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»Qualitätstourismus - mehr als ein Schlagwort?«

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Eine ordentliche Balance zwischen Mensch, Tier und Natur ist für Prof. Dr. Kurt Luger vom UNESCO Lehrstuhl Kulturelles Erbe und Tourismus an der Universität Salzburg eine Grundvoraussetzung für qualitätvollen Tourismus (Foto: Karin Kleinert)

Marktschellenberg – Tourismus im Berchtesgadener Talkessel, im Grunde im gesamten Landkreis, ist ein Thema, das so gut wie jeden Bürger betrifft und für das es, wie es scheint, gehörig Gesprächsbedarf gibt. Wohl deshalb, und weil kenntnis- und ideenreiche Gesprächspartner vor Ort waren, fanden sich zu dem vom Kreisverband der Grünen zusammen mit dem Ramsauer berg_kulturbüro organisierten Werkstattgespräch »Qualitätstourismus – mehr als ein Schlagwort?!« an die 50 Interessierte im Gasthaus »Oberstein« in Marktschellenberg ein, darunter auch Touristiker, Hotelbetreiber und Privatvermieter, um gut zwei Stunden die unterschiedlichsten Gesichtspunkte überaus angeregt zu diskutieren.


Moderatorin Dr. Gisela Badura-Lotter stellte die drei kompetenten Inputgeber kurz vor, die sich mit dem in allen alpinen Tourismusregionen brisanten Thema seit vielen Jahren beschäftigen: Prof. Dr. Kurt Luger, der den UNESCO Lehrstuhl Kulturelles Erbe und Tourismus an der Universität Salzburg innehat, Landratskandidat Dr. Bartl Wimmer und den Kulturphilosophen Dr. Jens Badura.

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Laut Luger komme es darauf an, von welcher Perspektive aus man den Tourismus betrachte, von der der Besucher aus oder von der der Menschen vor Ort. Eine Qualität bekomme der Tourismus nach seinem Dafürhalten erst, wenn er für alle Seiten einen Gewinn bringt und auf lange Zeit einen Sinn macht und zwar in ökologischer und ökonomischer Hinsicht. Der Nachhaltigkeitsbegriff sei für ihn, weil inflationär gebraucht, inzwischen »abgenudelt«. Die Diskussion von Nachteil und Nutzen, der für die Leute vor Ort überwiegen sollte, müsse ausgewogen geführt werden. Dabei müsse die Debatte um den Tourismus freilich im Kontext gesehen werden, so Luger, und zwar im Kontext mit Wohnraumgestaltung, mit Mobilität, mit Wertschöpfung und Regionalentwicklung im Allgemeinen.

Jens Badura, der, wie er sagte, in vielem mit Luger übereinstimme, meinte, es müsse eine breit angelegte Diskussion über den Begriff »Qualitätstourismus« geben. Es gehe also um die Frage, wen man alles in den Dialog miteinbeziehen müsse, wer beurteile, was wichtig sei für »Qualitätstourismus«. Dies berge, so Badura, viel Konfliktpotenzial, doch müsse diese Auseinandersetzung möglich sein. Laut dem Kulturphilosophen solle die gesamte Region, immerhin das einzige alpine UNESCO-Biosphärenreservat in Deutschland, gemeinsam nachdenken und die Standards fortlaufend aushandeln, in welche Richtung ein qualitätvoller Tourismus gehen solle.

Der Leitgedanke »Wie können wir trefflich streiten um die Qualität, die wir wollen« sei eine wunderbare Überleitung, so die Moderatorin, zum dritten Redner, Landratskandidat Bartl Wimmer. Der sieht drei Stellschrauben, um die sich die Politik kümmern müsse. Einmal das Thema Wohnen. Für junge Leute und Beschäftige im Tourismusgewerbe werde gutes, vernünftiges Wohnen unbezahlbar. Wimmer: »Es wird viel an den Bedürfnisse der Menschen vorbei geplant.« Auch bei der bereits angesprochenen Mobilität sei der gesamte Landkreis gefordert, denn der Individualverkehr nehme jedes Jahr zu. »Lange werden wir das nicht mehr aushalten, hier muss substanziell etwas geschehen«, so der Landratskandidat der Grünen. Auch in puncto Tourismuserweiterung sei die Politik gefordert, die laut Wimmers Ansicht nicht nur die Sterne-Hotels mitnehmen müsse, sondern auch die Vermieter.

Aus der breiten Themenpalette der anschließenden Wortmeldungen seien einige beispielhaft genannt. Sebastian Werner aus Berchtesgaden wollte wissen, an was man die Qualität des Tourismus messen und wie man Parameter verändern könne. Kurt Luger antwortete, dass die Politik das Maß der Dinge festsetzen müsse und nicht das Marketing die Weichen stellen dürfe. Sabine Kruis, Bürgermeisterkandidatin aus Schönau am Königssee, sprach über ihre Erfahrung als Betreiberin einer Biopension. Ihrer Meinung nach lege der Gast mehr Wert auf das Naturerlebnis und auf das Menschliche als auf den Luxus eines Sternehotels. Gabi Springl vom Vorstand des Tourismusvereins Schönau am Königssee sagte, dass es schwierig sei, alle Anbieter »unter einen Hut zu bringen«, da jeder was anderes wolle, den Gast, der nur eine Nacht bleibt beziehungsweise den, der eine Woche hier verweilt. Peter Hettegger, der in Berchtesgaden und in Großarl familiengeführte Hotels betreibt, erinnerte daran, dass viele Alpentäler ohne den Tourismus leer wären. Natürlich gehe es immer um die richtige Balance und um einen guten Mix der Anbieter, so der Hotelier, vom Urlaub auf dem Bauernhof bis zum Sternehotel. Wichtig sei für ihn, dass Wertschöpfung regional verankert sei, in dem alle Handwerkerarbeiten von heimischen Betrieben ausgeführt werden. Seine Idee: alle fünf Jahre müsste sich die Bevölkerung zusammensetzen und darüber diskutieren, wo es in puncto Tourismus hingehen solle.

Vielen Wortmeldungen drehten sich um Mobilität und Verkehr, betreffen doch die Staus, die die Pendler, die in Berchtesgaden arbeiten, wegen des touristischen Individualverkehrs täglich auf sich nehmen müssen, so gut wie jeden. fb