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Saubere Investitionsstaus, Superstaus und sauere Autofahrer – »Wir haben Nachholbedarf ohne Ende«

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Baudirektor Martin Bambach über saubere Investitionsstaus, Superstaus und sauere Autofahrer im BGL
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Kein Kinderspiel: Baudirektor Martin Bambach weiß, wie komplex das Thema Verkehr ist. Er setzt deshalb auf die Stärkung öffentlicher Verkehrsmittel. (Foto: Fischer)

Berchtesgaden – Er ist der König der Landstraße: Baudirektor Martin Bambach ist als Abteilungsleiter im Staatlichen Bauamt Traunstein seit 16 Jahren für den Bau und Erhalt der Kreis-, Staats- und Bundesstraßen zuständig. Der »Berchtesgadener Anzeiger« sprach mit dem gelernten Sprengmeister und studierten Bauingenieur über saubere Investitionsstaus, Superstaus und sauere Autofahrer.


Herr Bambach, zu diesem Interview sind sie über Bischofswiesen gefahren und haben dort schon mal zwei ihrer eigenen Baustellen passiert. Fahren Sie momentan gerne mit dem Auto durch das Berchtesgadener Land?

Martin Bambach: Ich leide grundsätzlich darunter, dass ich in dem Bereich, in dem ich wohne und unheimlich gerne unterwegs bin, verantwortlich für die Straßen bin. Selbst, wenn ich Urlaub habe, fahre ich nicht als Urlauber durch den inneren Landkreis. Ich denke mir dann ständig: Da müsste man was machen. Das schaut nicht gut aus. Da muss ich bauen.

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Aber es gibt doch Baustellen ohne Ende.

Bambach: Ach, Baustellen gibt es überall. Ich leide als Autofahrer ja auch darunter. Aber im Berchtesgadener Land kann ich nicht darüber jammern, weil ich genau weiß, was dahinter steckt. Der Verkehrsteilnehmer weiß es aber oftmals nicht. Der geht davon aus, dass wir nichts anderes zu tun haben, als zu warten, bis er kommt, um die Straßen aufzureißen.

Welche Baustellen kommen in den nächsten Monaten?

Bambach: Die wesentlichen Maßnahmen sind bereits im Bau. Wir hoffen, dass wir sie im Zeitrahmen abwickeln können. Im Herbst kommt dann unter der Federführung des Marktes Berchtesgaden der Bypass Richtung Ramsau am Bahnhofskreisverkehr. Im nächsten Jahr könnten wir, falls der Kreisausschuss und der Gemeinderat zustimmt, den Fergerlberg und die Waldhauserstraße in Schönau am Königssee sanieren.

Bei der Königsseer Straße müssen wir mit der Marktgemeinde noch klären, wie der Querschnitt aussehen soll. Das ist gerade in Arbeit. Im übrigen Landkreis bauen wir ebenfalls Kreisverkehre neu und Straßen aus. Es handelt sich um etwa zehn Projekte. In der Hauptreisezeit bis Mitte September machen wir aber so wenig wie möglich.

Sie haben die Entwicklung genaustens verfolgt. Wie hat sich die Baustellendichte in den vergangenen Jahren verändert?

Bambach: Das ist doch vollkommen klar. Mehr, deutlich mehr. Wirklich, sehr viel mehr. Wobei man sagen muss, dass der Landkreis relativ konstant in die Straßen investiert hat. Beim Bund und beim Freistaat war es oft mau. Nur Radwege an Bundesstraßen haben wir viel gebaut. Ja, und seit etwa vier Jahren gibt es den sogenannten Investitionshochlauf. Das merken wir deutlich in allen Bereichen.

Mal ganz ehrlich: Haben Sie mal etwas völlig Sinnloses gebaut, nur weil das Geld da war?

Bambach: Nein, nein. Die Leute meinen immer, wir verbauen alles Geld, das wir kriegen können. Aber in Wirklichkeit haben wir doch nie genug Geld. Deshalb können wir es uns gar nicht leisten, Geld aus dem Fenster zu schmeißen. Gerade im Berchtesgadener Land, wo so viel an Unterhalt und der Erhöhung der Verkehrssicherheit nötig wäre. Der Landkreis Berchtesgadener Land ist einer der unfallauffälligsten Landkreise in Bayern. Denken wir nur an die Ramsau und die Stanggaß. Wir bauen dort in erster Linie aus Sicherheitsgründen.

