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Vom Rathausplatz aus marschierte der Tross durch die Fußgängerzone. (Fotos: Pfeiffer/2 und Kastner/1)

Rund 350 Teilnehmer bei unangemeldetem »Corona-Spaziergang« durch Berchtesgaden

Berchtesgaden – Es war eine bunte Mischung an sogenannten »Spaziergängern«, die am Montagabend im Markt gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung und der bayerischen Staatsregierung protestierten. Zu den 350 fast ausschließlich maskenlosen Teilnehmern zählten einheimische Unternehmer, Kommunalpolitiker inklusive einem Bürgermeister-Stellvertreter und unzufriedene Normalbürger genauso wie einige Querdenker, die schon mit radikalen Aktionen auf sich aufmerksam gemacht haben. Allen voran Oberfeldwebel Andreas O. von den Reichenhaller Gebirgsjägern und sein Kumpel Florian O. Auch ein Reporter von Spiegel TV begleitete den Spaziergang.


Die nicht angemeldete Versammlung wurde von Beamten der Polizeiinspektion Berchtesgaden begleitet. Weil die Teilnehmerzahlen von Woche zu Woche gestiegen waren, hatte auch die Polizei zusätzliche Beamte abgeordnet. »Verstöße konnten wir keine feststellen«, sagte ein Polizist auf Nachfrage. Teilnehmer, die aufgefallen waren, mussten sich Kontrollen unterziehen. Im Vorfeld angekündigt hatte sich auch jener Bundeswehrsoldat, der Ende vergangenen Jahres am Münchner Odeons­platz festgenommen worden war, weil er in einem Video mit seinen Äußerungen, mit denen er Drohungen gegen den Rechtsstaat ausgesprochen hatte, aufgefallen war. Haftgründe lagen laut Staatsanwaltschaft Traunstein nicht vor.

Noch am selben Abend kam er auf freien Fuß. Gegen Andreas O. ermittelt allerdings weiterhin die Generalstaatsanwaltschaft München: Wegen Verdachts, öffentlich zu Straftaten aufgerufen zu haben. In einem weiteren Video rief der Oberfeldwebel Bundeswehrsoldaten dazu auf, Teilnehmer von sogenannten »Spaziergängen« vor der Polizei zu schützen.

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Rund 350 Personen beteiligten sich am Montagsspaziergang durch Berchtesgaden.

»Ich habe meinem Kommandeur nun versprochen, keine Uniform mehr zu tragen«, sagte der Oberfeldwebel im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«. Erst »wenn alles geklärt« sei, wolle er die Bundeswehr-Uniform wieder tragen, »dann aber ohne Hoheitszeichen«. Ob er jemals wieder Uniform tragen darf, steht allerdings in den Sternen. Aktuell jedenfalls gilt für O. ein Uniform-Trageverbot, außerdem läuft ein arbeitsrechtliches Verfahren gegen den Unterwössener. Beim Spaziergang in Berchtesgaden ließ er sich von seinem Kumpel Florian O. auf Schritt und Tritt filmen. Der Anmelder von Querdenker-Demos in Traunstein tritt bei Demos gerne als »Presse« auf und stellt seine gedrehten Videos unverzüglich ins Netz. In Berchtesgaden präsentierte er seinen Presseausweis gut sichtbar in seiner Handykamera, mit der er aber in erster Linie seinen Kameraden in Szene setzte.

Andreas O. befürchtet nun, wegen seiner Taten ins Gefängnis zu kommen. »Vielleicht werde ich noch eingesperrt. Wegen Befehlsverweigerung und Meuterei«, sagt er. Auf Instagram postete er beim Spaziergang durch Berchtesgaden ein »Prost an alle Kameraden« – mit einem Glühwein in der Hand – und schrieb auf Telegram: »So einfach und gemütlich kann es sein, für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzustehen.«

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Der vom Dienst freigestellte Oberfeldwebel O. und sein »Presse«-Kumpel gingen auch mit.

Auch Spiegel TV war mit einem Journalisten in Berchtesgaden vertreten, begleitete den Spaziergang, interviewte Teilnehmer und auch den Gebirgsjäger Andreas O. Der sagte im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«: »Die Menschen werden mit der Impfpflicht in die Enge getrieben.« In der Bundeswehr seien viele psychisch am Ende. »Ich kenne meine Jungs da drin«, betonte Andreas O. und lehnte sich dann erneut weit aus dem Fenster, indem er eine skurrile Befürchtung äußerte: Jemand könnte Waffen in der Öffentlichkeit missbrauchen.

Der Spaziergang in Berchtesgaden verlief indes friedlich. Neben Musik aus einem kleinen Lautsprecher spielte ein Teilnehmer Didgeridoo. Nach rund einer Stunde löste sich die Ansammlung auf. 

Kilian Pfeiffer