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Neubau am Spornhofweg: Schüler müssen Familien weichen

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Berchtesgaden: Neubau am Spornhofweg: Schüler müssen Familien weichen
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Das Wohnhaus am Spornhofweg soll abgerissen werden. Entstehen sollen dafür sieben Reihenhaushälften.
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Müssen am Ende der Sommerferien ausziehen (v.l.): Leon Schuster, Hanna Uphaus, Fabienne Leopold und Alice Eichhorn. (Fotos: Vietze)

Berchtesgaden – Der begrenze Wohnraum in Berchtesgaden bereitet vielen Menschen Sorgen. Alice Eichhorn wusste bereits mit dem Einzug in das Haus am Spornhofweg vor ein paar Monaten, dass sie dieses Jahr wieder eine neue Wohnung suchen muss. Derzeit lebt die Schnitzschülerin mit sechs weiteren Kollegen in einer Wohngemeinschaft. Doch wegen des geplanten Neubaus müssen alle im Sommer ausziehen. Bei ihrer Wohnungssuche waren die Schüler bislang allerdings erfolglos.


Rund 150 Menschen bewerben sich derzeit um eine Bleibe in Berchtesgaden oder den Nachbargemeinden. Das Wohnbauwerk Berchtesgadener Land plant einige Bauprojekte, über deren Umsetzung muss noch beraten werden.

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»Wir hatten bisher nie ein großes Problem, eine bezahlbare Wohnung zu finden«, so Alice Eichhorn. Zog ein Geselle aus, so zog ein neuer Schnitzschüler ein. Dieser fortlaufende Wechsel habe jedem Auszubildenden das Wohnen am Spornhofweg ermöglicht. »Die Einrichtung ist zwar alt und nicht unbedingt die schönste. Solange aber nichts schimmelt, können wir dort ein gutes Leben führen«, sagt Bewohnerin Fabienne Leopold.

Vergabe nach Einheimischenmodell

Die Gemeinde – derzeitiger Grundstückseigentümer – hat nun die Bewohner aufgefordert, das Haus bis Ende des Sommers zu verlassen. »Das Haus ist baufällig. Deshalb sind der Abriss und die Errichtung eines neuen Gebäudes mit sieben Reihenhaushälften geplant. Wenn alles nach Plan läuft, beginnen wir noch heuer mit dem Bauprojekt«, sagt Marktgeschäftsführer Anton Kurz.

Die neuen Wohnungen sollen nach dem Einheimischenmodell vergeben werden. Junge Familien bekämen so eine Chance. Kriterien wie das Engagement im Ehrenamt und Ortsansässigkeit sind für die Vergabe ausschlaggebend. »Wir unterstützen es, wenn junge Familien Wohnungen bekommen. Leider suchen wir nun vergeblich eine neue Unterkunft. Dabei müsste keine Wohnungsnot bestehen«, sagt Schnitzschüler Leon Schuster. In der Gemeinde gebe es genügend Wohnungen, die leer stehen und nur saniert werden müssen.

An der Motivation der Schnitzschüler scheitert die Suche jedenfalls nicht. Sie wären bereit, den Vermietern entgegenzukommen und auch Hausmeistertätigkeiten zu übernehmen. »Wir üben einen handwerklichen Beruf aus und wollen auch vieles selbst in die Hand nehmen«, bekräftigt Hanna Uphaus. Immerhin hätten sie das Haus am Spornhofweg eingerichtet.

Die Schnitzschüler kritisieren die Anzahl der Ferienwohnungen im südlichen Landkreis. Man könnte einige dieser Wohnungen auch dauerhaft vermieten. »Keine Frage, der Tourismus ist wichtig für Berchtesgaden. Doch es fällt viel Wohnraum weg, wenn Urlauber kurzzeitig in vielen Ferienwohnungen untergebracht werden«, so Schuster.

Neue Projekte sind noch nicht spruchreif

Florian Brunner, Geschäftsführer des Wohnbauwerks Berchtesgadener Land, sieht einen anderen Grund ausschlaggebend für die aktuelle Situation. Die vielen Anfragen seien eine Folge der gestiegenen Attraktivität des Arbeitsmarktes. Ob in der Gastronomie oder im Handwerk: Es gebe einen verstärkten Zuzug aus dem Inland und aus osteuropäischen Ländern. »Viele der Suchenden befinden sich nicht in einer Notsituation: Vielmehr haben sich die Lebensumstände verändert, beispielsweise weil durch die Geburt eines zweiten Kindes mehr Platz benötigt wird.«

Das Wohnbauwerk arbeitet eng mit der Gemeinde Berchtesgaden zusammen, Beide wollen bezahlbaren Wohnraum im Ort schaffen. Geschäftsführer Brunner hat bereits einige Ideen für die Zukunft. »Wir diskutieren im Aufsichtsrat intensiv über neue Projekte. Nur sind sie noch nicht spruchreif«, teilt Brunner dem »Berchtesgadener Anzeiger« mit.

Ein großes Problem sei, dass in Berchtesgaden kaum Grundstücke zur Verfügung stehen würden. »So wird es noch schwieriger, günstige Wohnungen anzubieten.«

Rechtzeitige Bekanntgabe

Die Schnitzschüler sind noch entspannt. Im Sommer wird es ernst. »Wir wussten ja, auf was wir uns einlassen«, sagt Eichhorn.

Bis dahin bleiben die Schüler im ständigen Kontakt mit der Sekretärin der Schnitzschule, sämtlichen Klassenkameraden und der Gemeinde Berchtesgaden. Alice Eichhorn bleibt zuversichtlich: »Wenn wir mehr Kontakte knüpfen und ein Netzwerk spannen, bekommen wir eher mit, ob eine Wohnung frei wird.«

Patrick Vietze

Schreibwaren Miller