Reichenhaller lieferte sich gefährliches Autorennen mit der Polizei – Urteil Ende August erwartet

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Foto: dpa

Ein hochgefährliches Verfolgungsrennen mit Verletzten und Sachschaden lieferte sich ein führerscheinloser 32-Jähriger mit der Polizei im Bereich zwischen der A8 und Bad Reichenhall. In zwei weiteren Anklageschriften ging es auch um Körperverletzung und Rauschgift. Vor der Sechsten Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzender Richterin Jacqueline Aßbichler räumte der elffach vorbestrafte Mann mit mehrjähriger Hafterfahrung fast alle Vorwürfe ein. 


Der Prozess wird am Dienstag, 31. August, um 9 Uhr mit einem Drogengutachten, den Plädoyers und dem Urteil fortgesetzt.

Über ein Dutzend verschiedener Straftatbestände legt Staatsanwalt Nils Wewer dem Reichenhaller zur Last. Im Zentrum steht das »verbotene Kraftfahrzeugrennen« mit der Polizei am 8. Oktober 2020 über eine Strecke von etwa 20 Kilometern. Der 32-Jährige hatte noch nie eine Fahrerlaubnis, war aber »immer fasziniert von Autos und liebte das Autofahren«, wie er am Dienstag erklärte. Er besaß damals einen BMW 316i, der nicht auf ihn angemeldet war, und einen gefälschten britischen Führerschein, den er für 700 Euro von einem Unbekannten gekauft hatte.

Der 32-Jährige stand an jenem Nachmittag unter Einfluss von Kokain. Mit im Wagen habe ein Beifahrer gesessen, der Kokain dabei gehabt habe. Dessen Namen wollte der Angeklagte nicht nennen. Wegen der Drogen sei er angesichts der Polizeikontrolle gegen 17.40 Uhr an der Autobahneinfahrt Bad Reichenhall geflüchtet. Mit Tempo 150 anstelle der erlaubten 120 Stundenkilometer fuhr er auf der A 8 Salzburg-München auf der linken Spur Richtung Anger und ignorierte alle Anhalteanweisungen der Polizei. Bei Anger verließ er die Autobahn, raste über kleine Straßen und ein Stopp-Schild, die Verfolger mit Martinshorn, Hupen und Blaulicht hinterher.

Ohne anzuhalten, bog der 32-Jährige in die Staatsstraße 2103 ein. Mehrere Fahrzeuge mussten stark abbremsen, um eine Kollision zu vermeiden. Weiterhin mit überhöhter Geschwindigkeit ging es weiter über die kurvige Strecke Richtung Kreuzung Höglstraße/B 20, dann kurz vorher unter der Bundesstraße hindurch. An der B 20 hatte sich zwischenzeitlich eine Zivilstreife mit Blaulicht auf dem Dach postiert. Der 32-Jährige bremste auf 20 bis 30 Stundenkilometer herunter und rammte mit seinem Wagen die rechte Seite des Dienstwagens. Beide Beamten erlitten Verletzungen an der Halswirbelsäule und waren eine beziehungsweise zwei Wochen dienstunfähig.

Trotz der Kollision setzte der Angeklagte die riskante Fahrt fort – mit mindestens Tempo 80 durch die 30-er-Zone in Richtung Petersplatz. Nach Kurs über die Salzburger Straße und die Haindlstraße bretterte er über die Fuß- und Radwege Lechsenwiese und an Stoißer Ache. Am Gänselehen lenkte er mit hohem Tempo in die Saalachstraße und den Marzoller Weg, dann in den Fußweg entlang der Bahnstrecke Freilassing-Bad Reichenhall. Ein entgegenkommender Fußgänger konnte gerade noch von dem schmalen Weg in eine Wiese springen, um nicht erfasst zu werden. Dazu der Fahrer des Verfolgerwagens: »Gefühlt raste er mit 70 km/h über Fuß- und Radwege, auf denen ihm Fußgänger und Radfahrer entgegenkamen.« Laut Anklage gelangte der BMW über die Ahornstraße mit überhöhter Geschwindigkeit auf die B 20 in Richtung Gablerknoten-Bad Reichenhall und überholte bei regem Verkehr mehrere Fahrzeuge.

Bei der Weiterfahrt ereigneten sich Fast-Zusammenstöße mit zwei unbekannten Autos, die gerade noch abbremsen konnten. An der Teisendorfer Straße brachen die Beamten die weitere Verfolgungsfahrt ab – um keine anderen Verkehrsteilnehmer zu gefährden. Der Fahrer sprach von »hohem Gefahrenpotenzial« in verschiedenen Situationen – zum Beispiel an der Stoppstelle, an der engen Unterführung der B 20, am Aufschleifer auf die Bundesstraße, wo das Auto der Kollegen touchiert wurde, in den verkehrsberuhigten Bereichen mit Kindern an den Fahrbahnen. So etwas habe er in seinen vielen Dienstjahren »noch nie erlebt«, erwiderte der Zeuge auf Frage der Vorsitzenden Richterin. Aßbichler würdigte dessen Leistung und Umsicht: »Großes Lob an Sie, dass Sie versucht haben, den Druck zu nehmen.«

Der Angeklagte wurde damals nicht sofort erwischt. Später meldete sich ein Fahrlehrer bei der Polizei. Der 32-Jährige hatte ihn während der irren Verfolgungstour überholt. Auf weitere Zeugen mit Ausnahme der Polizisten konnten die Ermittler nicht zurückgreifen. Niemand hatte Anzeige erstattet.

Rechtlich bedeutet die Aktion des 32-Jährigen laut Staatsanwalt Nils Wewer: Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, Straßenverkehrsgefährdung, ein illegales Autorennen, Widerstand und tätlicher Angriff gegen Vollstreckungsbeamte, gefährliche Körperverletzung, Sachbeschädigung, Unfallflucht und Fahren ohne Fahrerlaubnis. Aus der zweiten Anklage kam eine vorsätzliche Körperverletzung am 9. Februar 2020 an einem Mann hinzu, den der Täter vor dem Eisstadion Inzell aus unbegründeter Eifersucht heraus mit dem Kopf gegen ein Auto gestoßen hatte. Das Opfer trug eine Kopfplatzwunde davon.

Die dritte Anklage enthielt weitere Fahrten ohne Führerschein, Urkundenfälschung und Drogendelikte in Verbindung mit einer Waffe. Bei einer Durchsuchung waren in der Wohnung des 32-Jährigen am 15. Februar 2021 gut 100 Gramm Marihuana und zehn Gramm Kokain entdeckt worden sowie direkt unter dem Drogenversteck ein Schlagstock aus Kunststoff. Der seither in Untersuchungshaft sitzende Mann, dem als Verteidiger Florian Georg Eder aus Freilassing und Hans-Jörg Schwarzer aus Berchtesgaden zur Seite stehen, behauptete vor Gericht, die Betäubungsmittel seien für den Eigenbedarf bestimmt gewesen. Gehandelt mit Drogen habe er nicht. Alle anderen Vorwürfe räumte er ein. kd