Palmbinden im tiefsten Winter

Bildtext einblenden
Palmtrager Toni Kranawetvogel (v.l.), Erika Hochreiter, Melanie Hochreiter und Conny Kranawetvogel waren schon fleißig. (Fotos: Bernhard Stanggassinger)
Bildtext einblenden
Palmtrager Toni freut sich auf den Palmsonntag. Stolz zeigt er das fertige Kranzzeug.

Marktschellenberg – Die Vorbereitungen auf den Palmsonntag fielen heuer im südlichen Berchtesgadener Land in den tiefsten Winter. Während draußen Schneetreiben herrschte, saßen die Bewohner des Ertlerlehens in Marktschellenberg beisammen und beschäftigten sich mit dem Palmbambinden.


Das Ertlerlehen liegt in Marktschellenberg in Richtung Köpplschneid. Tiefster Winter präsentierte sich dort oben und man hatte das Gefühl, es steht Weihnachten vor der Tür und nicht der Palmsonntag.

Bäuerin Conny Kranawetvogel fertigte am Montag zusammen mit ihrer Tante Erika Hochreiter und mit ihrer Cousine Melanie Hochreiter die »Palmbam« für die Palmweihe am kommenden Sonntag in Marktschellenberg. »Das Binden habe ich von meiner Mutter gelernt«, erzählt Erika Hochreiter, »und die wiederum von meinem Opa.« »Wir verwenden einen Draht zum Zusammenbinden. Ich weiß: Früher wäre das, oder Äste dazubinden, untragbar gewesen. Aber man muss es sich leichter machen und es kommt ja eh die ›Gascht‹ drüber.« Die »Gascht« ist eine Weidenrute, die gespalten wird, das Mark herausgekratzt und dann zum Zusammenbinden des Palmbuschens verwendet wird.

Die drei Frauen sitzen im Hausgang des Bauernhauses. Am Fußboden liegen Palmzweige, Buchs und Zeder. Nur beim Herunterschneiden der Palmzweige half der Mann der Bäuerin, den Rest machen die Frauen. Die fertig gebundenen Palmbuschen wurden in das angrenzende Schlafzimmer gelegt und dann einer nach dem anderen mit »Gschoberat« aufgekranzt. Das »Gschoberat« sind Gschabertbandl, gebeizte Holzbänder in verschiedenen Farben. Aus diesen Bändern werden Ziehharmonikas »Ziamusein«, Eier »Oal«, und Locken »Lockein«, geformt. Schon vor Tagen wurde diese zeitaufwendige Arbeit getätigt. Der Palmtrager ist der siebenjährige Toni vom Ertlerlehen. Stolz zeigt er ein »Ziamusei«, das er selbst gemacht hat. 18 »Palmbam« wird der Toni zur Palmweihe tragen und danach verteilen. Wo die »Palmbam« hinkommen, ist genau festgelegt. Zwei große sind »Feldbam«, sie muss der Toni auf eine Wiese stecken und ein Vaterunser beten. Vier Mittelgroße sind »Friedhofbam«, sie werden auf Gräber gesteckt und zwölf sind »Kreuzbam«, diese kommen hinter den Hergottswinkel in die Stube. Am Palmsonntag hat gewöhnlich der ein oder andere Bursch schon die kurze Lederhose an. Ob das in diesem Jahr nach dem Wintereinbruch möglich ist, dürfte fraglich bleiben.

Bernhard Stanggassinger