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In Bad Reichenhall (hier ein Bild von der Kreisklinik Bad Reichenhall) soll ein neuer Kliniken-Campus entstehen. Dafür sprach sich der Kreistag des Berchtesgadener Landes in seiner jüngsten Sitzung aus. (Foto: Kliniken Südostbayern)

Neuer Klinik-Campus: Notfallversorgung soll zentral in Bad Reichenhall erfolgen

Die Standortentscheidung für einen neuen Klinik-Campus der Kliniken Südostbayern AG (KSOB) ist im Kreistag bei fünf Gegenstimmen zugunsten von Bad Reichenhall gefallen. Die Sitzung fand diesmal im Poststall in Teisendorf statt. Offiziell wird das Vorhaben als »Ersatzneubau Krankenhaus Bad Reichenhall« umschrieben. 


Vorstandsvorsitzender Dr. Uwe Gretscher verdeutlichte in seiner Präsentation den Charakter eines Campus, schränkte aber zugleich ein: »Es wird heute kein großflächiges Klinikum mehr auf 'der grünen Wiese' gebaut. Man ist mittlerweile zu einer kompakten Bauweise der kurzen Wege übergegangen und baut lieber in die Höhe und das mit Maß und Ziel. Neben dem Klinikgebäude sind Wohnungen für Mitarbeiter, Schulungsräume, Parkflächen, verkehrliche Anbindung und eine gute Infrastruktur ebenfalls entscheidende Kriterien.« Diese Gesamtschau habe letztlich zur Entscheidung für den Standort Bad Reichenhall geführt, obwohl sich die Kliniken AG auch in Piding bereits ein großes Grundstück gesichert hatte.

Landrat Bernhard Kern rechnet damit, dass im vierten Quartal 2023 das Baurecht für den Standort Bad Reichenhall erteilt wird. »Davon unabhängig läuft das Förderverfahren«, ergänzt Dr. Gretscher.

Kliniken-Fusion war »richtige Entwicklung«

Die Zusammenführung der Kliniken im Berchtesgadener Land und im Landkreis Traunstein vor 20 Jahren habe die richtige Entwicklung eingeleitet, »dabei war die Situation in den ersten Jahren teilweise desaströs«, bekennt Aufsichtsratsvorsitzender der KSOB, Dr. Uwe Gretscher. Seit 2019 aber sei man auf einem guten Weg innerhalb des Klinikverbunds, deren beiden Gesellschafter die Landkreise Traunstein und Berchtesgadener Land sind. »Es ist aber ein Irrtum zu glauben, dass man überall alles vorhalten kann und noch dazu in hoher Qualität allen Anforderungen entsprechend«, wird Gretscher deutlich. Es gelte »weiter den Blick nach vorne in die Zukunft zu richten und nicht zu sehr am Vergangenen festzuhalten.«

Diese Einsicht ist nicht ganz neu, blickt man auf das reduzierte Leistungsspektrum der Kliniken in Berchtesgaden und Freilassing. Und die Entwicklung soll weitergehen, denn der künftige Klinik-Campus in Bad Reichenhall soll mit seiner geplanten Fertigstellung im Jahr 2028 für den Landkreis eine noch zentralere Rolle einnehmen. Die Kreisklinik Berchtesgaden soll dann nur noch die Bereiche »ästhetische Chirurgie, Sportmedizin, Prävention und Komfortbereich« abdecken. 2,52 Millionen Euro will die KSOB in den Standort investieren. In die Kreisklinik Freilassing sollen die nächsten Jahre 1,4 Millionen investiert werden. Als ein Gesundheitscampus mit einem breiten ambulant-medizinischen Angebot und als geriatrische Tagesklinik wird am Standort festgehalten.

In Traunstein sind Investitionen von 230 Millionen und in Bad Reichenhall 185 Millionen Euro veranschlagt. Das bedeutet aber auch, dass es nach dem Konzept der KSOB im Landkreis nur noch in Bad Reichenhall eine Akut- und Notfallversorgung geben soll.

Gretscher erläutert den Kreisräten viele Gründe für diesen Schritt. Die Altersstruktur innerhalb des Berchtesgadener Lands allein schon begünstige den zentralen Standort in Bad Reichenhall. Zudem sei die Gewinnung von Ärzten und Fachkräften zur Aufrechterhaltung der Leistungen immer schwieriger. »Bis 2030 wird auch die Generation der Babyboomer in Rente gegangen sein, das sind 30 Prozent der rund 4000 Beschäftigten von heute«, so Dr. Gretscher.

Es sei gerade die gute Aufteilung und Zusammenarbeit der Kliniken untereinander, die den Verbund die letzten Jahre auf die Erfolgsschiene gebracht hätten. Hilfe holte sich die KSOB für die Fortschreibung dieses Prozesses von der OptiMedis AG aus Hamburg. Dr. Uwe Gretscher sprach von einer Gesundheitsregion und will die Vernetzung aller Leistungsträger optimieren, besonders hin zu den niedergelassenen Ärzten. Die ambulante Versorgung von Patienten werde noch weiter wachsen.

