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Rotwild-Kälber, Besucherandrang und Seilversicherungen

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Berchtesgaden: Infoabend »Der Nationalpark informiert« über Rotwild-Kälber, Besucherandrang und Seilversicherungen
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Wie soll es mit dem Besucherandrang am Königsbach-Wasserfall weitergehen? Der Nationalpark arbeitet an einer Lösung. (Foto: Nationalpark Berchtesgaden)

Berchtesgaden – Gut 100 Interessierte sind am Dienstagabend zur Veranstaltung »Der Nationalpark informiert« in den Kleinen Saal des AlpenCongress' gekommen. Nicht ohne Grund, denn es gab eine Menge »Reizthemen« zu besprechen, die »von anderen in die Welt gesetzt wurden«, wie es der Leiter des Nationalparks Berchtesgaden Dr. Roland Baier formulierte.


Zur Sprache kamen dann die toten Rotwildkälber vom Königssee, Seilversicherungen am Watzmann, die Jagd im Nationalpark, die Jenner-Aussichtsplattform und der Massenandrang am Königsbach-Wasserfall.

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Dr. Baier nutzte die Gelegenheit und äußerte sich zu allen Vorwürfen und Kritikpunkten, die im vergangenen Jahr im Nationalpark aufgeschlagen waren.

Los ging es im April 2019 mit der »größten Kampagne, die seit Jahren gegen den Nationalpark geführt wurde«, wie es Baier formulierte. Sie drehte sich um tot aufgefundenen Rotwildkälber und eine Anzeige, die der Verein Wildes Bayern gegen den Nationalpark erstattet hat (zum Bericht). Behauptet worden war, es wären Dutzende tote Kälber am Königsseeufer gefunden worden. In Wirklichkeit seien es nur acht Stück gewesen, betonte der Leiter.

Eine Behauptung lautete daraufhin, die Förster hätten die Muttertiere erlegt. »Fakt ist, wir haben die Datenlage geprüft und die Förster befragt. Was vorgeworfen wird, wäre eine Straftat. Es lässt sich keinerlei Fehlverhalten unserer Mitarbeiter feststellen«, sagte Baier mit fester Stimme. Die Ermittlungen dazu laufen noch an. Andere Vorwürfe gegen die Nationalpark-Mitarbeiter im Zusammenhang mit diesem Thema hätten sich als haltlos herausgestellt.

An diesem Punkt gibt Dr. Baier noch einen Fehler zu, was eine gemeinsame Presse-Aussendung mit dem Bayerischen Jagdverband betrifft. Diese hätte abgesprochen werden müssen.

Ein anderer Vorwurf lautete: Warum klärt der Nationalpark nicht besser auf? Dazu sagt Dr. Roland Baier: »Wir haben die Faktenlage auf unserer Homepage dargestellt. Mehr Aufklärung hätte es nicht geben können.« Es sei auch von Anfang an klar gewesen, dass man »nicht auf jeden Leserbrief« eingehe. Klarstellungen hätten nichts gebracht, während die Ermittlungen laufen. »Und Leute, die solche Behauptungen konstruieren, die machen das auch öfter und haben ihre Vorgehensweise«, fügte Dr. Baier hinzu.

Es gebe Studien zur normalen Wintersterblichkeit, die schon ab 30 Zentimetern Schneehöhe ansteige. »Wir hatten noch im April eine viel höhere Schneedecke und zu dieser Zeit etwa 250 Stück Rotwild am Königssee, also eine sehr hohe Stückzahl.« Dies reiche beides vollkommen aus und erkläre die acht toten Kälber. Das Gravierendste an diesem Thema sei jedoch, wie bei dieser Kampagne vorgegangen werde. »Die Hemmschwelle sinkt, auch zu beobachten bei Facebookbeiträgen«, so Dr. Baier. Man müsse, auch wenn man Kritik äußere, sachlich bleiben. »Unschuldige Nationalpark-Mitarbeiter sind massiv in Kritik geraten und angesprochen worden. Das ist kein Spaß.«

Eine andere Behauptung drehte sich um die Seilversicherungen am Watzmanngrat, die »zurückgebaut« worden seien. »In einem Facebookeintrag hieß es, dies hätte zum Tod einer Frau geführt«, berichtete Dr. Roland Baier. Fakt sei hier: Die Staatsanwaltschaft hat dies geprüft und demnach hat der Nationalpark Berchtesgaden die Wegmarkierungen ausreichend gesetzt.