Zwischen den Jahren 2000 und 2015 war Straßenbau unsexy, heißt es. Stimmt das?

Bambach: Absolut. Ich werte das für meinen Bereich regelmäßig statistisch aus. Auf den 900 Kilometern haben wir zu Beginn meiner Verantwortung in den Jahren 2003/04/05 zwischen 5 und 15 Kilometern erneuert oder erhalten. In den vergangenen drei Jahren waren es zwischen 45 und 60 Kilometern, die wir asphaltiert haben. Das geht halt nur, wenn ich Geld dafür habe.

Das beweist den Investitionsstau.

Bambach: Auf alle Fälle. Und denken wir auch an die Ingenieursbauten, zum Beispiel die Brücken.

Sie müssen wahrscheinlich verschiedene Aspekte für ihre Bauten berücksichtigen. Wie ist das mit der Verkehrsbelastung. Kalkulieren Sie mit der aktuellen oder mit einer prognostizierten?

Bambach: Wir machen Leistungsfähigkeitsuntersuchungen. Die Frage ist halt, welche Grundlage man nimmt. Entweder das Handbuch, das für bestimmte Zeiträume bestimmte Maximalwerte vorgibt, die wir dann einrechnen. Oder, wir hauen da noch ordentlich was drauf, um zu sehen, wann es wieder Probleme gibt. In einem Knotenpunkt wie dem Kreisverkehr am Berchtesgadener Bahnhof, ist eine Prognose extrem schwierig. Der Gesetzgeber sieht deshalb auch nur vor, dass wir uns an Normalwerten orientieren sollen. Wir haben uns aber bewusst mit der absoluten Spitze beschäftigt.

Bereits im vergangenen Jahr hatten wir einen Baustellen- und Staurekord im Talkessel. Heuer sind es mindestens genauso viele. Zusätzlich drehen die Österreicher am Rad. Wann kommt der Kollaps? Der Stau durch den ganzen Talkessel.

Bambach: Wir sind mit den Verkehrsbehörden, den Gemeinden und der Polizei in ständigem Kontakt. Wir wissen, wer wann wo welchen Straßenabschnitt sperrt. Wir suchen dann den Zeitraum, der am besten passt. Natürlich machen wir Fehler. Zum Beispiel im vergangenen Jahr in Bischofswiesen. Unser Einfluss geht aber nicht über die Grenze hinaus. Das müssen die betroffenen Verhandlungspartner untereinander klären. Natürlich kann es dann in der Reisezeit Probleme geben.

Jetzt machen Sie uns halt ein bisschen Hoffnung.

Bambach: Der Kreisverkehr an der Umgehungsbrücke wird zu den Sommerferien fertig. Wenn nicht, sorgen wir dafür, dass es dort kein Chaos gibt.

Gegen Chaos wirkt Koordination. Stimmen Sie Ihre Baustellen aufeinander ab?

Bambach: Ja, klar. Die umfangreichsten Maßnahmen führen ja wir durch. Es wäre beispielsweise absoluter Unfug, den Bypass am Bahnhofskreisel zu bauen, gleichzeitig die Königsseer Straße zu sanieren und auch noch den Fergerlberg auszubauen. Bei kommunalen Maßnahmen dürfen keine Umleitungen angeordnet werden, die nicht mit uns, dem Baulastträger der Umleitungsstrecke, zum Beispiel einer Kreisstraße, abgesprochen ist. Damit wir nicht auf die Idee kommen, im gleichen Zeitraum dort zu bauen.

Sie gelten als schmerzfrei, wenn es um Kritik geht. Hat Sie mal wirklich was beleidigt?

Bambach: In der Öffentlichkeit trete ich als Dienstperson auf. Dennoch bin ich ein Mensch mit Gefühlen. Natürlich geht da nicht alles an mir vorüber. Gerade deshalb, weil ich hohe Ansprüche an mich stelle. Ich muss aber kritikfähig sein, sonst könnte ich ja nie das beste Ergebnis erreichen. Und wenn ich fest davon überzeugt bin, dass ich die beste Lösung gefunden habe, muss ich erst recht nicht beleidigt sein. Die Menschen sagen halt ihre Meinung. Fair muss es halt bleiben. Ich vertrete die Mehrheit. Und die steht immer über Einzelinteressen.