Die KSOB gehören laut neuesten Zertifizierungen zu den herausragenden zehn Prozent der Kliniken in Deutschland, hebt der Vorstandsvorsitzende die Bedeutung hervor. So sei etwa der Bereich der Digitalisierung weit fortgeschritten und es komme modernste Technik und Software zum Einsatz. Die Entwicklung werde dabei nicht stehen bleiben, die »Robotik wird in den Kliniken kommen und vieles wird sich im digitalen Bereich, also in der Telemedizin, entwickeln«, so der Mediziner.

Über Zentralisierung muss gesprochen werden

Bei allem Fortschritt aber bleibe die Notfallversorgung existenziell und die soll zentral in Bad Reichenhall erfolgen. Freilassing und Berchtesgaden würden nicht wesentlich zur Notfallversorgung beitragen, »und dennoch wird dort alles vorgehalten«, gibt er zu bedenken. Die Kreisräte bekräftigten zwar die notwendige Konzentration der klinischen Leistungen, sehen die Fortschreibung der Zentralisierung aber auch als einen gesellschaftlich relevanten Prozess, der viel Gesprächsbedarf mit sich bringe.

Landrat Bernhard Kern kommentierte die Entwicklung mit den Worten: »Wir sind froh, dass wir uns so früh neu aufgestellt, professionalisiert und verändert haben, bevor wir am Alten verharren und von außen verändert werden.« Dr. Bernhard Reichelt (Grüne) erinnerte an ein altes Gutachten der Bertelsmann-Stiftung. »Darin hatte man gefordert, 800 Kliniken zu schließen. Heute wissen wir, wie wichtig auch kleine Häuser sind. Bereits 2008 reduzierten wir das Angebot in Berchtesgaden und Freilassing stark«, und das gestalte sich bei der Notfallversorgung schwierig. Zudem wiege die Belastung durch die Corona-Pandemie schwer und die neue Omikron-Variante werde als wesentlich virulenter eingeschätzt.

Hans Metzenleitner (SPD) freut sich über die frühzeitig angestoßene Entwicklung des Verbundes. »Es wurden Schwerpunkte gesetzt und eine Spezialisierung erreicht. Dabei ist ein medizinisches Konzept kein Wunschkonzert, die Vorgaben der Kassen und die Finanzierbarkeit setzen Grenzen.«

Dr. Bartholomäus Wimmer (Grüne) sieht in der Schließung »der Inneren« in Berchtesgaden auch eine politische Botschaft, mit der man sich befassen müsse. Dabei aber würde eine ausufernde öffentliche Diskussion nicht hilfreich sein. Dr. Uwe Gretscher verwies in dem Zusammenhang darauf, dass auch die Diagnostik im Bereich der Geriatrie ein Teil der inneren Medizin sei und die würde in Berchtesgaden verbleiben.

Interessen der Bevölkerung mit einbringen

Kreisrat Georg Wetzelsperger (CSU) hebt die Neuausrichtung der Kliniken im KSOB-Verbund positiv hervor. Es sei »ein seit langem bestehendes Anliegen der Alzheimer Gesellschaft, den Bereich der Diagnostik in der Geriatrie zu stärken.« Ebenso begrüßte er den Ausbau ambulanter Leistungen für eine integrierte Versorgungslandschaft in der Region. »Es ist gut, die Kliniken in kommunaler Trägerschaft führen zu können, bevor ein multinationaler Konzern die finanziellen Mittel abgreift.«

Michael Koller (FW) richtete seinen Dank an Dr. Uwe Gretscher für die umfassenden Informationen. Jetzt müsse man daran arbeiten, die Interessen der Bevölkerung einzubringen. »Wir haben in Berchtesgaden mit den Gefahren am Berg und dem Tourismus zu tun. Es ist dann schon eine Frage, wie lange Notärzte auf der Strecke sind und wie viele vor Ort zur Verfügung stehen. Es geht um eine ganzheitliche Betrachtung. Es kann nicht sein, dass man bei einer Platzwunde auf dem Pausenhof zur medizinischen Versorgung erst nach Bad Reichenhall fahren müsse.« Er verstehe die Präsentation von Dr. Uwe Gretscher zur Zukunft der KSOB als Startschuss einer Debatte, die geführt werden müsse.

Manfred Hofmeister (BLR) schloss sich diesem Ansinnen an und hakte nach: »Wie stark sind die Vorgaben und Reglementierungen? Es geht um die menschliche Daseinsvorsorge. Wie sehr müssen wir monetären Zwängen und Vorgaben nachgeben?«, fragt er. Man müsse nachdenken, »auch Präsenz in der Fläche zu erbringen, selbst wenn es sich nicht immer rechnet. Die Gesellschaft und Politik sind gefordert.«

gsp