Um mit Kritikern ins Gespräch zu kommen, wurde am 28. August das Fachforum Huftiermanagement ins Leben gerufen (zum Bericht). Die einzigen, die den Veranstaltungen, des Fachforums fern geblieben waren, sei der Verein Wildes Bayern gewesen, so Dr. Baier. Er bezeichnete dessen Mitglieder als »unversöhnlich und unzugänglich.« Die nächste Exkursion zum Thema Waldentwicklung und Huftiermanagement findet am 4. Juli statt. Als Ziele nennt der Nationalparkleiter, Transparenz und Dialog zu stärken, und ein Kommunikationskonzept zu erarbeiten. Außerdem ist ein Revierbegang mit Margit Weindl geplant. Die Forschung soll gestärkt werden, unter anderen zu den Themen Gams-Monitoring, Aas-Ökologie und zur Wechselwirkung Schalenwild-Vegetation.

Trophäenjagd und Jenner-Aussichtsplattform

Auch auf einen weiteren Vorwurf reagiert der Nationalpark nun: »Es werden ab sofort alle Trophäen eingezogen«, kündigte Baier an. Denn es kursierte der Verdacht, dass Trophäenjagd im Nationalpark eine Rolle spiele. Weiterhin offen sei die Frage nach einer tierschutz- und naturschutzgerechten Regelung am Königssee.

Zur geplanten Aussichtsplattform am Jenner wies der Leiter daraufhin, dass die Idee dazu bereits 2006 entstanden war. Ziel ist es, einen barrierefreien Weg zu schaffen. »Der Nationalpark hat sich die Barrierefreiheit auf die Fahnen geschrieben.« Nun werden die Planungsgrundlagen erarbeitet. »Das Ergebnis wird am 16. März vorgestellt«, so Dr. Baier.

Weiter ging es mit einer anderen Kritik: »Der Nationalpark stellt keine Einheimischen ein.« Dazu wurde eine Zahl an die Wand projiziert: 57 Prozent der Mitarbeiter wurden im Talkessel geboren. »Das geht halt bald nicht mehr, weil es hier keine Geburtenstation mehr gibt«, kommentierte Dr. Baier und erntete Lacher aus dem Publikum.

Schließlich kursierte noch eine Aussage: »Der Funtensee verkommt zu einem Karpfenteich.« Algen würden im See sprießen. Dazu trat der Leiter des Bereichs »Naturschutz und Planung« im Nationalpark, Ulf Dworschak, ans Rednerpult. Der berichtete von einer interessanten Untersuchung, wonach vor allem Pflanzenfarbstoffe in den See eingetragen werden. Auch durch das Kärlingerhaus hat ein Nährstoffeintrag stattgefunden, dies sei allerdings vor dem Bau der neuen Kläranlage im Jahr 2010 gewesen. In den vergangenen Jahren sei der Eintrag an Nährstoffen nun wieder angestiegen. Die Folge davon: Sichtbare Algenblüten. Ein Grund dafür könnte der Klimawandel sein, wodurch etwa die Algen länger und besser wachsen könnten, so Dworschak. »Der See ist aber immer noch auf der nährstoffarmen Seite«, betonte er.

Ein Thema, das die Nationalparkverwaltung im vergangenen Jahr sehr beschäftigt hat, war der Massenandrang am Königsbach-Wasserfall. »An Spitzentagen waren im vergangenen Sommer bis zu 270 Personen an den Wasserfall-Gumpen«, berichtete Dworschak. Auslöser war ein einziger junger Mann, der ein Video auf der Plattform »Youtube« im Internet gepostet hat. Dieses mit dem Titel »Deutschlands schönster Ort« hat mittlerweile rund 280.000 Aufrufe und eine Lawine an Reaktionen losgetreten. Mittlerweile seien 2,5 Kilometer an kleinen Pfaden entstanden, unter anderem von der Rabenwand aus.

Zum Bericht: Mit Flip-Flops im Absturzgelände... Immer mehr bringen sich für gute Fotos in Lebensgefahr

Zu diesem Besucheransturm äußerte sich auch der neue Leiter der Nationalpark-Ranger Ole Behling. Es gebe verschiedene Lösungsansätze. Zum Beispiel vermehrte Streifen und Kontrollen durch die Ranger an solchen Punkten. »Auch abends, frühmorgens und am Wochenende.« Dazu und zu vielen anderen Themen stellten die Besucher der Veranstaltung im Anschluss Fragen. Zudem informierten die Fachgebietsleiter des Nationalparks das Publikum über Neuigkeiten und geplante Veranstaltungen. Ein eigener Bericht folgt in einer der kommenden Ausgaben.

Annabelle Voss