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Pfannenstiel: »Das gesamte Geschäft muss sich hinterfragen«

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Lutz Pfannenstiel
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Fordert ein Umdenken im Fußball: Lutz Pfannenstiel, Sportvorstand von Fortuna Düsseldorf. Foto: Patrick Seeger/dpa Foto: dpa

Lutz Pfannenstiel hat auf allen Kontinenten gespielt. Die Entwicklung des Fußballs in der jüngeren Vergangenheit sieht der noch bis 31. Mai amtierende Sportchef von Fortuna Düsseldorf kritisch. Er fordert ein Umdenken in der gesamten Szene.


Düsseldorf (dpa) - Lutz Pfannenstiel ist guter Dinge, dass die Saison in der Fußball-Bundesliga zu Ende gespielt werden kann und verspürt »größtmögliche Sicherheit«.

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Dennoch fordert der Sportvorstand des Bundesligisten Fortuna Düsseldorf, der fast überall auf der Welt gespielt hat und am heutigen Dienstag 47 wurde, im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur: Die Corona-Krise muss für den Fußball ein Weckruf sein und wird viele Änderungen nach sich ziehen.

Gehen Sie mit einem mulmigen Gefühl in den Re-Start?

Lutz Pfannenstiel: Nein, mit einem guten Gefühl, auch wenn es mir für die Fans extrem leid tut. Ich fühle mich sicher. Weil die DFL und die Vereine ihr Möglichstes getan und ein sehr gutes Konzept entwickelt haben. Dass die Politik und die Behörden uns grünes Licht gegeben haben, zeigt, dass dem DFL-Konzept das nötige Vertrauen entgegengebracht wird. Ich habe die Entwicklung des Konzepts von Anfang an im Detail verfolgt. Man muss Christian Seifert ein ganz großes Lob aussprechen. Er und sein Team haben einen herausragenden Job gemacht.

Verstehen Sie, warum zum Beispiel nach positiven Corona-Fällen in Köln nur die Betroffenen in Quarantäne mussten, nun in Dresden aber die gesamte Mannschaft?

Pfannenstiel: Ja, das verstehe ich absolut. In Köln gab es bei der ersten Testung drei Fälle, in Dresden beim ersten Test einen positiven Fall und bei einem der nächsten Tests zwei weitere. Von daher sind beide Fälle nicht vergleichbar und die Entscheidung des Gesundheitsamtes ist nachvollziehbar. So oder so treffen die Behörden am Ende des Tages die Entscheidung. Das war uns von Haus aus klar und ist auch gut so. Wir müssen diese Entscheidungen akzeptieren.

Die Spieler dürfen entscheiden, ob sie spielen wollen. Verspüren Sie bei dem ein oder anderen Ihrer Profis Zweifel?

Pfannenstiel: Wir haben viele junge Familienväter in der Mannschaft, von daher ist es logisch, dass Spieler Nachfragen haben und Erklärungen gewünscht werden. Aber wir haben die Mannschaft immer so gut wie möglich informiert. Ich verspüre unter den Spielern eine große Vorfreude. Die Jungs haben acht Wochen hart auf diesen Tag hintrainiert und wollen sich als Team mit dem Klassenerhalt belohnen.

Was haben Sie gedacht, als Sie das Video von Hertha-Profi Salomon Kalou gesehen haben, den Sie aus Afrika lange kennen?

Pfannenstiel: Dieses Video war leichtsinnig. Aber er weiß, dass es ein riesengroßer Fehler war.

Waren einige Ihrer Spieler auch leichtsinnig?

Pfannenstiel: Im Gegenteil. Die Vorgaben sind sehr umfangreich. Man muss sich sehr konzentrieren, wenn man immer alles berücksichtigen will. Aber meine Erfahrung ist, dass unsere Spieler sehr gewissenhaft sind. Fast schon supervorsichtig, um nicht nur alles richtig, sondern superrichtig zu machen. Alle Spieler, Trainer oder Mitarbeiter müssen mit gutem Beispiel vorangehen, Verantwortung demonstrieren und eine große Portion Disziplin mitbringen. Nur so kann es funktionieren.

Sie haben weltweit viele Kontakte. Wie wird das deutsche Konzept in anderen Ländern aufgefasst?

