weather-image
20°

Ouvertüre, Solokonzert, Sinfonie – die klassische Abfolge

Das fünfte der Sinfonischen Konzerte Traunstein, das letzte der Saison, vereinte in der vollbesetzten Aula der Berufsschule Traunstein die in dieser Stadt ansässige Harfenistin Silke Aichhorn und das hiesige Musik-Kollegium zu heiterem und auch energischem Musizieren; es erklangen Werke von Komponisten, die allesamt zu früh verstorben sind.

Silke Aichhorn verlockt die Geiger bei ihrer Zugabe »Last Rose of Summer« zu intensivem Zuhören. (Foto: E. Kaiser)

Mit »Idomeneo« endet die erste Phase des Opernschaffens von W. A. Mozart (1756 bis 1791), in der er vor allem für italienische Bühnen schrieb. Der Idomeneo ist dabei der bedeutendste Beitrag, den Mozart zur Gattung der italienischen Opera seria geleistet hat. Die einsätzige Ouvertüre dazu, die kürzeste von Mozarts Operneinleitungen, charakterisiert plastisch die Hauptpersonen der Handlung. Das Musik-Kollegium Traunstein unter Augustin Spiel stellte sie teils schwungvoll-festlich, teils verhalten-erwartungsvoll vor – gerade recht, um den »Appetit« der Zuhörer auf einen feinen Konzertabend zu wecken.

Anzeige

Ernst Eichner (1740 bis 1777) begann erst mit 22 Jahren seine Karriere als Musicus in der Hofkapelle des Herzogs von Zweibrücken-Birkenfeld als Geiger und virtuoser Fagottist; 31 Sinfonien und 20 Instrumentalkonzerte beweisen ihn als fleißigen Komponisten. Während der zehn Jahre am Herzogshof büchste er allerdings ab und zu nach Frankfurt aus, um dort Konzerte zu geben; auch Paris und London waren »Ausflugsorte«. 1772 kehrte er Zweibrücken endgültig den Rücken und »ließ nicht nur einiges an Bierschulden zurück, sondern ebenfalls Frau und Kind« (Johannes Sturm im Booklet der neuesten CD von Silke Aichhorn; vgl. Kasten). Silke Aichhorn widmete sich in Traunstein Ernst Eichners Harfenkonzert D-Dur op. 9 in einer »Live-Uraufführung« der Komplettfassung, an deren Erstellung sie mitgearbeitet hat. Sie ist derzeit die Einzige weltweit, die dieses Konzert spielt.

Zu Harfe und Streichern kamen ergänzend zwei Hörner und zwei Flöten dazu; die ebenso vorgesehenen zwei Trompeten und Pauken kamen in Traunstein nicht zum Einsatz. Vielleicht war gerade deshalb die Balance zwischen Harfen- und Orchesterklang so ausgewogen, kamen die solistischen Passagen so schlüssig und klar. Um so erfreulicher wirkte die Erweiterung der Klangfarben an ausgesuchten Stellen, vor allem im Schluss-Allegro mit seinem Dreiklangsmotiv. Jeder Satz ist mit einer Solokadenz angereichert, bei der das frappierende technische Können der Künstlerin genau so zur Geltung kam wie ihre sensible Musikalität in Dynamik und Agogik.

Das erste »Bravo« nach dem Harfenkonzert kam aus den 1. Violinen. Freundlich gewährte Silke Aichhorn »Last Rose of Summer« von John Cheshire »zur Beruhigung« nach ihrem mitreißenden Heimspiel.

Das sinfonische Hauptwerk von Robert Schumann (1810 bis 1856) und wohl seine schönste Sinfonie ist die in d-Moll, komponiert im selben Jahr 1841, in dem Schumann seine erste, die »Frühlingssinfonie« op.38 in nur vier Tagen aufs Papier geworfen hatte. Doch weil seine zweite Sinfonie bei der Uraufführung nicht den erhofften Beifall fand, legte er sie zur Seite. Erst zehn Jahre später, nach der Vollendung der »Rheinischen«, revidierte er die Orchestrierung; 1853 dirigierte er die mit großer Zustimmung aufgenommene Uraufführung. So rutschte das Werk als vierte Sinfonie auf die hohe Opuszahl 120.

Die vier Sätze der Sinfonie sind nicht nur äußerlich dadurch verschmolzen, dass sie fast nahtlos ineinander übergehen, sondern auch durch die Querverbindung einzelner Themen und Themenfetzen in den Sätzen. Das wurde dem Komponisten lange Zeit als »mangelndes Gestaltungsvermögen« vorgeworfen. Doch wer sich dem kraftvollen Gestus dieser Musik überlässt, die Zärtlichkeit der Melodien und die kämpferischen Impulse mitlebt, dem sind solche enge Beckmessereien egal.

Und das war in Traunstein möglich. Es gab zwar im Vorfeld des Konzerts die Erwartung, bei manchen Freunden des Orchesters die Befürchtung, es könne den Ansprüchen dieses d-Moll-Werkes mental und technisch nicht gerecht werden. Doch nach langer, intensiver Probenarbeit konnte Augustin Spiel sein Musik-Kollegium mit den Gastmusikern auf eine famose Einheit einschwören, die seinem unaufdringlichen, doch zwingenden Dirigat willig und wirksam folgte.

So hörten die Besucher ein dichtes, langsames Herantasten an den rassigen Kern des 1. Satzes bis hin zu einem machtvollen Höhepunkt, in der Romanze reizvolle Stellen des Solocellos mit den Holzbläsern und die Aufhellung der melancholischen Grundstimmung durch die Verzierungen der Solovioline. Die Zuhörer genossen das heftige, fast brutale Scherzo, das mit seinem Trio zauberhaft zu versöhnen versuchte. Und der Schlusssatz mit seiner behutsamen Brücken-Einleitung mit, die in choralartig verdichteten Jubel mündete, riss besonders mit.

Stürmisch-rhythmischer Beifall belohnte einen weiteren Höhepunkt in der Entwicklung des Musik-Kollegiums Traunstein. Engelbert Kaiser