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»Nur ich kann die Welt retten vor Corona«: 34-Jähriger steht vor dem Landgericht

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Landgericht Traunstein
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Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Zwei äußerst gefährliche Autofahrten lagen einem 34-Jährigen aus dem Berchtesgadener Land am Donnerstag vor dem Landgericht Traunstein zur Last. Dabei hatte er zum einen zwei Autos auf der Autobahn  gerammt. Zum anderen hatte eine Fahrt einen Unfall mit tödlichem Ausgang für den Onkel des Angeklagten zur Folge und bei einer Verfolgungsfahrt mit der Polizei in Freilassing wurden mehrere Personen verletzt. Die Zweite Strafkammer mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs ordnete am Donnerstag die Unterbringung des psychisch kranken Beschuldigten in einem psychiatrischen Krankenhaus an.


Der geständige Deutsch-Pole arbeitete zuletzt in Salzburg, wohnte aber im Landkreis Berchtesgadener Land. Seine Verwandtschaft lebt in Hessen und in Polen. Im Sommer 2020 fühlte er sich beruflich überlastet nach »wochenlangem Stress«, konsumierte vermehrt Schnaps und Drogen, wie er vor Gericht schilderte.

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Im Juli nahm der 34-Jährige Urlaub, unternahm einige Reisen. Nach einer Tour mit dem – später getöteten – Onkel nach Wien, Salzburg und Polen wollte der Onkel noch seinen Bruder in Hessen besuchen.

Auf der Rückfahrt am 1. August 2020 ereignete sich der erste Tatkomplex. Der 34-Jährige hatte kein Geld zum Tanken. Deshalb stahl er unterwegs zweimal fremde Autokennzeichen – um an Tankstellen unerkannt flüchten zu können.

Am Morgen des 2. August fuhr er mit dem Onkel auf dem Rücksitz auf der Autobahn A 3 in Richtung Passau. Nahe des fränkischen Orts Geiselwind befahl ihm eine »Stimme«: »Die Fahrzeuge sollen aus dem Weg gehen.« Der unter Drogen stehende 34-Jährige rammte mit hoher Geschwindigkeit zweimal von hinten vor ihm fahrende Autos. Die Fahrzeuglenker wichen auf die rechte Fahrbahn aus. Nach einem Tankstopp an der Raststätte Aurach-Süd verfolgte eine Polizeistreife das bereits zur Fahndung ausgeschriebene Auto.

Als der Beschuldigte das registrierte, raste er – erneut auf Befehl der »Stimme« – mit über 100 Stundenkilometer in einen Baustellenbereich vor dem Autobahnkreuz Fürth-Erlangen. Nach 140 Meter prallte der Wagen in einen Sandhaufen. Dazu der Beschuldigte: »Ich konnte nichts mehr machen.« Der Wagen überschlug sich und landete in einer drei Meter tiefen Baugrube. Der Onkel wurde so schwer verletzt, dass er vier Wochen später im Krankenhaus Erlangen verstarb. Der nur leicht verletzte 34-Jährige machte sich nach dem Unfall sofort auf die Weiterreise.

In Wien hörte er, dass sich der Zustand seines Onkels verschlechtert hatte. Er fuhr am 6. August 2020 mit dem Zug nach Freilassing. Dort entwendete er aus einem Geschäft einen BMW. Als der 34-Jährige bemerkte, dass die Polizei hinter ihm war, gab er Gas. Einen als Straßensperre quer aufgestellten VW-Bus touchierte er hinten rechts. Ein Polizist im Bus wurde verletzt.

Auf dem Weg Richtung Kreisel zur Bundes­straße 304 wollte ihn ein Streifenwagen überholen. Der 34-Jährige zog nach links und beschädigte das Polizeifahrzeug derart, dass es stehen bleiben musste. Eine Beamtin und ihr Kollege trugen Verletzungen davon.

Auf der B 304 in Richtung Schwimmbadstraße konnte ein anderes Polizeifahrzeug gerade noch durch Vollbremsung eine Kollision verhindern. Der 34-Jährige bog auf die Kreisstraße BGL 18 nach Ainring ab. Einem weiteren Dienstwagen entkam er durch Steuern in Schlangenlinien und abruptes Bremsen. Die irre Fahrt ging weiter – verfolgt von mehreren Streifenwagen – über die Schwimmbadstraße nach Ainring, dort über ein Firmengelände und durch ein Maisfeld auf die Bundesstraße 20.

Nach einem Lenkmanöver stürzte der BMW eine Böschung hinunter. Der Täter flüchtete zu Fuß und konnte nur unter größten Anstrengungen dingfest gemacht werden. Dabei faselte er wirres Zeug wie: »Ich bin von Gott getrieben.« Er wolle sich »Gehör verschaffen«, sprach abwechselnd von »Jesus« und »Satan«. Ein Polizeisachbearbeiter informierte über ähnliche Vorkommnisse zwischen 2. und 6. August 2020 in Österreich, die jedoch nicht Gegenstand der Anklage waren. So stahl der Beschuldigte in Wien einen Wagen und fuhr in Schlangenlinien über die West-Autobahn. Einer Polizeikontrolle entzog er sich. Nach einem Unfall stieß er eine zufällig vorbeikommende Notarztbesatzung zur Seite und verschwand mit dem Sanka. Während er im deutschen Strafregister bisher nicht vorbestraft ist, hat er in Polen Vorstrafen wegen Trunkenheitsfahrten. Bei einer Fahrt mit 2,1 Promille hatte er einen Crash verursacht, bei dem sein Beifahrer starb.

Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Josef Eberl vom Bezirksklinikum in Gabersee, attestierte dem 34-Jährigen eine schwere psychische Erkrankung. Schon früher hätten sich Krankheitssymptome gezeigt, die durch die Drogen verstärkt worden seien. Der Beschuldigte habe »Wahnvorstellungen in Kombination mit Corona« gehegt. Bei der Untersuchung habe er ständig wiederholt: »Nur ich kann die Welt retten vor Corona.« Bei der Fahrt in die Baustelle habe er gedacht: »Mir kann nichts passieren, weil Jesus bei mir ist.«

Der 34-Jährige sei bei allen Taten schuldunfähig gewesen, stellte Dr. Eberl fest. Die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus sei erforderlich, Bewährung komme derzeit nicht in Frage.

Dem entsprachen Staatsanwältin Barbara Miller und der Verteidiger, Florian Georg Eder aus Freilassing, in den Plädoyers. Vorsitzender Richter Erich Fuchs hob im Urteil heraus: »Krankheitsbedingte Straftaten führen oft zu tragischen Folgen.« Der Beschuldigte habe zahlreiche schwerwiegende Delikte verwirklicht, könne dafür aber nicht bestraft werden. Er sei gefährlich für die Allgemeinheit. Unbehandelt sei die Wiederholungsgefahr sehr hoch. Neben der Unterbringung ordnete die Kammer eine fünfjährige Führerscheinsperre an. In Polen hat der 34-Jährige bereits ein lebenslanges Fahrverbot. kd


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