Pfannenstiel: Ich stehe zum Beispiel regelmäßig mit vielen Menschen aus der Premier League in Kontakt. Dort wird das deutsche Konzept bewundert. Weil die DFL nicht abgewartet, sondern es selbst in die Hand genommen hat. Das DFL-Konzept wird in vielen Ländern als Leitfaden genutzt. Die gesamte Fußball-Welt schaut nun auf Deutschland.

Besteht darin nicht auch ein großes Risiko, wenn das Konzept am Ende scheitert? Und alle Welt zuschaut.

Pfannenstiel: Natürlich kann es passieren, dass der Fußball irgendwann die Bremse ziehen muss, wenn die Infektionszahlen in der Gesellschaft drastisch hochgehen sollten. Das würde dann aber nicht bedeuten, dass das Konzept falsch war.

Die Bundesliga spielt nun bis Ende Juni, vielleicht bis in den Juli hinein. Viele Vereine wissen bis dahin nicht, in welcher Liga sie spielen oder ob sie im Europacup dabei sind. Haben Vereine aus abgebrochenen Ligen da einen Planungsvorteil?

Pfannenstiel: Die Holländer, Belgier oder Franzosen können jetzt schon ihre Budgets berechnen und haben eine gewisse Planungssicherheit. Aber die Medaille hat natürlich zwei Seiten. Wenn wir die Saison zu Ende spielen können, haben wir eine höhere finanzielle Sicherheit als die Vereine aus den abgebrochenen Ligen.

Glauben Sie, dass die Saison zu Ende gespielt werden kann?

Pfannenstiel: Ja, ich hoffe es. Aber wir sollten zunächst nur von Spieltag zu Spieltag denken. Wichtig ist, dass wir das Ganze nie auf die leichte Schulter nehmen. Und immer daran denken: Der Fußball ist nur ein Teil des Ganzen, die Gesellschaft und die Gesundheit des Einzelnen stehen über allem.

Was muss sich im Fußball als Erkenntnis der Krise ändern?

Pfannenstiel: Ein »weiter so« kann und darf es nicht geben. Das gesamte Geschäft muss sich hinterfragen. Wir brauchen mehr Nachhaltigkeit, Bodenständigkeit und vor allem Demut. Diese Mond-Beträge bei den Ablösen und Gehältern müssen wieder auf ein gesundes Normalmaß sinken. Ich habe immer gesagt: Kein Fußballer der Welt, egal, wie gut er auch ist, ist 100 Millionen Euro wert. Diese Irrsinns-Summen sieht die Gesellschaft zu recht kritisch. Das hat zu einer Entfremdung vom Fußball geführt. Das Ganze wird sich durch die Auswirkungen der Pandemie hoffentlich normalisieren. Ich hoffe, dass dies eine nachhaltige Entwicklung ist, und die Summen nicht irgendwann wieder durch die Decke schießen. Unser Vorstandsvorsitzender Thomas Röttgermann hat zu diesem Thema ja vor Wochen schon einen wichtigen Impuls in die Öffentlichkeit gegeben.

Ist diese Zeit eine Chance für kleine, bodenständige Vereine?

Pfannenstiel: Ich glaube, die Schere zwischen kleineren und mittleren Vereinen wird enger werden. Es werden mehr ablösefreie Spieler auf dem Markt sein und viele Vereine werden abwarten. Aber die ganz Großen mit finanzieller Stabilität und Rücklagen werden auch weiterhin in anderen Teichen fischen.

Müssen die Profis auch ihr öffentliches Auftreten überdenken? Stichwort Goldsteak.

Pfannenstiel: Wie gesagt: Etwas mehr Demut würde dem Fußball guttun. Profis mit protzigen Autos, sündhaft teuren Yachten oder goldenen Steaks unterfüttern das Bild, dass der Fußball in einer Parallel-Welt lebt und sich vom Rest der Gesellschaft abgekoppelt hat. Das ist eine gefährliche Entwicklung, die wir jetzt stoppen müssen. Wichtig ist, dass die Spieler trotz der hohen Gehälter Haltung zeigen, dass sie sich bewusst sind, dass sie sich auf der glücklichen Seite des Lebens befinden. Und vielleicht sollte es in der Zukunft auch Aufgabe der Clubs sein, den Spielern Werte wie Glaubwürdigkeit, Demut und soziale Verantwortung noch stärker zu vermitteln.

