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Ratlosigkeit, Wut und Trauer in den Berchtesgadener Geschäften wegen Lockdown

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Berchtesgaden: Ratlosigkeit, Wut und Trauer in den Geschäften wegen Corona-Lockdown
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Lisa und Karl Seiberl halten ihr Modehaus nur geöffnet, weil sie den wenigen Kunden in der ansonsten toten Zeit ein wenig Abwechslung bieten wollen.

Berchtesgaden – Wer in diesen Tagen durch den Markt Berchtesgaden geht, der erlebt eine gespenstische Situation: Die Geschäfte sind geöffnet, aber es sind nur sehr wenige Menschen unterwegs. Eine schwierige Situation für die Geschäftsinhaber, die ihre Läden zwar öffnen dürfen, aber kaum Kunden bedienen können. Entsprechend groß sind bei den Geschäftsinhabern Ratlosigkeit, Wut und Trauer wegen der seit Dienstag geltenden Ausgangsbeschränkungen.


Auf der einen Seite sollen die Menschen zu Hause bleiben. Auf der anderen Seite darf man in allen Geschäften einkaufen oder auch zum Friseur gehen. Doch wer geht schon hinaus, wenn die Regierung offiziell empfiehlt, daheim zu bleiben? Befragt man Ladenbesitzer oder deren Angestellte zur Geschäftssituation, dann bekommt man zur Antwort, dass so gut wie nichts los sei.

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In einem Geschäft waren in den letzten drei Tagen zwei Kunden, ein anderer Ladenbesitzer sprach von 60 Euro Umsatz. Und ein dritter sagte gar, dass er nächste Woche sein Geschäft ganz schließe, weil es einfach keinen Sinn mache, aufzusperren, wenn die Menschen so gut wie eingesperrt seien. Fast alle fragen sich, was sich die Politik bei ihren eigenartigen Maßnahmen denkt.

Kritik an Landrat-Aussage

Viele sind auch sprachlos über die Aussagen von Ministerpräsident Markus Söder und Landrat Bernhard Kern, der sogar davon spricht, »die Daumenschrauben anzuziehen«. Auch die Empfehlung von Agrarministerin Michaela Kaniber an die österreichischen Nachbarn, nicht ins Berchtesgadener Land zum Einkaufen zu fahren, können einige nicht nachvollziehen.

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Christina und Christoph Göttges erkennen bei ihren Kunden große Verunsicherung. (Fotos: Christian Wechslinger)

Kritisiert wird auch, dass am Dienstag zahlreiche Urlauber aus den Beherbergungsbetrieben nach Hause geschickt wurden, ohne dass sie vor Verlassen des Berchtesgadener Landes getestet wurden. Viele könnten nun das Virus in ganz Deutschland verteilt haben, erklärte ein einsamer Passant in Berchtesgadens leerer Fußgängerzone. Bei allem Verständnis für Vorsichtsmaßnahmen können die Befragten nicht mehr nachvollziehen, mit welchen abenteuerlichen Mitteln vorgegangen wird.

»Wir haben keine Gäste und die Einheimischen müssen ja einen triftigen Grund haben, ihre Wohnung zu verlassen. Ich verstehe das alles nicht mehr und werde unser Sportgeschäft in der nächsten Woche nicht mehr öffnen«, erklärt Fabian Babel. Der hält die umfassenden Beschränkungen vom Frühjahr für sinnvoller. Sein Personal schickte der Sportartikelhändler in Urlaub und wenn die Maßnahmen noch länger dauern, wird das Personal wieder in Kurzarbeit gehen. »Was mit Berchtesgaden gemacht wurde, ist schon Rufmord«, befindet Fabian Babel.

Christina und Christoph Göttges sind weniger auf Laufkundschaft als auf Geschäftsleute angewiesen. Sie arbeiten derzeit vornehmlich online im Versandgeschäft, weil der Kauf von Bilderrahmen kein triftiger Grund sei, die Wohnung zu verlassen, so Göttges. Dem Landrat stellte Göttges zum Thema eine konkrete Frage, hat aber immer noch keine Antwort bekommen.

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Katharina Angerer von Optik Kleinert konnte am Donnerstag gerade einmal zwei Kunden bedienen.

Am letzten Mittwoch haben beim Ehepaar Göttges viele Kunden angerufen, ob das Geschäft überhaupt offen wäre. »Dass sich die Bürger fürchten, auf die Straße zu gehen, hängt wohl auch mit den Polizeiaufgeboten zusammen, die permanent im Kampfanzug durch die Straßen patrouillieren. Im Sommer herrschte touristischer Ausnahmezustand im ganzen Land und jetzt finden diese nicht nachvollziehbaren Maßnahmen statt«, wundert sich Christoph Göttges.

