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Rastlose Irrfahrt mit offenem Ende

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Die Sopranistin Anahita Ahsef und Thomas Hartmann am Flügel konzertieren in der Schlossökonomie Grabenstätt. (Foto: Kaiser)

Unter den rund 600 Liedern, die Franz Schubert (1797 bis 1828) der Nachwelt hinterlassen hat, ragen die beiden Liederkreise »Die schöne Müllerin« (1823) und die »Winterreise« (1827) hervor. Der Dichter beider Zyklen ist der Dessauer Schuhmacherssohn Wilhelm Müller (1794 bis 1827), frühvollendet wie Franz Schubert. Ob sich Dichter und Komponist gekannt haben, ist unklar, doch wirken beide Zyklen wie die gegenseitige Ergänzung zweier Schöpfer, die »sich gebraucht« haben.


Im auch akustisch ansprechenden Saal der Schlossökonomie Grabenstätt geschah Ähnliches mit Sängerin und Klavierbegleiter. Die in Teheran als Tochter des Intendanten der Teheraner Oper, Brijan Ahsef, geborene Sopranistin Anahita Ahsef und der Chiemgauer Pianist Thomas Hartmann, Einspringer für den ursprünglich vorgesehenen Begleiter, hatten nur eine einzige Verständigungsprobe vor dem Abend in Grabenstätt – das erste Lied der »Winterreise« diente noch der Verständigung, dem Zusammenfinden, doch bereits bei der »Wetterfahne« waren die beiden musikantisch »ein Herz und eine Seele«. Den dramatischen Bildern von »Gefrorene Tränen« und »Erstarrung« folgte in »Der Lindenbaum« ein nachdenklicher Haltepunkt. Ganz im Reinen mit der Dichtung gab hier die Sängerin eine klare, gültige Verkündigung des Textinhalts, ganz fern von »Gender«-Problematik.

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Höchste, dabei stimmlich bestens kontrollierte Expression legte sie in die »Wasserflut, in tiefe Verzweiflung mündete »Auf dem Flusse«. Und auch Thomas Hartmann verstand das Wort als Basis des Liedes und erleuchtete es als pianistischer Mitgestalter in intelligenter musikalischer Durchdringung und Gestaltung. Wie er das »Irrlicht« in tiefsten Felsengründen flackern ließ, die bunten Blumen im »Frühlingstraum« malte und mit dem Geschrei der Hähne und Raben vom Dach kontrastierte, war Ergänzung und Ansporn zugleich an die Sängerin.

»Der Wegweiser« als Symbol für die Ausweglosigkeit dieser Irrfahrt leitete das finale Liederquintett der Endgültigkeit in diesem Zyklus ein: »Eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück«. Der Totenacker wird zum ungastlichen »Wirtshaus«, das auch keinen Platz für den Wanderer hat, in »Mut« bäumt sich der ein letztes Mal auf: »Will kein Gott auf Erden sein, sind wir selber Götter!«. Die rätselhaften und in ihren Aussagen doch so vertrauten »Nebensonnen« leiten über zum sanften Wahnsinn des »Leiermanns«, zur Identifikation mit dem Endgültigen in tödlicher Klarheit.

Der große Reiz, ja der Charme des Abends lag darin, dass er eine »erste Aufführung« war, eine erste Bewährungsprobe für die beiden Künstler vor erfreulich großem Publikum ohne die Routine von Dutzenden von Auftritten. Man freut sich auf ein weiteres Konzert mit den beiden. Engelbert Kaiser