Mal angenommen, Sie würden von Traunstein nach Berchtesgaden versetzt. Wie würden Sie fahren, um möglichst wenig im Stau zu stehen?

Bambach: Ich muss über die B306 auf die Autobahn. Dann fahre ich bis zur Ausfahrt Piding. Die nächste Frage ist: Was haben die Kollegen von der Autobahndirektion wieder angezettelt. Die Verkehrsteilnehmer leiden seit Wochen unter den Asphaltierungsarbeiten rund um die Aus- beziehungsweise Auffahrt Siegsdorf. Mit Wartezeiten bis zu 50 Minuten. Das ist bei Hitze kein Spaß, kaum zu ertragen. Aber, es ist schon klar, dass sie jetzt vor den Pfingstferien – in der Nebenreisezeit – asphaltieren mussten.

Angenommen, ich komme bis nach Piding, entscheide ich mich für die BGL 4 durch das Leopoldstal nach Bayerisch Gmain und dann nach links auf die B20. Beim Eisenrichter-Berg muss ich an der Baustellenampel kaum warten – haha. Es klappt. Das wird auch in den nächsten Monaten klappen, es geht eh nicht anders.

Was machen Sie, um beim Autofahren nicht gestresst zu sein? Kaugummi kauen? Musik hören?

Bambach: Es nützt nichts, dass ich mich über das Verhalten der Verkehrsteilnehmer vor und hinter mir aufrege. Wer fährt, bestimmt. Egal, ob er alt, krank, aggressiv oder verkehrsuntauglich ist. Denn bei Unfällen haben laut Statistik meistens beide Beteiligte einen Fehler gemacht. Demzufolge müsste jeder Verkehrsteilnehmer konzentrierter sein. Und sich nicht darüber aufregen, dass die Polizei gerade blitzt oder dass in der Ramsau immer noch gebaut wird. Dort gelten 30 km/h. Die sind absolut sinnvoll. Und, wenn einer mit BGD-Kennzeichen meint, mit 60 dort durchfahren zu müssen, kann ich nur sagen: Er ist für sein Fahren verantwortlich. Aber, als Profi könnte ich ihm sagen: Wir stellen keine Verkehrsschilder auf, wenn sie nicht nötig sind.

Stichwort: Straße – Spontane Antworten

Was sagt Baudirektor Martin Bambach, wenn er nicht über die Antwort nachdenken darf und sich ganz kurz fassen muss? Stichwort, Antwort, fertig. Übergeordnetes Thema waren – was auch sonst – Straßen.

Eisenrichter-Berg?

Notwendigkeit.

Kreisverkehr?

Tolle, sichere Verkehrsanlage.

Flüsterasphalt?

Den Begriff haben sich die Österreicher markenrechtlich schützen lassen. Er hat sich aber auch in Deutschland eingeprägt. Er bezeichnet einen Asphaltbelag, der die Rollgeräusche von Fahrzeugen deutlich mindert. Bei uns darf dieser sogenannte Flüsterasphalt nur eingebaut werden, wenn ganz bestimmte, gesetzlich geregelte Anforderungen erfüllt sind. In der Regel gibt es ihn nur außerorts auf Fahrbahnen, auf denen mit hohen Geschwindigkeiten gefahren wird und andere Maßnahmen zur Lärmminderung nicht greifen. Und, ganz ehrlich: Dieser offenporige Belag hat deutlich Schwächen in Haltbarkeit und Anwendung.

Sebald König (Bambachs ehemaliger Chef; Anm. d. Red.)

Ein Südostoberbayer, der wahnsinnig fleißig, gerade zu besessen von seiner Tätigkeit und unheimlich stur war. Ich habe mit ihm 15 Jahre sehr, sehr gut zusammengearbeitet.

Medien?

Zum Teil sehr gutes Verhältnis. Manchmal anstrengend. Aber unverzichtbar, weil nur sie die oft komplexen Zusammenhänge einer breiten Öffentlichkeit darstellen können.

Autobahndirektion?

Wird bald umgewandelt in eine Autobahngesellschaft und ist ein Teil des Freistaates Bayern beziehungsweise der Bundesrepublik Deutschland. Ich habe da wenig Berührungspunkte. Aber ich sage deutlich, dass wir unsere Baustellen besser koordinieren müssen.

Christian Fischer