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Romantisch-schaurige »Freischütz«-Impressionen

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Die Bad Reichenhaller Philharmonie auf der Ainringer Freilichtbühne. (Foto: Mergenthal)

Perfekter hätte es nicht laufen können: Bis etwas zehn nach acht Uhr tröpfelte es leicht in der Freilichtbühne Ainring. Dirigent Christoph Adt überbrückte die Zeit mit launigen Moderationen und versprach nach Absprache mit dem vom Theatersommer her regenerfahrenen Bürgermeisters Hans Eschlberger: »In fünf Minuten hört es zu regnen auf.« Und so war's dann auch. Die Musiker setzten sich hin und fingen zu spielen an, und es blieb trocken. Ja am Ende schimmerte sogar der bleiche Vollmond zwischen den Bäumen durch, ganz wie in der schaurigen Wolfsschlucht-Szene der romantischen Oper »Der Freischütz« von Carl Maria von Weber. Für die Wiederholung dieses Musiksommer-Konzerts an diesem Samstag um 20 Uhr in der Freilichtbühne Ainring unterhalb der Kirche erhofft sich der Bürgermeister natürlich noch besseres Wetter.


Im vergangenen Jahr war beim Auftritt der Philharmonie am selben Platz die Idee entstanden, in dieser so passenden Kulisse Auszüge aus dem »Freischütz« aufzuführen. Zunächst stimmte das Orchester mit thematisch passenden unterhaltsamen Kompositionen auf den Höhepunkt des Abends ein. Der beschwingten Ouvertüre zu »Der Wildschütz« von Albert Lortzing folgten zwei Werke von Johann Strauß: die wie ein langsamerer Walzer wiegende Polka Mazurka »Stadt und Land« und die Schnellpolka »Freikugeln«. Der Walzer »Estudiantina« von Emil Waldteufel bezauberte durch einen Mollteil mit neckischen Walzer-Nachschlag auf der Piccolo-Flöte, der an Vogelgezwitscher erinnerte.

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Echtes Vogelgezwitscher verband sich bei der »Freischütz«-Ouvertüre wunderbar mit dem sanften Einsatz der Hörner, die in dieser Oper eine tragende Rolle spielen, zu wiegender Streicherbegleitung. Später ließen unheimliche Trommelschläge mit klagenden Melodien der Celli und Geigen Böses ahnen.

Die Verzweiflung des Jägerburschen Max, der in die Försterstochter Agathe verliebt ist, aber als Schütze gerade eine Pechsträhne hat, stellte glaubwürdig der in Nürnberg als Sohn des Opernsängers Rudolf A. Hartmann geborene Tenor Michael Gniffke dar. Die Rolle des zwielichtigen Caspar, der Max durch sogenannte »Freikugeln« neues Schützenglück verspricht und mit den dunklen Mächten in Verbindung steht, war dem Bass Carl Rumstadt wie auf den Leib geschrieben. Ein Vergnügen für das Publikum waren neben dem Genuss des gesanglichen Könnens und der ausdrucksstarken Darbietung die angespielten Szenen, wie ein Streit zwischen Max und Kaspar, die beide um dieselbe Frau warben. Im ersten Konzertteil gab es noch ein bezauberndes Duett der Sopranistinnen Barbara Friebel in der Rolle der ernsten Agathe und Stefania Gniffke, Michael Gniffkes Schwester, als unbeschwertes Ännchen, mit äußerst virtuosen Partien. Die ganz unterschiedlichen Frauenstimmen passten gut zu den jeweiligen Charakteren.

Die einbrechende Dunkelheit nach der Pause verstärkte die unheimliche Stimmung. Romantik pur war Agathes sehnsuchtsvolle Arie, zart und feinfühlig von den Instrumentalisten untermalt. Stockend gestoßene Hörner und ein Crescendo illustrierten ihre wachsende Unruhe, nachdem sie geträumt hatte, sie sei eine weiße Taube und Max schieße auf sie.

In einem dramatischen Terzett mit den beiden Frauen nimmt Max Abschied, bevor er in der Wolfsschlucht mit Caspar die »Freikugeln« gießt. Amüsant fanden die Zuhörer auch die von Adt auszugsweise vorgelesene Regieanweisung zur »furchtbaren Wasserschlucht« mit einem bleich scheinendem Vollmond, einer Eule auf einem knorrigen Ast mit »feurig rädernden Augen« und zwei sich aufeinander zu bewegenden Gewittern. Das instrumentale Zwischenspiel begleitete ein düsterer Sprechgesang der Männer auf einem Ton, während die Frauen die schrill und abgehakt endende Aufwärtsbewegung der Geigen mitsangen. Caspar beschwört den Teufel, Max sieht den Geist seiner Mutter, die Streicher fiedeln wie wild und die Stundenschläge der benachbarten Kirchturmuhr sind wie hineinkomponiert. Am Ende gab es für das begeisterte Publikum eine Wiederholung des beliebten »Jägerchors« mit seinem Ohrwurm-Thema in den Hörnern. Veronika Mergenthal