Glauben Sie, dass diese Erkenntnis bleiben wird?

Pfannenstiel: Nach den letzten Wochen ja. Ich habe sehr viele Gespräche mit Menschen aus allen Bereichen geführt, und ich habe schon das Gefühl, dass das ein wirkungsvoller Schuss vor den Bug war. Wir alle haben gemerkt, wie schnell auch der große Profi-Fußball, zu dem alle aufschauen, anfangen kann zu bröckeln. Das sollten wir nie vergessen: Es kann immer in die andere Richtung gehen - und es kann schnell gehen. Wir haben nicht ein halbes Jahr aussetzen müssen, sondern nur zwei Monate. Und schon begann vieles zu wackeln. Nun sind wir alle gefordert, damit der Profi-Fußball nicht wie eine Seifenblase zerplatzt, sondern künftig auf einem gesunden Fundament steht. Und da gehört eine gewisse Außendarstellung dazu.

Viele fordern, Vereine müssten mehr Rücklagen schaffen. Ist das realistisch in einem Geschäft, in dem es für die Vereine nicht primär ums Geldverdienen geht, sondern Geld in erster Linie dafür da ist, die Wahrscheinlichkeit auf sportlichen Erfolg zu erhöhen?

Pfannenstiel: Es müssen immer Vernunft und ein gesundes Maß regieren. Wenn TV-Gelder aus der Zukunft schon ausgegeben sind, ist das einfach ein falsches Zeichen. Man kann im Fußball nicht auf Pump leben. Man muss einen vernünftigen Weg finden, zu investieren, um konkurrenzfähig zu bleiben, aber auch Sicherheiten und Rücklagen zu schaffen, damit man nach zwei Monaten Auszeit nicht am Krückstock geht.

Aber viele sagen: Es ist aktuell eine Ausnahme-Situation, die niemand erwarten konnte - und die so schnell nicht wiederkommen wird.

Pfannenstiel: Darauf würde ich mich aber nicht verlassen. Diese Phase hat gezeigt, dass wir nicht blauäugig sein dürfen und uns zumindest auf etwas Unerwartetes vorbereiten müssen.

Ihr Spieler Erik Thommy ist bis zum 30. Juni vom VfB Stuttgart ausgeliehen. Nun könnte der kuriose Fall eintreten, dass die Fortuna in der Relegation auf Stuttgart trifft, und das nach dem 30. Juni. Für wen würde Thommy denn dann spielen?

Pfannenstiel: Ich hoffe natürlich bei uns. Aber das gehört zu den vielen Fragen, die noch zu klären wären.

Auch für Sie persönlich hat das Ganze kuriose Auswirkungen: Sie verlassen den Verein am Saisonende auf eigenen Wunsch, und Ihr Vertrag endet am 31. Mai. Die Saison ist dann noch im vollen Gange.

Pfannenstiel: Wir haben uns damals zusammen auf ein Datum geeinigt, das unter normalen Umständen locker gereicht hätte, die Saison abzuschließen. Leider ist es anders gekommen. Aber das konnte niemand ahnen.

Gibt es schon eine Entscheidung über Ihre Zukunft? Es soll Anfragen aus England, Spanien, den USA und der Türkei geben.

Pfannenstiel: Ich freue mich jetzt auf die nächsten Wochen mit der Mannschaft und dem Trainer-Team. Das Ziel Klassenerhalt mit der Fortuna steht an oberster Stelle. Im Juni möchte ich dann in Ruhe über meine eigene Zukunft entscheiden

ZUR PERSON: Lutz Pfannenstiel (47) hat als Torhüter als weltweit erster Fußballer in jedem der sechs Kontinentalverbände für einen Verein professionell gespielt. Er war Experte bei vielen internationalen Fernseh-Sendern wie dem ZDF, der BBC, CNN, dem ORF, Eurosport oder DAZN. 2011 wurde er Scout und Leiter der internationalen Beziehungen bei 1899 Hoffenheim. Seit Dezember 2018 ist er Sportvorstand bei Fortuna Düsseldorf.

Vorstand von Fortuna Düsseldorf

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