seide sang sich Claire Booth in die Herzen ihrer Zuhörer.

Ein Klassiker der impressionistischen Klavierliteratur durfte dazwischen nicht fehlen, Ravels »Une barque sur l'océan«, der dritte Teil aus dem Zyklus »Miroirs«. Boffards Finger rauschten in virtuosen Arpeggi, Glissandi und Übergreif-Akkorden rauf und runter und ließen vor dem inneren Auge Traumbilder entstehen. Feinste Nuancen setzte er bewundernswert um, ließ das tosende Meer sich beruhigen und auf den feinen Wellen das kleine Boot tanzen.

Nach der Pause fügte sich hier nahtlos Claude Debussys »La mer est plus belle« an, ein sinnlicher Lobgesang auf das Meer, seine Geheimnisse und seine vielen Gesichter. Zwei weitere frühe Lieder Debussys nach romantischen Gedichten bezauberten genauso: »Beau soir« (Schöner Abend) mit feiner Melancholie, ein Rat, das vergängliche Leben zu genießen, und das verliebte »Nuit d'étoiles« (Sternenklare Nacht) mit beeindruckender Stimmführung.

Beide Duopartner leben in dieser Musik – das spürte man auch in Debussys drei »Chansons de Bilitis« für Stimme und Klavier. In »Pans Flöte« erzählten sie mit Hingabe, wie ein blutjunges Mädchens mit einem Flötenspieler ihre ersten Liebeserfahrungen macht. Kokett und trocken setzte Booth am Ende die Pointe hin: »Meine Mutter wird niemals glauben, dass ich so lange ausblieb, um meinen verlorenen Gürtel zu suchen.« Voller dunkler, intensiver unterschwelliger Erotik gestaltete die Sopranistin »Das Haar« und erkundete in »Das Grab der Najaden« die verloren gegangene Welt der Satyrn und Nymphen. Nach dem explosiv hingefetzten Klavierstück L'isle joyeuse« brachten vier Lieder von Richard Strauss teils Beruhigung, teils ungestüme Leidenschaft. Darüber, dass Booth die deutsche Sprache nicht ganz so lag wie die französische, konnte man bei den golden leuchtenden Kantilenen hinwegsehen. Als Hommage an das begeisterte Publikum sang sie als Zugabe solistisch ein englisches Volkslied. Veronika Mergenthal