Der hält auch nichts von den permanenten Drohungen der Regierung. Seit Monaten vermisst er darüber hinaus Empfehlungen, wie die Menschen ihr Immunsystem stärken können. Verschanzt in der Wohnung werde das Immunsystem sicher nicht gestärkt. Göttges erinnert sich an eine Kundin, die ihr Geld über den Tresen geworfen hat, um ja nicht in Kontakt zu geraten. Nicht nur Göttges, sondern auch mehrere weitere Befragte vermuten, dass das Berchtesgadener Land als Präzedenzfall herhalten müsse, weil diese Region eben die meisten Menschen kennen.

Ganze zwei Kunden bediente Katharina Angerer von Optik Kleinert am Donnerstag. Es sei recht langweilig, aber man müsse öffnen, weil man ja Brillen und Hörgeräte habe und Patienten vielleicht Hilfe brauchen.

Kein Verständnis

Lisa und Karl Seiberl vom Modehaus im Markt haben nur geöffnet, weil sie in der toten Zeit einen kleinen sichtbaren Beitrag zur Aufheiterung der Menschen leisten möchten. Wenn man sich bei der Allgemeinverfügung auch ziemlich gewunden habe, so sei die Maßnahme faktisch ein Lockdown, sagt Karl Seiberl. Der Einzelhandel dürfe öffnen, die Bürger würden aber angehalten, nicht aus dem Haus zu gehen. Für diese Regelung fehle ihm jedes Verständnis, kritisiert Seiberl.

»Eigentlich müssten wir gar nicht öffnen, weil wir kein Angebot für den täglichen Bedarf haben«, befindet der ehemalige Gemeinderat und 2. Bürgermeister, der auch auf die Beherbergungsbetriebe verwies, die ihre Gäste binnen kürzester Zeit ungetestet nach Hause schicken mussten.

Und Lisa Seiberl kann überhaupt nicht verstehen, wie Landrat Kern von einem »Anziehen der Daumenschrauben« sprechen könne. Schließlich finden es die Seiberls auch grotesk, dass positiv Getestete immer wieder mit Infizierten oder gar Kranken in Verbindung gebracht werden. Wenn es auch wenig Sinn mache, so halten die Seiberls ihr Modehaus offen, um den wenigen Menschen am Weg wenigstens etwas Aufheiterndes zu bieten.

»Eine Frechheit«

Überhaupt nicht verstehen kann die Maßnahmen auch Martin Krenn von Sport Esterle. »Das alles ist eine Frechheit. Keiner kennt sich mehr aus und Tausende Menschen von heute auf morgen heimzuschicken, bitte was soll denn das?«, fragt sich Krenn und verweist auf einen Gast, der selber Arzt ist und mit seiner Familie unter Tränen abgereist ist. »Wir wohnen weitab von vielen Menschen, sind nur im Zimmer und machen alleine kleinere Touren. Wir sind doch hier weitaus sicherer als in meiner Praxis zu Hause, wo ich es nur mit kranken Menschen zu tun habe«, so der konsternierte Mediziner.

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Julia Moderegger und Emily Schneider warten im Herrenhaus der Firma Dollinger auf Kunden.

»Eine andere Familie mit einem kleinen Kind ist acht Stunden angereist, war zwei Tage hier und wurde dann wieder heim geschickt«, weiß Krenn zu berichten. »Im Sommer empfahl Söder den Menschen, in Bayern Urlaub zu machen. Tausende Gäste waren bei uns und nichts ist passiert. Was machen die mit uns?«, so ein leicht erzürnter Sportartikelkaufmann.

Traurig über die derzeit triste Situation sind auch die beiden Verkäuferinnen vom Herrenhaus Dollinger, Julia Moderegger und Emily Schneider. »Es wäre schön, wenn die Regierenden einmal klar ausdrücken würden, was wir dürfen und was nicht«, so die beiden Verkäuferinnen. Florian Meilinger von der Firma Denk bekam am Mittwoch viele Anrufe von verunsicherten Menschen, die gefragt haben, ob das Geschäft denn offen sei. Auch Meilinger kritisiert die schlecht kommunizierten Regeln und hält sie darüber hinaus für unverhältnismäßig.

Christian Wechslinger